Logik der Weisheit

Warum der Sinn des Lebens nicht darin bestehen kann, Haselmäuse zu ersticken: Neue Bücher von Gert Scobel und Terry Eagleton

Von Oliver PfohlmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Pfohlmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Erst das Klima, jetzt die Wirtschaft: Soviel globale Apokalypse war noch nie. Und alles "hausgemacht". Da könnte ein wenig kluger Rat nicht schaden. Gab es nicht mal die Idee eines "Weisheitsrates"? So bleich wie mancher Politiker derzeit dreinschaut, wären die Entscheidungsträger wohl heilfroh über ein wenig mentalen Support.

Aber ein "Rat der Kulturweisen" war ja nicht erwünscht gewesen, als dieser Vorschlag vor drei Jahren aufkam, bedauert Gert Scobel in seinem Buch "über das, was uns fehlt". Warum auch, gab es doch einen Bundespräsidenten, der damals jede Diskussion um eine solche Institution im Keim erstickte und lieber selbst seine intellektuelle Führung anbot. Sympathisch sachlich ist Scobels Horst-Köhler-Porträt, frei von jeglicher Polemik - und kommt doch einer einzigen Demontage gleich.

Für den preisgekrönten Wissenschaftsjournalisten sind die von Populismus und Mittelmaß geprägten Einlassungen Köhlers das Negativbeispiel, vor dem sich das, was Weisheit eigentlich ausmachen sollte, umso leuchtender abhebt. Und Weisheit, diese "Orchestrierung von Geist und Tugend", ist für Scobel keine Frage des Alters, ist "kein mentaler Rentenanspruch, für den es einfach genügt, auf eine Art 'Bildungskonto' einzuzahlen, um dann am Ende Weisheit als Zins abheben zu können". Sondern es ist "die Fähigkeit, die wir benötigen, um mit Komplexität umgehen zu können."

Die von Scobel im Schnelldurchlauf erinnerten Eigenschaften komplexer, dynamischer Systeme sind zumindest der System- und Chaosforschung seit langem bekannt, als da wären Selbstorganisation, Nichtlinearität, versteckte Rückkopplungen oder verhängnisvolle Kipppunkte. Alles Phänomene, die sich an der Entwicklung der Finanzkrise seit Sommer 2007 beispielhaft beobachten lassen.

Weniger bekannt war bislang, dass es eine jahrtausendealte Praxis gibt, die hilft, ein Verständnis für solche komplexen Prozesse zu entwickeln und die "perspektivische Verkürzung des Verstandes" (Robert Musil) zu überwinden: die Meditation. Buddhistische Mönche als Krisenmanager - das wäre in der Tat etwas Neues. Ebenso die Vorstellung von Peer Steinbrück, Angela Merkel oder gar - Siddhartha steh uns bei - Josef Ackermann im Lotussitz, umgeben von Räucherkerzen und Klangschalen. Aber Scobel meint das ernst und verweist auf die Ergebnisse des Hirnforschers Wolf Singer, der bei Zen-Meistern anhaltende Veränderungen der Hirnaktivitäten nachwies ("Gamma-Oszillationen").

Erleuchtungserfahrungen haben also womöglich einen handfesten hirnphysiologischen Hintergrund. Weshalb Scobel rät, sich möglichst früh, am besten schon in der Schule, in bewusstseinserweiternden Praktiken zu üben, um sein individuelles "Weisheitspotenzial" zu wecken. Schließlich gehe es in den Schriften eines Lao-Tse, Meister Dogen oder Nikolaus von Kues weder um Esoterik noch ein diffuses Jenseits, sondern um das Hier und Jetzt, eben "den 'Sinn des Lebens'".

