Im Vertrauen auf die Scheidung

Gina Kaus' Roman "Morgen um neun" in neuer Ausgabe

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Am Vorabend der nationalsozialistischen Diktatur erschienen, wurde der Roman "Morgen um neun" schon bald gemeinsam mit dem Besten, was Literatur und Wissenschaft bis dato zu bieten hatten, von den neuen Machthabern verbrannt. Die 1893 geborene und damals bereits mit dem Fontane-Preis ausgezeichnete Wienerin Gina Kaus hatte ihn verfasst. Wurden ihre Bücher in Deutschland und dann auch in Österreich verboten, so musste sie selbst nach dem "Anschluss" des Alpenlandes, das die Nationalsozialisten fortan Ostmark nennen sollten, ins Ausland flüchten.

Am Abend des 11.3.1938 - der Österreichische Kanzler Kurt Schuschnigg hatte soeben seine Abdankung bekannt gegeben - verließ sie gemeinsam mit ihrem Mann Eduard Frischauer das Land und ging zunächst nach Paris und später nach Los Angeles, wo sie als Drehbuchautorin reüssierte und 1985 starb. Zu ihren unvergessenen Werken zählen etwa "Die Schwestern Kle" (1933) und "Der Teufel nebenan" (1940). Darüber hinaus wurde sie einem breiteren Publikum nicht zuletzt durch ihre Autobiografie "Und was für ein Leben" (1979; 1990 unter dem Titel "Von Wien nach Hollywood" neu aufgelegt) bekannt. Neben dem in immer neuen Auflagen erscheinenden historischen Roman "Katharina die Große" (1935) war zuletzt ein Band mit "kleiner Prosa" der Autorin unter dem Titel "Die Unwiderstehlichen" (2000) neu aufgelegt worden

Und nun also ihr Roman "Morgen um neun", der ein seit fünf Jahren verheiratetes Ehepaar, dessen Scheidung für den nächsten Vormittag angesetzt ist, auf seinen getrennten Wegen durch die Nacht begleitet. In dieser Nacht erfahren sie mehr von und vor allem übereinander als in den fünf Ehejahren zuvor. Von der "Noblesse [...] gegenseitige[r] Schonung", die soeben noch von der anwaltlichen Vertretung bewundert wurde, kann keine Rede mehr sein, nachdem der Ehegatte entdeckt hat, dass seine vermeintlich frigide Frau seit einem Jahr ihre sexuelle Erfüllung bei einem Liebhaber sucht und findet. Er selbst hält sich seinerseits schon seit sehr viel längerer Zeit diverse Geliebte. Sie weiß davon und duldet es. Unbekannt ist ihr jedoch, dass er vor Jahren ein uneheliches Kind gezeugt hat, dessen Mutter bei der Geburt starb.

Erzählt wird die Handlung abwechselnd aus den Perspektiven der beiden ProtagonistInnen. Als eigentlich Identifikationsfigur erweist sich jedoch schnell der weibliche Part. Dabei ist das mit seinen Reflexionen, etwa über die "Vaterliebe", dieser "teuflischste[n] Funktion der Ehe", lebenskluge Buch aus einer Zeit, in der man bereits "im Vertrauen auf die leichte Lösbarkeit der modernen Ehe" heiratet, voller feiner psychologischer Beobachtungen und leicht ironisierender Aperçus. "Alles auf der Welt will gelernt sein", räsoniert etwa eine der Figuren, "warum soll gerade so etwas Schwieriges wie die Ehe beim ersten Anhieb gelingen?"

Handelt das Buch von nur einer Nacht, so könnte man es auch glatt in einer einzigen durchlesen. Denn es ist auch heute noch so unterhaltend, wie es damals gewesen sein dürfte, wenn auch die Zeiten längst andere sind, und manches, was damals frivol provozierte, längst seinen Stachel verloren hat.

Allerdings löst die Lektüre gelegentlich Bedenken aus. So etwa, dass insinuiert wird, der Grund der "erotische[n] Kühle", welche die Protagonistin ihrem Ehegatten gegenüber an den Tag legt, liege in ihrer Annahme, er wolle kein Kind von ihr, womit die Autorin die sexuelle Befriedigung der Frau an eine konservative Mutterschaftsideologie knüpft. Und dass ausgerechnet das bei einem Seitensprung gezeugte Kind die Ehe kitten soll, wie der Schluss nahelegt, ist nicht eben sehr wahrscheinlich, spricht doch gar nichts dafür, dass der Mann seine Liebschaften aufgeben und sein ausschweifendes außereheliches Sexualleben ablegen wird.

Dennoch ist die Neuausgabe nachdrücklich zu begrüßen. Die Germanistik kann nun leichter der vom Herausgeber aufgeworfenen Frage nachgehen, "welchem Ziel von Leichtigkeit und Selbstaffirmation einer damals schon bedrohten Kultur die Autorin gefolgt sein mag und warum wir uns heute schwerer tun, darein einzustimmen, aber auch, welche Probleme des behandelten Stoffes selbst noch als verredete oder überspielte erkennbar bleiben." Das Publikum aber ist geladen, sich einfach dem Lesevergnügen hinzugeben.


Titelbild

Gina Kaus: Morgen um Neun. Roman.
Georg Olms Verlag, Hildesheim 2008.
319 Seiten, 9,80 EUR.
ISBN-13: 9783487136141

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