Italiana

Bernhard Jaumanns unterhaltsamer Italienkrimi "Die Augen der Medusa"

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Italienkrimis leben nicht zuletzt von den Klischees, die im übrigen Europa über Italien und insbesondere die Italiener kursieren: Diese essen gern und häufig, trinken gut und ebenso gerne, schwatzen ohne Ende und sind laut und leidenschaftlich, regen sich schnell auf, sind dabei aber nicht ganz ernst zu nehmen, und sehr menschlich. Außerdem sind sie irgendwie alle mafiös, lassen sich aber andererseits auch nicht so schnell unterkriegen, so dass man ihnen sogar Berlusconi und die Lega Nord nachsieht, auch wenn das niemand verstehen kann. Das ist alles erträglich, weil das Essen, der Wein und das Wetter in Italien immer gut sind.

Nichts davon wird gänzlich wahr sein, aber ein bisschen davon schon, und gerade deshalb funktionieren die Krimis, die ein italienisches Ambiente vorzeigen können, oft so wunderbar. Und wo es zu Verstößen gegen die Erwartungen kommt, sind sie immer mit einer Art ironischem Verweis auf die Klischees versehen. Das alles ist ein Spiel.

Ein äußerst hübsches Italien-Spiel hat nun Bernhard Jaumann arrangiert. Als ob Heinrich Manns "Kleine Stadt" die Untiefen des 20. Jahrhunderts schadlos überstanden hätte, gerieren sich die Einwohner eines merkwürdigen kleinen, eigentlich schon ausgestorbenen Ortes namens Montesecco. Es gibt die Guten und die nicht ganz so Guten, und der Böse kann eigentlich nicht wirklich der Böse sein, weil alle ihn kennen und das schon seit Jahren. Wie sollte er sich in so kurzer Zeit so radikal geändert haben? Und außerdem mag er keinen Schinken, hat er nie gemocht, weshalb sollte er also auf einmal Pizza mit Schinken essen? Kaum glaubhaft.

Der Auftakt des Ganzen ist grandios. Ein bekannter italienischer Staatsanwalt erliegt auf dem Weg ins abgelegene Montesecco einem Attentat, mitsamt seinen Begleitern und der gepanzerten Limousine wird er mit einem Granatwerfer in die Luft gejagt. Der Attentäter, statt das Weite zu suchen, sucht im Ort Zuflucht, und bei näherem Betrachten haben wir es hier nicht mit einem Trupp mafiöser Berufskiller zu tun, sondern mit einem Heranwachsenden namens Minh.

Der verschanzt sich in seinem Büro, hält ein paar Polizisten als Geiseln und stellt umfängliche Forderungen per Email. Die heutigen jungen Leute sind nicht nur besonders brutale Terroristen, sondern auch noch hervorragende Computerfachleute. Vor allem mit dem Internet kennen sie sich vorzüglich aus, wie Minh bereits früher bewiesen hat (und was sich als Schlüssel der Geschichte erweisen wird).

Schnell wird der Ort in einen Belagerungszustand versetzt. Spezialeinheiten und die italienischen Medien rücken an, um über das Attentat und die Belagerung zu berichten. Das verschlafene Örtchen erlebt einen letzten aufregenden Winter, denn aschenkalt und landestypisch sehr zugig ist es auch noch in Montesecco.

Während sich nun die Staatsmacht und der Attentäter mit großer Armierung gegenüber stehen und es ein vorläufiges Patt gibt, werden die Anwohner von Montesecco immer unruhiger.

Minh soll der Attentäter sein? Unmöglich. Der Junge, dessen Vater unbekannt ist (das Produkt einer wunderbaren Nacht), ist einer der Ihren, immer ein wenig seltsam zwar, aber so brutal, dass er erst einen Staatsanwalt (samt Begleiter), dann eine Geisel ermordet und schließlich seine Mutter anschießt - nein, das glaubt hier niemand.

Aber weder Medien noch Polizei wollen irgendetwas von den Ahnungen und Vermutungen der vielleicht doch ein wenig schlichten Ortsansässigen wissen - denn zweifelsohne hat jeder, der auch nur minimalen Grips im Kopf hat, Montesecco bereits vor Jahren den Rücken gekehrt, um bestenfalls noch in den Sommermonaten für ein paar Wochen in die gute alte Heimat zurückzukehren. Nicht einmal eine Pfarre gibt es noch am Ort (aber dafür ein einigermaßen großes Pfarrhaus, wo die Kommandozentrale der Eingreiftruppe eingerichtet wird).

Wer hier geblieben ist, kann nicht zu den Intelligentesten unter der Sonne gehören (die zum Zeitpunkt der Handlung gerade mal nicht scheint). Aber dafür gehören sie zu den Hartnäckigeren unter den eh schon renitenten Italienern. Und wenn sie sich in den Kopf gesetzt haben, dass einer der Ihren kein Terrorist ist, dann setzen sie alle Hebel in Bewegung, um das auch zu beweisen.

Zum Beispiel, indem sie einen Tunnel graben und einige Wände zwischen Häusern durchbrechen, um zum Ort des Geschehens zu kommen (ohne dass es die Polizei und der Attentäter merken). Gesagt, getan. Ein paar eingewanderte Tunnelbaumeister werden engagiert, ein paar Wände werden durchbrochen, und das mit einer Energie, die man diesem Völkchen nicht wirklich zugetraut hätte.

Dass am Ende eine Auflösung steht, die wirklich nichts zu wünschen übrig lässt, ist so gesehen nur noch das Tüpfelchen auf dem wunderbar angerichteten Lesegericht.


Titelbild

Bernhard Jaumann: Die Augen der Medusa. Roman.
Aufbau Verlag, Berlin 2008.
296 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783351032432

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