"Genialer Polyhistor und Polypragmatiker"

Vor 220 Jahren wurde der Universalgelehrte Carl Gustav Carus geboren

Von Anton Philipp KnittelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anton Philipp Knittel

"Wer heute über Carus schreibt", leitet Gerhard Kloos 1951 seine Untersuchung über "Die Konstitutionslehre" von Carl Gustav Carus ein, "hat es nicht mehr nötig, ihn den Lesern mit empfehlenden Worten vorzustellen." Zwanzig Jahre zuvor klang es bei Rudolf Zaunick, dem Herausgeber der von Carus geplanten, jedoch nicht mehr vollendeten Fortsetzung der "Lebenserinnerungen und Denkwürdigkeiten" einleitend noch ungleich vorsichtiger: "Carl Gustav Carus ist den Gebildeten unserer Tage kein verblaßter Name aus der Vergangenheit."

Weder eine solch zurückhaltende noch eine optimistische Aussage im Sinne von Kloos, wenn sie überhaupt jemals den Kern der Sache getroffen hat, erscheint gegenwärtig angebracht. Angemessener ist wohl eher die Feststellung von Heinz-Egon Kleine-Natrop, der bereits 1970 auf die "etwas eigenartig anmutende Situation" hinweist, dass der Name Carl Gustav Carus zwar "zu einem allgemeinen Begriff des europäischen Geisteslebens" geworden sei, ihn jedoch Medizinstudenten und "Kandidaten der Philosophie und der schönen Künste" kaum kennen würden. Obwohl einzelne Werke des Dresdner Arztes, Malers, Ästhetikers, Psychologen, Philosophen und Naturwissenschaftlers Carl Gustav Carus nach der ersten großen Renaissance in den 1920er-Jahren bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs präsent waren, war eine kritische Monografie über einen der letzten Universalgelehrten des vorletzten Jahrhunderts noch bis vor wenigen Jahren ein Desiderat. Seither ist aber das Werk von Carus unter medizinhistorischen und wissenschaftsgeschichtlichen Aspekten mehrfach thematisiert worden.

Vermutlich waren es gerade Carus' weit gespannte Forschungsinteressen mit mehreren umfangreichen Untersuchungen auf Gebieten der Zoologie, Physiologie, Morphologie, Anatomie, Gynäkologie, Geburtshilfe, Kunsttheorie, Naturforschung, Psychologie und Philosophie, welche diesen "genialen Polyhistor und Polypragmatiker" (Peter Berglar) - mit mehr oder weniger guten Gründen - des Dilettantismus und der Oberflächlichkeit verdächtig erscheinen lassen konnten. Andererseits erschwert eben diese universale Gelehrtheit, die Carus überhaupt erst einen Rang als europäische 'Geistesgröße' verschafft hat, eine umfassende Werkdarstellung, die deshalb nach Meinung seines letzten Biografen in der DDR, Wolfgang Genschorek, "einem Kollektiv von Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachbereiche vorbehalten bleiben" müsse.

Erst vor dem Hintergrund einer seit einigen Jahren anhaltenden 'Konjunktur' anthropologischer und kulturtheoretischer Forschungen, der "anthropologische[n] Wende in der Literaturwissenschaft", gewinnen Carus und sein Werk verdientermaßen an Profil innerhalb der Germanistik. Carus' Œuvre taugt nun gar als Paradigma einer "epochalen Konstellation", wie sie Karl Richter allgemein definiert hat.

