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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2009 » Krimis
 
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Der Autor als Mörder

Michael Collins bewegt sich im akademischen Milieu

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wenn Akademiker als Mörder auftreten, wird es gefährlich. Nicht, weil sie besonders bösartig wären. Anzunehmen ist vielmehr, dass die Zahl der Mörder, Räuber und Vergewaltiger unter gebildeten Leuten nicht geringer ist als unter anderen. Aber immerhin haben wir es hier mit einer Klientel zu tun, die sich selbst als besonders wortgewaltig wähnt. Und so droht in Akademikerkrimis vor allem eins, dass nämlich kräftig geschwätzt wird.

Vor allem dann, wenn wir uns in der Provinz bewegen, die als Rückzugsort für die gescheiterten Existenzen mit akademischen Meriten besonderen Schwatzstoff liefert: die psychischen Leiden der einst so fulminant gestarteten Intellektuellen, die unter jahrzehntelangen Schaffenskrisen leiden, die Probleme, die das Altern in einer immer jung bleibenden Umgebung bietet, die Ansprüche, die vor allem ehrwürdige Verwahranstalten an Lehrende und Studierende stellen. Hinzu kommen die üblichen Leidenschaften, die einem zusätzlich das Leben schwer machen: Sex, Drogen, Krankheiten, Ehekrisen. Und man sieht schon in die ins Leere starrenden Augen der alkoholabhängigen Geistesheroen, die von Sinnkrise zu Sinnkrise wanken und es nicht einmal mehr schaffen, daraus ein einigermaßen lesbares Buch zu machen. Gottseidank.

Andererseits sind Literaturwissenschaftler ein interessanter Menschenschlag, halten sie doch die Authentizität in hohen Ehren und machen sie zum Gradmesser großer Kunst. Im Ernstfall aber berufen sie sich immer darauf, dass es sich bei diesem oder jenem nicht um die Realität, sondern nur um die Kunst handelt. Und dort ist immerhin alles erlaubt.

Was nun, wenn wir einmal davon ausgehen, dass die Kunst eine vielleicht schreckliche Wirklichkeit nur verdeckt, und das unzureichend? Michael Collins hat sich einen solchen Fall vorgenommen: der gescheiterte Autor E. Robert Pendleton unternimmt gerade an dem Abend einen Selbstmordversuch, an dem sein alter und mittlerweile ungleich erfolgreicherer Konkurrent Allen Horowitz an seiner Universität einen Vortrag hält. Der Selbstmordversuch macht aus dem depressiven Universitätsdozenten einen brabbelnden Idioten, eine seiner Studentinnen, die den Bewusstlosen aufgefunden hat, kümmert sich um den Kranken, sein Haus und seinen Vorlass und findet dabei Exemplare eines ihr völlig unbekannten Buches von Pendleton, das einen Mord an einer jungen Frau thematisiert.

Das Buch, als agnostische Abhandlung konstruiert, wird von ihr und Horowitz lanciert und bringt es zu höchsten Meriten und schönen Verkaufszahlen, die es erlauben, die horrenden Pflegekosten Pendletons zu begleichen. Soweit geht alles gut, außer dass Adi, Pendletons Pflegerin medikamentensüchtig wird. Bis ruchbar wird, dass der Roman keine philosophische Abhandlung ist, sondern anscheinend auf einem realen Fall beruht, der einige Jahre zuvor durch die Presse ging. Dumm nur, dass das Buch gedruckt wurde, bevor der Mord bekannt wurde. Pendleton mutiert also binnen weniger Tage vom intellektuellen Erfolgsautor zum Vergewaltiger und Mörder. Die Provinzuni hat ihren traurigen Skandal.

Damit geht die Ermittlung los, und betraut wird mit ihr ein - selbstverständlich verkrachter - Ermittler, der in allem wühlt, in was es zu wühlen gilt. Der Verdächtige selbst kann sich nicht äußern, da er kaum sprechen kann und seine Erinnerungen mit dem Selbstmordversuch ausgelöscht hat. Seine Förderer Adi und Allen Horowitz geraten in Verdacht, vom realen Hintergrund der Story gewusst zu haben. Aber auch die Familienmitglieder der Toten werden aufgestöbert, einer von ihnen sogar erschossen. Als sich der Ermittler, Jon Ryder, dann auch noch andere Vermissten- und Mordfälle geben lässt, die ein ähnliches Muster erkennen lassen, weitet sich die Zone der Verdächtigungen auf die halbe Stadt aus. Liebe, Eifersucht, Verstörung, Gewalt, Rache - eine explosive Mixtur entsteht, in der niemand ohne Schaden bleibt, auch nicht im Übrigen Ryder, der in einer misslungen Ehe feststeckt und mit dem Generalverdacht leben muss, seine erste Ehefrau ermordet zu haben.

Der Ärger häuft sich soweit an, dass er am Ende von diesem Fall abgezogen wird, obwohl sich die Hinweise darauf verdichten, dass zwar das Buch auf einem realen Fall beruht, Pendleton aber nicht der Mörder ist. Das ist nicht weiter verwunderlich, gibt er doch - mit Mühe - Adi zu verstehen, er sei "es" nicht gewesen. Die Alternativtäter, die der Text präsentiert, erscheinen kaum plausibel. Das aber setzt Collins erst recht unter Druck, am Ende doch noch eine einigermaßen überraschende Lösung zu präsentieren.


Titelbild

Michael Collins: Der Bestseller-Mord.
Übersetzt aus dem Englischen von Eva Bonné.
btb Verlag, München 2008.
448 Seiten, 9,00 EUR.
ISBN-13: 9783442737185

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Letzte Änderung: 09.02.2009 - 11:16:00
Erschienen am:09.02.2009
Lesungen: 3354
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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