"Wer das Dichten will verstehen / Muss ins Land der Dichter gehen, / Wer den Dichter will verstehen / Muss in Dichters Lande gehen."

Der "Baedeker der Literatur" als literarischer Reiseführer für das vereinte Deutschland neu erschienen

Von Torsten MergenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Torsten Mergen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Johann Wolfgang von Goethes Vierzeiler aus den "Noten und Abgrenzungen zu besserem Verständnis des westöstlichen Divans" wird oft zitiert, wenn es um die Arbeit von literarischen Museen und Archiven sowie Gedenkstätten geht. Eine eigenständige Form des Verstehens stellen in diesem Kontext literarische Reiseführer dar, die Kulturräume für interessierte Besucher und - im besten Falle - größere Touristenströme erschließen. 2009 jährt sich ein zentrales Datum in der deutschen Geschichte - die friedliche Revolution in Ostdeutschland, der Untergang des Ostblocks und der beginnende Zusammenbruch der DDR - zum zwanzigsten Mal. Der Insel-Verlag, traditioneller Erscheinungsort des "Literarischen Führers Deutschland", wirbt vor dem Hintergrund des Jubiläums auf seiner Homepage mit der ambitionierten Feststellung, der von Fred Oberhauser und Axel Kahrs unter Mitarbeit von Detlef Ignasiak, Peter Neumann und Gerd Holzheimer maßgeblich übererarbeitete und um die ostdeutschen Bundesländer ergänzte Band sei der erste und einzige gesamtdeutsche Literaturführer.

Bereits das Geleitwort des Schriftstellers Günter de Bruyn, deutlicher aber noch die einleitenden Bemerkungen der Verfasser Oberhauser und Kahrs verstärken den Eindruck, dass hier mit allen Mitteln der Äußerung Willy Brandts, nun wachse zusammen, was zusammengehöre, Rechnung getragen werden sollte. Dies geschieht selbst um den Preis, dass sich der Westen in Relation zum Osten unterrepräsentiert fühlt und der Seiten-Bonus eindeutig zugunsten der so genannten neuen Bundesländer ausfällt. De Bruyn verweist zurecht den Leser auf die Lücke, die durch den neuen Führer erstmals geschlossen werde: "Mit diesem Band wird der Wunsch vieler Literaturliebhaber und -kenner nach einem Führer zu den literarisch bedeutsamen Orten des ganzen wiedervereinigten Deutschland endlich erfüllt. Fast zwei Jahrzehnte nach dem Ende der deutschen Teilung wird hier Deutschland nun auch literaturtopographisch wieder vereinigt. Goethes Geburtsstadt am Main ist also nicht mehr von seinem Weimarer Wohnhaus am Frauenplan getrennt...".

Weniger skrupulös zeigen sich hingegen die Hauptverantwortlichen, wenn sie konstatieren: "Die Zusammenfassung und Verknüpfung des um ein gutes Drittel auf nunmehr 16 Bundesländer angewachsenen Bezugsraumes erforderte eine strenge Auswahl der in Frage kommenden Autoren und der literarisch relevanten Orte, um bei einem Buchband bleiben zu können. Dabei waren Verkürzungen und Aussparungen - nur bei den fünf neuen Ländern wurde etwas großzügiger verfahren - nicht zu vermeiden."

Diesem enzyklopädischen Anspruch folgend muss man die überarbeitete und auf fast 1.500 Seiten erweiterte Ausgabe "von hinten" lesen - die Qualität eines solchen Werkes zeigt sich nämlich vorrangig in der Nutzerfreundlichkeit. Ein wichtiges Kriterium bildet die Anzahl der eingetragenen Autoren. Beruhigend ist der Befund, dass das Personenregister an die 8.000 Autorinnen- und Autorennamen aufweist, die mit circa 2.500 Orten in Verbindung gebracht werden. Gelenkt wird der Leser dabei durch markante Signets, die beispielsweise auf Aufenthalte von Dichtern vor Ort, "belletristische Topographien", wichtige Stoff- und Motivkreise oder besuchenswerte regionalspezifische Kultur- und Bildungsinstitutionen wie Museen, Gedenkstätten, Bibliotheken, Künstlerhäuser, Universitäten und so weiter hinweisen.

Zwischen akademischer Literaturgeschichtsschreibung und "profanem" Reiseführer angesiedelt folgt das Werk dem Anspruch, die literarische Topografie nahezu vollständig abzubilden. Dies entspricht der Grundmaxime des gesamten Projektes, wonach sich die Interdependenz von literarischem Produkt in Form eines Textes und kulturellem Initial respektive Umfeld in Form eines Ortes nur mittels minutiöser Fährtensuche und Begehung aufspüren und nachvollziehen lasse.

Sicherlich eröffnete die saarländische Grenzperspektive bereits in den fünfziger und sechziger Jahren dem damaligen Redakteur des Saarländischen Rundfunks den Blick auf den "Guide littéraire de la France", der Ideengeber und Maßstab für die 1974 erfolgte Erstauflage des Literaturführers im Insel-Verlag war. Dem inzwischen 85-jährigen Hauptverantwortlichen Fred Oberhauser, dessen Anspruch auf lexikalische Akribie bereits die Vorläuferbände kennzeichnete, ist mit seinem Mitarbeiterteam erneut eine beachtliche heuristische Leistung gelungen, wobei nur der Kenner vor Ort Ungenauigkeiten oder Fehler beklagen können wird. Eine solche umfangreiche literaturtopografische Arbeit kann sicherlich niemals vollständig und in manchen Details auch nicht immer absolut korrekt sein. Aber sie stellt eines der wichtigsten Hilfsmittel für Lesereisen, kulturelle Streifzüge durch Dichterlandschaften sowie für Spaziergänge zu Lebens- und Wirkungsstätten von berühmten verstorbenen, respektive aufstrebenden, zeitgenössischen Autoren dar. Insofern repräsentiert der Literarische Reiseführer von Oberhauser und Kahr ein veritables ambitioniertes Großprojekt, dem man viele Leser und noch mehr Reisende wünschen kann.

Allerdings ergibt sich für weitere Auflagen eine problematische "Gretchen-Frage". Ob in der Zukunft diese gedruckte opulente literarische Topografie, welche aufgrund ihres Taschenbuchformats den immensen Vorteil hat, zum handlichen Reisebegleiter avancieren zu können, nicht durch literarische Datenbanken oder digitalisierte beziehungsweise online abrufbare kulturelle "Navigationssysteme" abgelöst wird, darüber werden der technische Fortschritt und der Wandel der Lesegewohnheiten mitzuentscheiden haben.


Titelbild

Fred Oberhauser / Axel Kahrs: Literarischer Führer Deutschland.
Insel Verlag, Frankfurt a. M. 2008.
1468 Seiten, 48,00 EUR.
ISBN-13: 9783458174158

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