Als Sohn eines Färbereibesitzers am 3. Januar 1789 in Leipzig geboren, immatrikuliert sich der spätere "Brückenbauer zwischen Klassik, Romantik und Moderne" (Berglar) nach nur dreijährigem Besuch der berühmten Thomasschule bereits mit 15 Jahren an der Universität seiner Heimatstadt. Bis zum 12. Lebensjahr hauptsächlich von seinem Onkel mütterlicherseits, dem Theologen und Chemiker Daniel Jäger (1762-1835), in erster Linie in naturwissenschaftlichen Fächern unterrichtet, hört der junge Carus an der Universität anfangs vor allem Vorlesungen in Chemie, Physik, Botanik und Zoologie, ohne sich jedoch über ein eindeutiges Berufsziel im klaren zu sein. Als sich im Gefolge der napoleonischen Kriege die Wirtschaftslage der Eltern verschlechtert, drängt sein Vater August Gottlieb Ehrenfried Carus (1763-1842) auf eine Entscheidung zugunsten einer für die Färberei nutzbringenden Ausbildung. Doch der Sohn wechselt 1806 nach Beratung mit seinem in Leipzig Philosophie und Psychologie lehrenden entfernten Verwandten Friedrich August Carus (1770-1807) zum Studium der Medizin über. Zugleich ist der junge Student bestrebt, seine zeichnerischen und malerischen Fähigkeiten nicht zu vernachlässigen. Trotz eines intensiven Studiums mit klinischer Ausbildung im Leipziger Hospital St. Jacob findet er immer wieder Gelegenheit, Zeichenunterricht zu nehmen. Bereits in frühen Jahren vom zeitweiligen Hauslehrer, dem Maler Julius Athanasius Dietze (1770-1843), im Zeichnen nach der Natur unterrichtet, besucht Carus auch während seines Studiums längere Zeit die von Veit Hanns Schnorr von Carolsfeld (1764-1841) geleitete Akademie auf der Pleißenburg.

Im Alter von 22 Jahren promoviert Carus 1811 zunächst an der philosophischen Fakultät. Um Vorlesungen halten zu können, habilitiert er sich nur wenige Monate später mit dem lateinisch verfassten Entwurf einer allgemeinen Lebenslehre. Nachdem bereits im April 1810 die Tochter Sophie Charlotte (1810-1838) geboren wird, was er in den Memoiren verschweigt, heiratet der junge Privatdozent im November 1811 seine gut vier Jahre ältere Stieftante Caroline Carus (1784-1859). Die seit 1804 im Elternhaus lebende Halbschwester des Vaters, "eine sehr sanfte, gemütstiefe und dienende Seele" (Meffert), bringt mindestens elf Kinder zur Welt, von denen jedoch fünf bereits im Kindes- und Jugendalter sterben. Zum Abschluss des Jahres 1811 promoviert Carus schließlich mit einer Arbeit "De uteri rheumatismo" auch an der medizinischen Fakultät.

Auf den Spuren des französischen Begründers der wissenschaftlichen Zootomie, George Cuvier, wagt sich der junge Dozent bereits im nächsten Jahr an das diesseits des Rheins noch kaum bekannte Forschungsgebiet und hält Vorlesungen über einen Teil der vergleichenden Anatomie. Doch das akademische Lehramt allein reicht nicht aus, die wachsende Familie zu ernähren. Neben seiner Tätigkeit als Assistenzarzt an Joergs Entbindungsinstitut ist Carus zugleich als Armenarzt tätig. Als im Gefolge der Völkerschlacht Typhus- und Choleraepidemien in Leipzig grassieren und die Lazarette heillos überfüllt sind, übernimmt der junge Medicus selbstlos die Leitung eines unweit der Stadt provisorisch eingerichteten Krankenlagers. Bald nachdem er sich von einer längeren lebensbedrohlichen Typhuserkrankung erholt hat, die für sein Verständnis von Krankheiten entscheidende Bedeutung erlangen sollte, entsteht als erstes größeres wissenschaftliches Werk der "Versuch einer Darstellung des Nervensystems und insbesondere des Gehirns nach ihrer Bedeutung, Entwicklung und Vollendung im thierischen Organismus".

Die Publikation findet Beachtung, so dass Carus im Frühjahr 1814 auf Vermittlung seines ehemaligen Lehrers Karl Friedrich Burdach (1776-1847) einen Ruf auf eine vorläufige Professur für Anatomie und Physiologie an der deutschen Universität in Dorpat, dem heutigen Tartu in Estland, erhält. Nur kurze Zeit nach Ablehnung dieses unsicheren Angebots übernimmt er, gerade 25 Jahre alt, die Leitung der Entbindungsanstalt der zunächst provisorisch eingerichteten Lehranstalt für Medizin und Chirurgie in Dresden. Trotz mehrerer verlockender Rufe an verschiedene Universitäten bleibt Carus bis zu seinem Tod im Juli 1869 im "deutschen Florenz" (Herder) an der Elbe.

