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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2009 » Deutschsprachige Literatur
 
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Von pfiffiger Gegenwehr

In Franz Hohlers Geschichte "Das verspeiste Buch" siegt die Frechheit seines Urgroßvaters

Von Georg PatzerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Georg Patzer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Die Geschichte begann damit, dass mein Urgroßvater, den ich selbst noch gekannt habe, einmal nach Basel reiste." Es war ein langer Weg, den er zu Fuß ging, denn viel Geld hatte er nicht. Er ging zur Herbstmesse: "Das tat er jedes Jahr, und er bestand darauf, allein hinzugehen, obwohl das auch ein möglicher Familienausflug gewesen wäre, oder ein Gesangvereinsvergnügen, mehrstündige Fußmärsche zu solchen Anlässen waren damals nichts Außergewöhnliches."

Auf der Messe schaute er sich alles an, was es zu kaufen gab, und auch die "dicke Bertha" musste er betrachten. Auf dem Rückweg aber passierte ihm ein Missgeschick, dass nur dank seiner Ruhe und seiner Frechheit gut ausging. Denn reinlegen ließ er sich nicht, und auch nicht auf den Arm nehmen. Wenn doch, dann zahlte er es doppelt zurück.

Und das kam so: Als er nach langem Fußmarsch aus Basel in einem Lokal einkehrte, wurde ihm, da er die Karte nicht richtig lesen konnte, statt der Ruchwurst ein richtiges Buch kredenzt, mit Sauce obendrüber und allem drum und dran. Es war "La Cucina italiana", von einem italienischen Koch zurückgelassen, als er in die Heimat zurückgekehrt war.

Ohne mit der Wimper zu zucken, und ohne die lachbereiten Nachbarn zu beachten, verspeiste der Urgroßvater das Buch genüsslich, Seite für Seite tunkte er es in die Sauce und schluckte sie hinunter. Und machte dabei allen weis: "Wer ein Buch isst, der weiß nachher alles, was drinsteht." Anschließend bewies er noch auf Nachfrage seine neuen Italienischkenntnisse. Also stimmte es doch. Oder?

Mit kongenialen Illustrationen von Hans Traxler versehen, erzählt Hohler augenzwinkernd von der Macht des Wortes und von der Pfiffigkeit einfacher Menschen. Mit Kleist'scher Ironie und einer ganz gehörigen Portion Chuzpe feiert er in diesem kleinen, feinen anekdotischen Buch die Macht des Fabulierens. Denn: Frechheit siegt. Hier gleich mehrfach, aber wie, das wird nicht verraten.


Titelbild

Franz Hohler: Das verspeiste Buch. Eine Geschichte.
Luchterhand Literaturverlag, München 2008.
86 Seiten, 10,00 EUR.
ISBN-13: 9783630621470

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Letzte Änderung: 09.02.2009 - 11:15:57
Erschienen am:28.01.2009
Lesungen: 4000
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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