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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2009 » Kultur- und Medienwissenschaft » Journalismus
 
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Journalisten für das digitale Zeitalter

Christian Jakubetz erklärt in seinem Buch "Crossmedia" den modernen Journalismus

Von Philipp SchmerheimRSS-Newsfeed neuer Artikel von Philipp Schmerheim

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ortstermin. Der Lokalreporter hat das Interview mit dem gerade wiedergewählten Landrat beendet und den Videomitschnitt mitsamt einiger Fotografien von der Wahlparty auf der Festplatte seines Laptops abgespeichert. Zurück in der Redaktion aktualisiert und erweitert er den ersten Wahlkommentar und die Bilder, die er bereits von der Wahlparty an die Online-Redaktion geschickt hatte. Auch der Podcast des gesamten Interviews ist mittlerweile auf der Seite eingebunden, nun folgt der Zusammenschnitt des dreiminütigen Filmbeitrags vom Wahlabend. Der Redaktionsschluss für die Printausgabe naht, somit ist es Zeit für den Feinschliff an der am nächsten Morgen erscheinenden Wahlanalyse, begleitet von einer gekürzten Fassung des Interviews. Das Transkript des gesamten Interviews wird ebenso wie eine interaktive Leserumfrage am Folgetag auf der Online-Seite veröffentlicht.

So ähnlich sieht für den Journalisten und Dozenten Christian Jakubetz der Journalist der Zukunft aus: ein crossmedial arbeitender Tausendsassa, der in verschiedenen journalistischen Ausdrucksformen und Medienplattformen zuhause ist. Jakubetz' in der Reihe "Praktischer Journalismus" erschienenes Buch "Crossmedia" liefert auf gerade einmal 180 Seiten einen kompakten, fundierten und zugleich erstaunlich vielseitigen Einblick in die Arbeitsbedingungen und Herausforderungen des crossmedialen Journalismus. Dabei reißt er zwar einige Themengebiete wie die Interaktion zwischen Journalisten und den Nutzern ihrer Angebote nur oberflächlich an, bietet aber dennoch eine wertvolle Orientierungshilfe in einem disparaten und vor allem für Berufseinsteiger unübersichtlichen Gebiet.

"Crossmedia" beinhaltet für Jakubetz die "Verknüpfung und Vernetzung" von journalistischen Inhalten über Mediengrenzen hinweg und erfordert von Journalisten die Fähigkeit, in "verschiedenen Medien denken zu können, ihre technischen und dramaturgischen 'Gesetze' zu verstehen und Themen entsprechend aufzubereiten." Jakubetz geht anhand dieser Begriffsbestimmung in den einzelnen Kapiteln auf die Arbeitsabläufe, Anforderungen, technischen Voraussetzungen und Herausforderungen einzelner journalistisch relevanter Mediensparten wie Video, Audio und Online ein. Dabei belässt er es angesichts des geringen Buchumfangs bisweilen bei bloßen Skizzen, dieser Verzicht auf das letzte Detail ermöglicht es ihm jedoch, einen kompakten Überblick über die Stärken, Schwächen und Besonderheiten der einzelnen Medienformen zu geben.

Das Buch ist dreigeteilt: In den ersten beiden Kapiteln diskutiert Jakubetz den Begriff "Crossmedia" grundlegend sowie das dazugehörige journalistische Anforderungsprofil und geht auf den Unterschied zwischen journalistischen Inhalten ein, die auf das Lesen, Hören, oder beides gerichtet sind. Der Hauptteil des Buches bespricht vom dritten bis zum sechsten Kapitel die einzelnen Medienformen Video, Audio, Fotografie und Online-Journalismus. Er gibt Kurzanleitungen, mit welchen Arbeitsschritten etwa ein Filmbeitrag gedreht wird und beschreibt die wichtigsten Darstellungsformen sowie das nötige technische Equipment. Das alles lässt sich in den jeweiligen Fachbüchern sicherlich ausführlicher und in der Sache fundierter nachlesen, der Verdienst der Überblicksdarstellung in "Crossmedia" ist jedoch, dass die Leser hier zwischen zwei Buchdeckeln einen Eindruck davon gewinnen, welch unterschiedliche Darstellungsformen, welch unterschiedliches technisches Know-how ein fundiert crossmedial arbeitender Journalist sein Eigen nennen muss.

