Die schwersten Aufgaben warten noch

Ein erster Band der kritischen Gesamtausgabe der Werke Walter Benjamins ist erschienen

Von Ludger Lütkehaus

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Walter Benjamin, für eine ganze Studenten- und auch Professorengeneration der "doctor subtilis" eines undogmatischen Marxismus, geradezu ein dialektischer Messias, scheint nicht eben zu den Großmeistern des Witzes zu zählen. Immerhin hat er es aber während seines Studiums an der Universität Bern von 1917 bis 1919 zusammen mit seinem Freund Gershom Scholem zur Gründung einer Phantasieuniversität Muri mit einer gestandenen "dämonologischen" Fakultät, ihm selber als "Rector mirabilis" und Scholem als Pedell des religionsphilosophischen Seminars gebracht. Dort parodierte er, während er an seiner in der Tat äußerst subtilen Dissertation über den "Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik" arbeitete, den nicht ganz so subtilen Geist gereimter wie ungereimter Wissenschaft.

Die Diktion war nicht wählerisch: "Die Wissenschaft ist eine Kuh / Sie macht: muh / ich sitze im Hörsaal und höre zu!" Scholem wiederum zeigte in seinem "Amtlichen Lehrgedicht der Philosophischen Fakultät der Haupt- und Staatsuniversität Muri", dass er "Seiner Magnifizienz" zum 26. Geburtstag dedizierte, vor allem in der "zweiten, umgearbeiteten und den letzten approbierten Errungenschaften der Philosophie entsprechenden Ausgabe", womit es diese Wissenschaft vorab zu tun hatte: eben mit Umarbeitungen und "letzten Errungenschaften", die nach einer kundigen Edition kategorisch verlangten.

Den postumen parodistischen Kommentar dazu lieferte jüngst das Geschick der handschriftlichen "Urfassung" von Benjamins "Berliner Kindheit um Neunzehnhundert". Sie wurde dank einer finanziellen Intervention der auf ihre Weise ebenfalls dialektischen Materialisten von der Porsche A.G. dem Deutschen Literaturarchiv Marbach einverleibt. Auch diese Urfassung mit ihren zahlreichen Streichungen, Einfügungen und Anmerkungen, zu der als Vorstufen zwei frühe Manuskript- sowie zwei spätere, stark umgearbeitete Typoskriptfassungen hinzukommen, verlangt, nein schreit geradezu nach kundiger Edition und philologischer Wissenschaft.

An diese Vorspiele einer jeden künftigen Benjamin-Philologie, die als Wissenschaft wird auftreten wollen, mag man sich erinnern, wenn jetzt im Suhrkamp Verlag, seit den 1950er-Jahren der Verlag Benjamins, der in seinen Editionen allerdings äußerst umstritten ist, eine neue Ausgabe begonnen wird.

Die Benjamin-Edition, sagt man es angemessen martialisch, ist ein einziges Minenfeld, die Aufgabe riesig, trotz der enormen Leistung, die Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser mit der bisher gültigen Edition der "Gesammelten Schriften" vollbracht haben. Selbst den gelernten Philologen, der die Abgründe der Nietzsche- und Hölderin-Philologie kennt, packt das Grausen, wenn er sich vorzustellen versucht, was der Nachlass an philologischem Martyrium fordern wird. Die Grenze aller philologischen Utopie ist schon jetzt fixiert: Das Manuskript, das Benjamin bei seiner Flucht über die Pyrenäen-Vorberge in einer schwarzen Aktenmappe mit sich trug und das ihm wichtiger als sein Leben war, wird wohl nie mehr aufgefunden werden; sein Werk, das von einer barbarischen Epoche fragmentarisiert wurde, wird auch philologisch nicht mehr ganz werden. Benjamins Selbsttötung in Port Bou am 27. September 1940 besiegelte endgültig einen heillosen Riss, der nicht mehr zu kitten war und ist.

Der Anspruch, den man an die neue, in 21 Bänden geplante, in Druckbild und -adornograuem - Einband außerordentlich schöne, verlegerisch generöse Ausgabe stellt, ist hochgespannt: Sie soll eine umfassend kritische, wenn auch keine historisch-kritische sein, die integral den gesamten Textbestand inklusive des Nachlasses dokumentiert und in umfänglichen Apparaten kommentierend erschließt. Bei den abgeschlossenen und zu Lebzeiten Benjamins publizierten Schriften ("Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik", "Goethes Wahlverwandtschaften", "Einbahnstraße", "Ursprung des deutschen Trauerspiels", "Deutsche Menschen", die französische Ausgabe von "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit", "Eduard Fuchs, der Sammler und Historiker") ist die Aufgabe noch relativ einfach: Man ediert die autorisierte Druckfassung und bietet Varianten, Korrekturen sowie Ergänzungen im Kommentar. Wie aber soll man die "ohne das Resultat des abgeschlossenen Textes nachgelassenen Fragmente" edieren? Textgenetisch sind sie nur schwer, falls überhaupt darstellbar. Der Textwille des Autors lässt sich ebenso wenig eruieren. Schon die Zusammenfassung und Gruppierung der Texte ist die Entscheidung der Herausgeber.

