Von Löchern in der Wand

Heinrich Steinfests Krimi "Mariaschwarz" sorgt sich um den Zusammenhalt der Welt

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wissen Sie, weshalb in Wohnungen so viele Bilder an den Wänden hängen, und warum die meisten Menschen sich damit beeilen, so schnell wie möglich die nackten Wände zu verdecken, wenn sie in eine neue und leere Wohnung ziehen? Es ist wegen der Löcher in den Wänden. Nicht dass man sie immer sehen würde, aber sie sind da, und niemand weiß, wie weit sie reichen oder wie sehr sie die Welt in Unordnung bringen. Also tut man gut daran, sie zu verdecken, mit Bildern oder mit anderen Dingen. Etwa mit Plastikfiguren, die eigens dafür gefertigt werden. Und das, damit die Welt vor allem in Ordnung und Gleichgewicht ist.

Eine solche Abhängigkeit der Ordnung der Welt von Löchern ist vielleicht merkwürdig, allerdings im Allgemeinen kaum weniger absurd als die Vorstellung, das Wirken der Menschen und ihre Kooperationsbereitschaft sei die Voraussetzung für das, was man Ordnung nennt. Und um Ordnung geht es bei Heinrich Steinfest, um die Ordnung der Dinge, der Menschen und der Welt.

Wer sie stört, muss sie wieder herstellen, gelingt das nicht, dann wird eine Kette von Ereignissen ausgelöst, von denen niemand weiß, wohin sie führt und wann so etwas wie Balance in die Welt zurückkehrt.

Heinrich Steinfests Spiel mit den Zeichen in "Mariaschwarz" ist nicht neu, erst recht nicht für diesen Autor, der die Elemente des Kriminalspiels so souverän beherrscht, dass er sie frei zu kombinieren vermag, auch dass er seine Willkür, mit der er Texte aus Fragmenten montiert, zu zügeln weiß. So geschehen in "Mariaschwarz". Der Roman, der vom Verlag als Kriminalroman vermarktet wird, ist aber gerade deshalb weitaus mehr als das, was man bisher von Steinfest zu lesen bekam.

Alles fängt ganz langsam an, und alles gehört irgendwie zusammen. Im schönen Ort namens Hiltroff, der in der Nähe eines Sees namens Mariasschwarz im ebenso schönen Österreich liegt, lebt sei drei Jahren ein Mann namens Olander und trinkt sich zu Tode. Jeden Tag nimmt er sein vorgeschriebenes Soll in einer Bar namens POW! zu sich, bevor er dann ermattet und ein wenig schwankend zu Bett geht. Vor drei Jahren ist Olander nach Hiltroff gekommen, mit einem alten BMW-Sportwagen, um den ihn alle Ortsbewohner beneiden und von dem sie hoffen, dass ihn Olander bald umständehalber verkaufen muss. Was Olander hier will, weiß niemand, nicht einmal Job Grong, der Wirt der Bar, in der er Abend für Abend einkehrt, weiß mehr von seinem liebsten, weil oft einzigen Gast, als die anderen. Die beiden sind jedoch eine schweigsame Liaison eingegangen, die Olander das Leben retten wird.

Denn bei einer seiner Gänge zum nahegelegenen See stürzt er in eine Spalte, aus der ihn nach Stunden der Wirt, der sich wundert, wo sein Gast bleibt, retten wird. So viel Distanzlosigkeit verträgt keine Symbiose, und so beginnt Olander nach Jahren zu reden: von seiner gescheiterten Ehe, von seiner Tochter und davon, dass sie verschwunden ist, angeblich entführt, als er sie der Mutter nach Mailand zurückbringen wollte.

Damit ist offensichtlich die Balance, die die Existenz an diesem Ort regelt, verloren gegangen. Und es dauert nicht lange, bis alles ins Rollen kommt. Ein Urwesen wird kurze Zeit später im See gesichtet, der so undurchsichtig und schwarz ist, dass niemand sich ihm zu nähern versucht. Eine Medienkampagne beginnt, ein U-Boot wird schließlich geholt, um den See zu untersuchen. Und dabei wird das Skelett einer jungen Frau gefunden, mit anderen Worten, Kommissar Lukastik tritt auf. Immerhin gilt es eine Tote zu identifizieren und vielleicht einen Mord aufzuklären.

Es dauert dann auch nicht lange, bis Olander in den Fokus des Polizisten gerät und zum Hauptverdächtigen avanciert. Verdächtig ist sein unmotiviertes Auftauchen hier vor Ort immerhin. Verdächtig auch das Verschwinden der Tochter, zumal sich herausstellt, dass es eine gemeinsame Tochter der ehemaligen Eheleute gar nicht gibt. Lukastik ermittelt.

Ungewöhnlich und zugleich ungemein reizvoll ist allerdings, wie Steinfest seine Geschichte erzählt - zusammenhängend, logisch und chronologisch aufeinanderfolgend. So beherrscht und zugleich so präzise kennt man ihn sonst gar nicht. Dennoch steckt der Text voller Untiefen und unverhoffter Wendungen, die allerdings das Kontinuum, das Steinfest hier konstruiert, nie gefährden.

Nicht zuletzt deshalb verträgt es der Text auch, dass gegen Ende die Merkwürdigkeiten Steinfest'scher Manier zunehmen und Elemente in die Erzählung geraten, die - sagen wir - zumindest sehr speziell sind. Ich sage nur: Löcher.

Aber auch das nimmt man Steinfest nicht übel, sondern man folgt ihm mit größter Aufmerksamkeit und mit dem größten Vergnügen an den Volten, die er schlägt, und an Unwahrscheinlichkeiten, die er einbaut.

Sein Kosmos beginnt dabei mehr und mehr zu oszillieren, so als ob ein Beben diese Welt erschüttern würde, die doch eigentlich nur im Text existiert. Kein Zweifel, Steinfest wird von Roman zu Roman besser, und je beherrschter er das Krimigenre angeht, desto mehr schwingt er sich über dessen enge Grenzen hinaus in eine Höhe, die außer ihm derzeit im deutschsprachigen Raum kaum jemand erreicht, nicht einmal in der konventionellen Kunstliteratur. Mit anderen Worten: Man ist tief beeindruckt. Und: Man sollte endlich seine Bilder aufhängen. Man weiß ja nie.


Titelbild

Heinrich Steinfest: Mariaschwarz. Kriminalroman.
Piper Verlag, München 2008.
316 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783492051804

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