Hier zeigt sich die Stärke von Jakubetz' Ansatz: er verbindet sorgfältige Begriffsarbeit mit einem kenntnisreichen Blick auf die technischen Rahmenbedingungen journalistischen Arbeitens. Anhand der Beispiele macht er immer wieder deutlich, dass ein Journalist sowohl dramaturgisch als auch technisch sein Handwerk verstehen muss, um in seinem Beruf auf Dauer zu bestehen: "Man kann sich aber auch ausmalen, was letztendlich auf uns Journalisten zukommt [...], wenn die Medienmenschen der Zukunft unsere Inhalte immer und überall, zu jeder Zeit, zu jeder Stelle nutzen können. Die eigentliche Herausforderung für uns wird es also sein, für diese Vielzahl von neuen Medien, neuen Geräten und neuen Nutzungssituationen die entsprechenden Inhalte zu finden beziehungsweise zu erstellen. Wer diese Aufgabe als Herausforderung begreift, wer es versteht, konzeptionell und vernetzt zu denken, der hat alle Chancen auf eine in jeder Hinsicht lukrative Zukunft im Journalistenberuf."

Dass Jakubetz begrifflich sauber arbeitet, das lässt sich an seinem (insgesamt jedoch zu kursorisch gehaltenen) Kapitel über Online-Journalismus ersehen, in dem er klar und deutlich unterscheidet "zwischen einem digitalen Journalismus, dessen Begrifflichkeit sich in erster Linie auf die Produktionsweise (nämlich vollständig digital) bezieht und dem Journalismus, der Voraussetzung ist, um crossmedial produzieren zu können". Anders ausgedrückt: Online-Journalismus ist nicht zwingend crossmedialer Journalismus, denn zu "einem wirklichen crossmedialen Journalismus würde es gehören, auch über die inhaltliche Vernetzung mit anderen Plattformen wie eben beispielsweise einer Zeitung nachzudenken."

Journalisten müssen jedoch bereits aus arbeitsökonomischen Gründen das Fingerspitzengefühl beweisen, für ihre jeweiligen Inhalte auch den richtigen Medienkontext zu finden: nicht jede Seniorenresidenzeröffnung ist schließlich einen eigenen (in der Erstellung zeitraubenden) Filmbeitrag auf dem hauseigenen Onlineportal wert. Für Jakubetz heißt das im Umkehrschluss aber auch, dass es bei Crossmedia nicht darum geht, etwa Printartikel kostengünstig 1:1 in der Onlineausgabe wiederzuverwerten, sondern darum, journalistische Inhalte den Bedingungen und Möglichkeiten der jeweiligen Medien anzupassen.

Crossmedia soll für Verlagshäuser kein Alibi zur Kostenreduzierung und Personaleinsparung sein, sondern steht eindeutig unter dem Ziel, journalistische Inhalte im jeweiligen Medium mit einem Mehrwert zu versehen - ein hehres, bisher kaum verwirklichtes Ziel, wie auch Jakubetz eingesteht, denn "in vielen Online-Redaktionen ist die wohlfeilste Aufgabe immer noch, via Copy & Paste ein CMS [Content Management System; ein computerbasiertes Redaktionssystem] zum Durchlauferhitzer für Agenturmaterial zu machen."

Der dritte Teil des Buches wechselt etwas sprunghaft zwischen Zukunftsprognosen, der Rolle mobiler Medien, digitalen Arbeitsabläufen und den Unterschieden zwischen dem "Sprechen für Audio und Video" hin und her. Einige dieser Kapitel wirken wie mit der heißen Nadel gestrickt. So hakt das Kapitel "Web 2.0 - schöne neue Welt oder Hype" schnell auf zehn Seiten die Themen Blogs, Community und Interaktion ab. Dabei ist gerade die direkte, unmittelbare Interaktion zwischen Journalisten und Mediennutzern eines der Zukunftsfelder im Journalismus. Communityportale wie etwa einestages (Spiegel Online), NEON oder OPINIO (RP Online) generieren Unmengen von Content, dessen Relevanz und Qualität als "Bürgerjournalismus" sich kontrovers diskutieren lässt. Hier hätte Jakubetz den Umgang von Medienportalen mit Lesercontent genauer beleuchten (etwa das Thema "Leserreporter" bei BILD), aber auch die Auswirkungen auf die Journalistenbranche eingehender diskutieren können.

Jakubetz' Buch "Crossmedia" liefert einen wertvollen Überblick über die derzeitigen Trends im Journalismus, bietet einen ersten Einblick in die Anforderungen und Arbeitsabläufe des crossmedialen Journalisten und räumt damit auch mit einigen fehlerhaften Vorstellungen über das Berufsfeld auf. Insofern bietet "Crossmedia" in Verbindung mit einer fundierten Grundsatzdiskussion eine willkommene Orientierungshilfe - nicht mehr, und auch nicht weniger. Wer stärker in die Details einer jeweiligen Richtung einsteigen will, der wird sich nach weiteren Büchern auf dem breit gestreuten Fachbuchmarkt umsehen.


Titelbild

Christian Jakubetz: Crossmedia.
UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2008.
181 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783867640442

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Letzte Änderung: 09.02.2009 - 11:15:50
Erschienen am:28.01.2009
Lesungen: 5951
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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