Sie haben aus dieser Problemlage, die "komplex" zu nennen eine Untertreibung wäre, die Konsequenz gezogen, dass sie unterschiedlich auf die unterschiedlichen Textsituationen reagieren. Beim Nachlass wollen sie ohne chronologisch-genetische Ordnungsversuche verfahren. Vorsichtigerweise enthalten die Herausgeber einstweilen den Gesamtplan der Ausgabe ihren Lesern noch vor. Immerhin verraten sie soviel, dass die Notizen und Exzerpte zum Spätwerk wie die Notizhefte und -blöcke faksimiliert und transkribiert werden sollen, um sie dann erst in einer Lesefassung zu edieren. Man darf vermuten, dass hier die Frankfurter Hölderlin-Ausgabe des Stroemfeld/Roter Stern-Verlages der Benjamin-Edition über die Schulter blickt.

Die Verbindung unterschiedlicher editorischer Grundsätze könnte die Ausgabe wie ein Potpourri aussehen lassen. Vermutlich wird der heftige Streit, den die früheren Benjamin-Ausgaben ausgelöst haben, dem Projekt auch in Zukunft nicht fehlen. Aber man kann den Herausgebern zubilligen, dass gute, editorisch gleichsam gewaltfreie Ausgaben sich in der Tat ihrem komplexen Material anzupassen haben. Es geht dabei nicht um philologische Quisquilien, sondern um den Respekt vor einem bedeutenden, von der Epoche ausgeschlagenen Erbe. Benjamin selber hat in seinem Brief an Scholem vom 28. Oktober 1931 die "anarchische" Textsituation und seine eigene konservatorische Ambivalenz ihr gegenüber - freilich auch seine Schlussfolgerungen daraus - formuliert: "Du bist ja Kenner meiner Arbeit und vor allem: Bibliograph genug, um [...] mein Verhältnis zu meinen Sachen und insbesondere zu der Art meiner Publizität vorstellen zu können. Der mir selbst manchmal störenden Bedenklichkeit, mit der ich dem Plan irgendwelcher 'Gesammelten Schriften' von mir gegenüberstehe, entspricht die archivalische Exaktheit, mit der ich alles von mir Gedruckte verwahre und katalogisiere und wenn ich von der ökonomischen Seite der Schriftstellerei absehe, darf ich sagen, dass für mich die paar Blätter und Blättchen, in denen sie auftreten mir das anarchische Gebilde einer Privatdruckerei darstellen. Daher ist auch das Hauptobjektiv meiner publizistischen Strategie, alles, was ich verfasse - von einigen Tagebuchnotizen abgesehen - um jeden Preis zum Druck zu befördern [...]". Wie weitsichtig diese archivalische "publizistische Strategie" war, zeigte sich schon 14 Monate später beim Beginn der NS-Herrschaft, die Benjamin dann in den Tod trieb.

Vor dem Hintergrund der erwartbaren Schwierigkeiten und Diskussionen ist es plausibel, dass die Ausgabe mit einer vergleichsweise einfachen Edition beginnt: mit der als dritter Band gezählten Berner Dissertation Benjamins "Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik", mit der er bei Richard Herbertz in neidfreier Anerkennung des genialen Doktoranden "summa cum laude" 1919 promoviert worden ist und die 1920 im Francke Verlag erschien. Es ist kaum ein Zufall, dass diejenigen Schriften, zu denen der noch mit einer akademischen Karriere befasste Benjamin gewissermaßen institutionell diszipliniert wurde, auch editorisch die einfacheren sind. Der Herausgeber Uwe Steiner bringt es in seinem kenntnisreichen, detaillierten Kommentar gleichwohl auf fast 240 Seiten im Verhältnis zu knapp 160 Seiten Text inklusive von Korrekturen, ergänzenden Manuskripten und Materialien.

Die Dissertation zeig den gelehrten, den reflektierten, aber auch den präzise und nachvollziehbar formulierenden Germanisten und Philosophen Benjamin. Wenn er mit der deutschen Frühromantik vor allem Friedrich Schlegels das Kunstwerk als unendliches Reflexionsmedium, die positiv verstandene Kritik als die Selbstreflexion des Kunstwerks bestimmt, so ist das noch historische Hermeneutik. Es antizipiert aber auch schon den späteren Dialektiker, der Form und Inhalt dialektisch vermittelt und die Bewegung seines Denkens nie stillstellen will.

In einem Punkt hat die verdienstvolle Editionsphilologie ein geradezu frappierendes Resultat: Der Kommentar weist präzise und detailliert nach, in welchem Ausmaß Benjamin seine Zitate verkürzt und zum Teil philologisch nicht korrekt wiedergegeben hat. Insofern ist er das Gegenbild eines verantwortlichen Editors gewesen. Und nicht nur das: Derselbe Benjamin, der sich von der Montage und Konstellation von Zitaten nicht nur eine neue Kunstform, den Funken der Erkenntnis, sondern eine Art von Erlösung der Vergangenheit versprach, indem er ihre Tradierbarkeit durch ihre Zitierbarkeit ersetzte - so sehr, dass er an eine Buchpublikation aus lauter Zitaten dachte -, zeigt hier, dass es mit der Zitierbarkeit der Tradition doch einigermaßen prekär bei ihm steht. Das Subjekt des Autors geht weiterhin in die Form und Substanz seines Materials ein: was sich die Entsagungsbereitschaft von Herausgebern kategorisch versagt. Ihre schwersten Aufgaben freilich warten noch.


Titelbild

Walter Benjamin: Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik. Band 3.
Herausgegeben von Uwe Steiner.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2008.
300 Seiten, 32,80 EUR.
ISBN-13: 9783518585016

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