Weitgespannte wissenschaftliche Betätigungen in den unterschiedlichsten Bereichen, verbunden mit einer großen Zahl zeichnerisch-bildnerischer Werke, steigern die gesellschaftliche Reputation und lassen Carus bald in Dresden zu einer festen Institution im öffentlichen Leben der Elbestadt werden. So erregt er bald nach seiner beruflichen Etablierung als Arzt 1816 mit dem Festvortrag zur Eröffnung der Medizinisch-Chirurgischen Akademie über die fossilen Reste urweltlicher Tiere Aufsehen bei seinen Fachkollegen.

Im selben Jahr findet Carus auch erstmals mit vier von Johann Klengel angeregten Landschaftsbildern unter dem Motto "Festtagsarbeiten eines Kunstfreundes" auf einer öffentlichen Ausstellung Beachtung. Bald darauf, und nicht erst 1818, wie er in seinem Lebensrückblick mutmaßt, lernt er Caspar David Friedrich kennen. Wie aus seinen Memoiren "Lebenserinnerungen und Denkwürdigkeiten" (1865/66) hervorgeht, erkennt Carus früh dessen Genie. Unter Friedrichs Einfluss malt Carus in den folgenden Jahren eine Reihe von Landschaftsbildern, von denen einige lange Zeit von der Forschung dem Freund zugeschrieben wurden.

Friedrich ist es auch, der Carus 1820 ermuntert, mit dem "Gasthaus auf dem Brocken" und einem "Tannenwald" Goethe zwei seiner neuesten Ölgemälde zu senden. Auf Goethes Veranlassung verfasst Johann Heinrich Meyer eine Besprechung in "Über Kunst und Altertum", wobei der positive Vergleich zu den Landschaften Ruisdaels gezogen wird. Die Reaktion aus Weimar auf die Bildergaben ist nicht immer gleich anerkennend und freundlich wie im Jahre 1818, als Carus dem lebenden "echte[n] Denkmal deutschen Zustandes auf der Grenze des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts", wie er das verehrte Vorbild in seiner 1843 erstmals veröffentlichten Monografie "Göthe. Zu dessen näherem Verständnis" bezeichnete, sein gerade erschienenes "Lehrbuch der Zootomie" geschickt hatte.

Die von Stefan Grosche im Anhang seiner Dissertation wiedergegebenen bis dato weitgehend unveröffentlichten Briefe von Carus an Goethe legen den Schluss nahe, dass es dem Weimarer Dichter in erster Linie um die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den genetisch-morphologisch angelegten Forschungen des Dresdner Arztes und Naturwissenschaftlers ging, während dieser umgekehrt hauptsächlich seine künstlerischen Bestrebungen am Weimarer Musenhof anerkannt wissen wollte. Unterschiedliche Auffassungen bezüglich der Farbentheorie bleiben deshalb in den Briefen bis auf einen Versuch von Carus, sich mit Goethe über die Farbentheorie auszutauschen, unausgesprochen. Obwohl es trotz wiederholter Einladungen Goethes nur zu einer einzigen Begegnung am 21. Juli 1821 kommt, hält der Briefwechsel bis 1828 an. Seit dieser Zeit wendet sich Carus vermehrt psychologischen und philosophischen Themen zu. Da ihm aber in all den Jahren sehr daran gelegen ist, "jede nicht bloßmedizinische Arbeit [...] auch alsbald nach ihrer Vollendung von Goethe gekannt zu wissen", sind seine auf Goethes Morphologie aufbauenden (natur-)wissenschaftlichen Überlegungen in Weimar stets willkommen. Deshalb verwundert es kaum, wenn Carus als einziger seiner Zeitgenossen gleich mit drei Beiträgen in Goethes "Heften zur Morphologie" vertreten ist. Außer der 1822 in Heft 4 erschienenen Selbstanzeige seines erst sechs Jahre später publizierten Werks "Von den Ur-Theilen des Knochen- und Schalengerüstes" veröffentlicht er eine Abhandlung über die "Urform der Schalen kopfloser und bauchfüßiger Weichthiere" und seine 16 Thesen umfassenden "Grundzüge allgemeiner Naturbetrachtung".

