Mamas Liebling

John Harveys Thriller "Schlaf nicht zu lange" handelt von einem, den seine Mami zu sehr lieb hatte

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Eine vermisste Frau wird nach einiger Zeit tot auf ihrem Bett aufgefunden, sauber gekleidet, sorgfältig gebettet, so als ob der Mörder der Toten nicht hätte weh tun wollen. Der Fall erinnert den ehemaligen Kriminalinspektor Frank Elder an seinen ersten Fall im Bezirk, den er damals nicht hatte lösen können. Auch eine Frau, auch erwürgt, auch so sorgfältig gebettet, als wolle ihr niemand etwas zuleide tun. Naheliegend, dass beide Fälle etwas miteinander zu tun haben. Elder, der von seiner ehemaligen Frau gebeten worden ist, nach der Vermissten zu suchen, wird nun von der Polizei zu den Ermittlungen als Berater hinzugezogen, und er macht sich auf bewährte Weise auf die Suche.

Das heißt, er fragt hier, er fragt dort, er findet dieses Indiz und geht jenem Hinweis nach. Nach und nach fügt er, gemeinsam mit seiner früheren Kollegin Maureen Prior, alles zusammen, bis der Fall gelöst und der Täter gefunden ist. Es sind nur kleine Hinweise, unmerkliche Verweise, die schließlich zum Ziel führen. Entsprechend viel Zeit nimmt sich John Harvey, um seine Leser auf die Fährte zum Mörder zu bringen.

Auf dem Weg dorthin führt Harvey eine Reihe möglicher Täter vor, mit unterschiedlichen Profilen, möglichen Motiven und verschiedenen Gelegenheiten. Unter ihnen ist der gewalttätige Lebemann, den Maureen Prior auf den Tod nicht ausstehen kann, unter ihnen ist der verschüchterte, hässliche und entsetzlich dumme Underdog, der wegen eines Angriffs auf eine Prostituierte eingesessen hat, unter ihnen ist auch der intelligente, gebildete und wohl erzogene Kunsthistoriker und Verleger, der so viel und Überlegenes zu erzählen weiß. Sie alle hatten irgendwie Kontakt mit den Toten, sie alle hätten Gelegenheit, aber welches Motiv reicht aus zu zwei Morden, die acht Jahre auseinander liegen?

Dabei lässt Harvey mit einigen Rückblicken durchblicken, dass wir es hier nicht mit spontanen Taten oder Unglücksfällen zu tun haben, sondern mit der Konsequenz früh angelegter Verletzungen und anhaltender Verstörungen. In diesem Fall: die Verführung durch die Mutter, die den Verlust des Gatten nicht verwinden kann und sich am Sohn vergreift, der dem Vater so ähnlich sieht. Immerhin ist das eine Variante zum gewöhnlichen Kinderschändermotiv, das zur Standardausstattung der Krimiliteratur geworden ist und das mittlerweile für so ziemlich alle Untaten hat herhalten müssen, die sich ein Krimiautorenhirn auszudenken vermag.

Am Ende ist, beinahe zwangsläufig, der unverdächtigste Verdächtige der Mörder, denn nur zu ihm würde eine solche verkorkste Kindheit passen. Aber das kann nicht überraschen.

Nun wird man das Harveys geduldiger Schreibweise nicht anlasten wollen - wenn man denn Geschmack an ihr findet. Denn sie ist, auch wenn hier eins zum anderen passt, vor allem langatmig. Das aber ist zum Teil eben auch der Ausstattungslust des Autors geschuldet, der uns umfassend in die Eheprobleme seines Helden einführt und auch über andere Konflikte und Probleme viel zu erzählen weiß. Die Ex-Gattin schläft offensichtlich nicht mehr mit ihrem Lover und scheint wieder Gefallen an ihrem Ex zu finden. Die Tochter - im vorigen Harvey-Thriller in die Hände des Bösewichts geraten und mit dem Tode bedroht - ist entsprechend verstört und dem Vater gegenüber äußerst verschlossen, so sehr er sich auch um sie bemüht. Vaterschicksal bei heranwachsenden Töchtern, und Elder - so gut er als Ermittler ist - ist da keine Ausnahme.

Auch Maureen Priors Privatleben wird nach und nach vor uns ausgebreitet, eigentlich derart intensiv, dass man ein Verhältnis zwischen Elder und Prior erwarten dürfte. Aber zumindest in diesem Roman ist es noch (?) nicht so weit.

So kommt dann eins zum anderen, eine Seite folgt auf die andere, die Ermittlung bewegt sich ebenso langsam von der Stelle wie die Lektüre und am Ende sind es rund 400 voll gedruckte Seiten, auf denen wir am Leben und Ermitteln des Herrn Elder teilnehmen dürfen. Das ist - offen gesagt - gute Krimi-Hausmannskost, guter Durchschnitt, mit dem sich die Zeit einigermaßen angenehm gelangweilt vertreiben lässt. Aber im Vergleich zu dem, was andere, auch britische Krimiautoren zu bieten haben, ist Harveys neuer Roman am Ende doch ein wenig zu gepflegt, zu langatmig, zu breit angelegt und zu normal, um wirklich gut zu sein.


Titelbild

John Harvey: Schlaf nicht zu lange. Thriller.
Übersetzt aus dem Englischen von Sophie Kreutzfeldt.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2008.
427 Seiten, 8,95 EUR.
ISBN-13: 9783423210645

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