Es ist sehr die Frage, ob Scobel mit seiner gutgemeinten, aber fast schon an David Lynch und dessen transzendental-meditative "Friedens-Uni" auf dem Berliner Teufelsberg erinnernden Indienstnahme der Meditation zur Weltrettung nicht einem Missverständnis unterliegt. Meditative Erfahrungen mögen Menschen verändern, ihnen Gelassenheit, Demut, Gleichmut, Mitgefühl beibringen. Aber wenn es um das Management komplexer, außer Kontrolle geratener Systeme geht, erscheint einem der bei Scobel nur en passant fallende Hinweis auf Computersimulationen, die auf spielerische Weise "vernetztes Denken" (Frederic Vester) oder die "Logik des Misslingens" (Dietrich Dörner) lehren, denn doch vielversprechender.

Seltsam mutet es jedenfalls an, wenn Scobel in seinem viel zu lang geratenen Buch betont, die Weisheitsschriften fernöstlicher oder auch christlicher Mystiker kümmerten sich seit jeher wenig um Autorität und Tradition - der Autor aber die Bedeutung der von ihm zitierten Naturwissenschaftler und Hirnforscher bis ins Unerträgliche aufbläst, indem er über Seiten hinweg andächtig ihre diversen Ämter und Funktionen im Wissenschaftsbetrieb aufzählt. Soviel Ehrfurcht käme einem Terry Eagleton nie in den Sinn.

Der britische Literaturwissenschaftler gesteht gleich zu Beginn seines brillanten Essays, dass der "Sinn des Lebens" ein Thema für Verrückte oder Komiker ist, "ich hoffe, ich gehöre eher zur letzteren Kategorie." Im Unterschied zu Scobel beschränkt sich seine mit viel Ironie und bissigem Humor gewürzte Tour d'Horizon durch die Philosophie- und Kulturgeschichte ganz auf den westlichen Kanon. Eagleton diskutiert die skeptischen Antworten Arthur Schopenhauers oder Friedrich Nietzsches ebenso wie die christlicher Fundamentalisten, moderner Autoren wie Franz Kafka oder Samuel Beckett, ja sogar Douglas Adams' berühmt gewordene Antwort "42".

Doch gibt es zwischen Scobel und Eagleton eine bemerkenswerte Parallele: Beide kritisieren den latenten Egoismus der Gegenwart und die allzu bequeme Vorstellung, die Frage nach dem Sinn des Lebens sei jedermanns Privatangelegenheit. Scobels ethisch geprägtes Plädoyer für Meditation unterscheidet sich wohltuend von der in der boomenden Advaita-Bewegung gern praktizierten Verwechslung von Mitleid mit Selbstmitleid. Terry Eagleton, Vertreter einer brisanten Mischung aus Marxismus und Psychoanalyse, sieht die Grenzen individueller Sinngebung da, wo sie vor dem Gerichtshof der allgemeinen Meinung bestehen muss: "Man kann nicht einfach sagen: 'Ich persönlich sehe den Sinn meines Lebens darin, Haselmäuse zu ersticken', und hoffen, damit durchzukommen."

Nachdem Eagleton die Frage nach dem Sinn des Lebens auf höchstvergnügliche Weise sprachanalytisch zerpflückt und gängige Antworten wie Macht, Begehren oder Kontemplation geprüft hat, kommt er mit Aristoteles zu dem Schluss, dass der Sinn des Lebens keine esoterische Erkenntnis, sondern eine Form sozialer Praxis sein müsse. In ihr sind individuelle Freiheit und Gemeinwohl wechselseitig aufeinander angewiesen - wie bei einer Jazzband, in der jeder frei improvisieren kann, aber so, dass das Ganze mehr als seine Teile ergibt. Liebe heißt also einmal mehr das Zauberwort, allerdings in ihrer christlichen Ausprägung als Agape: "Denn Liebe heißt, für einen anderen den Raum zu schaffen, in dem er sich entfalten kann, während er dasselbe für uns tut." Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass es viel schlechtere Antworten gibt.


Titelbild

Terry Eagleton: Der Sinn des Lebens.
Übersetzt aus dem Englischen von Michael Bischoff.
Ullstein Taschenbuchverlag, Berlin 2008.
160 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783550087202

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Gert Scobel: Weisheit. Über das, was uns fehlt.
DuMont Buchverlag, Köln 2008.
350 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-13: 9783832180164

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