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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2009 » Fremdsprachige Literatur » Rezensionen
 
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Die Potenz des russischen Mannes

Wladimir Makanin verbindet in seinem Roman "Der Schreck des Satyr beim Anblick der Nymphe" russisches Liebesleben und neueste Geschichte

Von Daniel HenselerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daniel Henseler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ein alter Mann, der an Schlaflosigkeit leidet, steigt nachts in fremde Datschen unweit von Moskau ein, um in einem Überraschungscoup Frauen sexuell zu beglücken. Jüngere und weniger junge, verheiratete und ledige Frauen, Mütter und Töchter fallen ihm gleichermaßen zum Opfer. Auch wenn es erstaunen mag: Pjotr Petrowitsch Alabin ist den meisten der so Heimgesuchten durchaus willkommen. Zumindest wehren sich nur die wenigsten gegen sein Eindringen, und manche Frau stellt sich gar absichtlich schlafend. Pjotr Petrowitsch hält sich schadlos, derweil der Mond seinem Treiben zuschaut. Der unersättliche Satyr beehrt die Damen dabei ganz als Kavalier - im Anzug und mit Baskenmütze - was seine Verführungskünste offenbar unterstreicht.

Unterdessen ist die Epoche keine einfache: Anfang der 1990er-Jahre befindet sich Russland mitten in einer chaotischen und schwierigen Phase des Reformprozesses. Doch die prekäre wirtschaftliche und politische Lage im Land scheint in Wladimir Makanins neuem Roman zunächst seltsam in den Hintergrund gerückt: Das Leben in der Datschensiedlung ist beschaulich und geht seinen gemächlichen Gang, der Alltag der Menschen erscheint von den Verwerfungen in der Hauptstadt noch fast unberührt. In dieser Situation genießt Pjotr Petrowitsch sein Rentnerdasein: Seine Abenteuer werden burlesk dargestellt und mit Humor und Augenzwinkern geschildert. Allerdings weist Makanins Roman hier auch einige Längen auf: Der Leser hat Alabins (und Makanins) Masche relativ schnell durchschaut, der Romanheld ist ihm sympathisch geworden (oder auch nicht), und es scheint sich nichts wesentlich Neues mehr zu anzukündigen. Makanin greift immerhin zu einem erzähltechnischen Mittel, um den Bericht von Alabins nächtlichen Ausflügen etwas zu variieren. Der Autor wechselt in der Erzählperson zwischen Ich und Er. Dadurch nimmt die Nähe des Lesers zum Protagonisten des Romans zu und ab, was gleichsam den Rhythmus der Mondphasen und des Lebens imitiert.

Makanin hat hier also scheinbar einen Roman über spätes männliches Stehvermögen vorgelegt. Das Geschehen dümpelt zu Beginn des Romans vor sich hin, doch allmählich schält sich auch ein politisch-gesellschaftlicher Aspekt aus der Handlung heraus. Die männliche Potenz wird um eine Bedeutung ergänzt. Makanin stellt Pjotr Petrowitsch einen jungen Soldaten gegenüber: Oleg, Alabins Großneffe, ist erst vor kurzem aus der Armee entlassen worden. Er hat im ersten Tschetschenien-Krieg gedient - Tschetschenien ist ein Lieblingsthema Makanins, der 1995 mit dem "Kaukasischen Gefangenen" eine der wohl besten russischen Erzählungen der letzten Jahre vorgelegt hat. Von seinem Kriegseinsatz ist Oleg als liebesunfähiger Mann mit beschädigter Potenz zurückgekehrt. Von nun an ist Makanins Buch auch ein Generationenroman, in dem "Väter" und "Söhne" unterschiedliche Rollen spielen: Während Alabin seine Kräfte darauf verwendet, Frauen zu verwöhnen, verwandelt sich bei den Jungen die Potenz in zerstörerische Gewalt, die gegen andere Menschen gerichtet wird. Die Väter setzen ihre Manneskraft für die Liebe ein, die Jungen hingegen für den Krieg.

Das Motiv wird im furiosen Schlussteil des Romans noch erweitert. Alabin wird hier nämlich zum Helden einer ganz anderen Geschichte: Er gerät mit einer jungen Frau in die Wirren der Krise von 1993, als die Armee mit Panzern das Weiße Haus, damals Sitz des Parlaments, in Moskau beschoss. Die Abgeordneten wehrten sich gegen Boris Jelzins Entscheidung, das Parlament aufzulösen. Alabin irrt durch die Stockwerke und ausgedehnten Gänge des Weißen Hauses und beeinflusst schließlich gar den Verlauf der neuesten russischen Geschichte. Wie dies genau geschieht, sei hier aber nicht verraten. Immerhin soviel: Alabin setzt erneut seine Manneskraft ein.

Der 1937 im Ural geborene Wladimir Makanin gehört zu den etablierten russischen Autoren der älteren Generation. Im Roman "Der Schreck des Satyr beim Anblick der Nymphe" zeigt er sich wiederum als einfallsreicher Autor, der die leicht skurrilen Seiten des russischen Lebens darstellt, ohne dabei aber die politische Dimension aus dem Auge zu verlieren.


Titelbild

Wladimir Makanin: Der Schreck des Satyr beim Anblick der Nymphe. Roman.
Übersetzt aus dem Russischen von Annelore Nitschke.
Luchterhand Literaturverlag, München 2008.
446 Seiten, 22,95 EUR.
ISBN-13: 9783630872537

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Letzte Änderung: 09.02.2009 - 11:15:49
Erschienen am:27.01.2009
Lesungen: 3811
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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