Die Zeit heilt keine Wunden

"Restlicht": Jochen Rauschs düsteres Debüt als Romanautor

Von Thorsten Gräbe

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ein Foto war der Anfang, ein einziges Bild nur, das ein fremdes Mädchen zeigt. Peter Blum soll bei einer Party seiner Schwester die Gäste aufnehmen, aber das Fest langweilt ihn; mit Räucherstäbchen, Pfirsichbowle und Diskussionen über Vietnam weiß er nichts anzufangen. Eine Aufnahme von diesem Abend im April 1975 wird ihn allerdings ein Leben lang beschäftigen.

Von diesem Foto und seinen Folgen erzählt Jochen Rausch in "Restlicht". Der Radiomann Rausch, Programmchef von 1live, macht den Augenmenschen Blum zur Hauptfigur seines ersten Romans. Der Fotograf lebt an der amerikanischen Ostküste und hält den Kontakt ins ferne Deutschland vor allem dadurch aufrecht, dass er den Eltern zwischen seltenen Anrufen seine Bildbände schickt. Nach über dreißig Jahren fliegt er erst zurück, als der Vater schon im Sterben liegt.

Die Handlung des Romans folgt zwei Strängen, wechselt zwischen einer wintergrauen Gegenwart und Blums Jugend in den Siebzigern, als das Bild auf der Party entstand. "Es war kein sonderlich gutes Foto", meint er zwar heute, aber das war damals weniger wichtig, als Blum den ersten Abzug sah. Das fremde Mädchen faszinierte ihn. Von seiner Schwester erfuhr er den Namen: Astrid ter Möhlen, Fabrikantentochter aus Blums Heimatstadt an der deutsch-deutschen Grenze.

Aus den beiden wurde bald ein Paar. Peter konnte sich gar nicht an Astrid sattsehen, schoss Foto um Foto von ihr. "Dreihundertzweiundsiebzig Bilder in vier Monaten, das waren drei Bilder pro Tag." Vier Monate lang teilten sie eine Grenzlandjugend: Mopedfahrten zum See, Spaziergänge am Todesstreifen, ein Konzert der Band Crest im Jugendzentrum. Dann war Astrid plötzlich weg. Ihr Verschwinden blieb unerklärlich. Mit Astrids Vater machte Peter sich auf die Suche, bis nach Griechenland reisten sie, um eine Leiche zu identifizieren, aber es war nicht Astrid.

Das ist die Leerstelle in Peters Biografie, eine Lücke, die sich nicht mehr schließen lässt, weder durch sein Abhauen nach Amerika, wo Blum zu Bloom wird, noch durch das Familienleben dort. Selbst mit seiner Frau redet Bloom nie über Astrid, nur mit dem Vietnamveteranen Larry, der im Rollstuhl hinter der Theke einer Tankstelle hockt, sein Gewehr im Anschlag. Angeknackste Kerle wie Bloom und Larry setzt der Autor Rausch in karge Skizzen des Scheiterns und entwirft damit in "Restlicht" Figuren, die meist gemeinsam einsam sind. Das beschädigte Leben gerät bei Rausch trotzdem nicht zur Psychologietapete. Klar und kräftig stellt er seine Figuren dar, stellt sie aber nicht aus.

Bei Blooms Rückkehr scheint sich wenig geändert zu haben in der ehemaligen Grenzstadt, die mal seine Heimat war, nur dass es eben keine Grenze mehr gibt. Viele aus seinem alten Bekanntenkreis leben immer noch dort. Daran knüpft er die Hoffnung, nach all den Jahren doch noch etwas über Astrids Verschwinden herauszufinden. Dann liest Bloom in der Zeitung, dass kurz zuvor die Knochen einer jungen Frau entdeckt wurden, samt einem Kassenzettel vom Sommer 1975. Anhand des Gebisses kann die Polizei jedoch klären, dass es sich um das Skelett einer norwegischen Ausreißerin handelt, die etwa zur gleichen Zeit verschwand wie Astrid.

Da die Kriminaltechnik ihm die ersehnte Gewissheit nimmt, klappert Bloom alle ab, die er von früher kennt, Astrids Mutter wie die Mitglieder von Crest: Knud, Gerrit und Mike waren lokale Stars, sind aber nie aus der Gegend weggekommen. Auch wenn sie schon lange keine Konzerte mehr spielen, treffen sie sich immer noch in ihrem alten Proberaum, drehen die Verstärker auf und machen Musik. Das Verweilen im Gestern, die im schieren Krach zerberstende Zeit geben dem Buch ein Grundmotiv, denn "Restlicht" schildert gnadenlos die Streiche, die einem das Zeitempfinden spielt. In seinem Kinderzimmer fühlt Bloom sich "wie damals, als neunzehnjähriger verliebter Junge". Dann muss er an seinen Vater denken: "Dass er sich in dem Krankenhaus vielleicht auch so fühlte. Gar nicht wie vierundachtzig, sondern vielleicht erst wie zwanzig. Und dass er sich fragte, weshalb er dann schon sterben sollte, so jung?"

Der Tod des Vaters hält Bloom nicht von seiner Suche ab. Ein Bild der Ausreißerin erinnert ihn an eines der Fotos, die er vor dem Auftritt von Crest im Jugendzentrum machte. Knud, Gerrit und Mike sind darauf zu sehen, auch Astrid, die sehr glücklich wirkt, und am Rand steht Märtha, das Mädchen aus Norwegen.

Der Leichenfund und Blooms Hartnäckigkeit legen Verbindungen frei, von denen der neunzehnjährige verliebte Junge Peter Blum nichts wusste, weil er so manches übersah, was außerhalb des Suchers seiner Kamera geschah. Nun erfährt Bloom mehr über Astrid, als seine 372 Fotos zeigen. Im Rätsel um ihr Schicksal findet der Roman seinen Antrieb; seine Form verleiht ihm der zeitliche Doppelstrang, den Rausch einzieht. Wie es schien und wie es war, was hätte werden können und was wirklich wurde - im Gegenüber des Gestern und des Heute treten diese Unterschiede besonders deutlich hervor. Die finsteren Farben von "Restlicht" hellt kein Hoffnungsschimmer auf, doch gerade die düstere Wucht des Buches hinterlässt einen Eindruck, der nicht so schnell verlöschen wird.


Titelbild

Jochen Rausch: Restlicht.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008.
288 Seiten, 8,95 EUR.
ISBN-13: 9783462040296

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