Als Carus 1827 zum Leibarzt des neuen, bereits betagten sächsischen Königs Anton berufen wird, gibt er sowohl seine Professur an der medizinisch-chirurgischen Akademie als auch die Leitung der Entbindungsanstalt auf. Zwar fühlt er sich anfangs durch die Hofetikette eingeschränkt, insgesamt aber gewinnt er durch die Befreiung von der täglichen Last klinischer Praxis erheblich Zeit für seine wissenschaftlichen Forschungen und künstlerischen Bestrebungen.

Eine stattliche Reihe von Büchern und Abhandlungen zu den verschiedensten Themengebieten zeugen davon, wie der umtriebige Universalgelehrte die gewonnene Zeit genutzt hat: Der "Entdeckung eines einfachen vom Herzen aus beschleunigten Blutkreislaufes in den Larven netzflüglicher Insecten" (1827) stehen "Grundzüge der vergleichenden Anatomie und Physiologie" (1828) und "Analekten zur Naturwissenschaft und Heilkunde" (1829) zur Seite. Den "Vorlesungen über Psychologie" (1831) folgen "Neun Briefe über Landschaftsmalerei" (1831). Die "Briefe über Göthe's Faust" (1835) sind genauso Ergebnis seines Forschens wie ein "System der Physiologie" (1838), "Zwölf Briefe über das Erdleben" (1841) und zwei Monografien über "Goethe" (1843/1863). In regelmäßigem Abstand folgen weitere wichtige Werke wie "Psyche" (1846), "Physis" (1851), eine "Symbolik der menschlichen Gestalt" (1854) und das "Organon der Erkenntnis der Natur und des Geistes" (1856).

Als epochaler Reflex wie 'Remedium' seiner "psychologischen Diagnose der Moderne" (Jutta Müller-Tamm) lässt sich die 1857 vorgelegte Abhandlung "Ueber Lebensmagnetismus und über die magischen Wirkungen überhaupt" verstehen, markiert sie doch das Ende des in der Spätaufklärung einsetzenden Mesmerismus-Booms, der selbst als Modellfall für den virulenten Auffächerungsprozess der Diskursformationen erscheint. Als Summe seiner (natur-)philosophischen Forschungen gilt das 1861 publizierte Werk "Natur und Idee oder das Werdende und sein Gesetz", nach der Auffassung von Adolf Meyer ein Buch, "wie es in jedem Jahrhundert nur einmal geschrieben werden kann". Zwei Jahre später erscheint mit der "Lebenskunst nach den Inschriften des Tempels zu Delphi" eine Abhandlung, die die delphischen Sprüche "Erkenne Dich selbst", "Nichts zu viel" und "Du bist" zu Maximen einer geglückten, das heißt kunstvollen Lebensgestaltung erhebt. Die Untersuchung "Vergleichende Psychologie oder Geschichte der Seele in der Reihenfolge der Thierwelt" (1866) sowie die "Betrachtungen und Gedanken vor ausgewählten Bildern der Dresdner Galerie" (1867) sind die letzten größeren Werke des umfassend Gebildeten. Daneben veröffentlicht Carus mehrere kleinere Aufsätze und einige Reiseskizzen. Für seine Forschungen werden ihm zahlreiche Orden und Ehrungen zuteil. Dennoch fühlt sich der hoch dekorierte Wissenschaftler, einst Freund und Vertrauter bedeutender und einflussreicher Persönlichkeiten, gegen Ende seines Lebens ähnlich einsam und unverstanden wie sein "bewunderter Präzeptor" (Günzel) Goethe, als dessen Sachwalter und Erbe er sich in seinen letzten drei Lebensjahrzehnten immer mehr versteht. Schon manchem seiner Zeitgenossen erscheint er als bloße Goethe-Imitation, als Relikt einer vergangenen Epoche.

Carl Gustav Carus stirbt am 28. Juli 1869 in Dresden. Beigesetzt ist er auf dem Trinitatisfriedhof. Die Stadt Dresden ehrte ihn 1954, indem sie die Medizinische Akademie Dresden nach ihm benannte.

Anmerkung der Redaktion: Dieser, geringfügig überarbeitete Text entstammt aus der Dissertation "Zwischen Idylle und Tabu. Die Autobiographien von Carl Gustav Carus, Wilhelm von Kügelgen und Ludwig Richter" von Anton Philipp Knittel, erschienen im Thelem Verlag, Dresden 2002.






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