Darwins doppelter Blick auf den Menschen

Der Spezies Mensch verordnete Darwin "heftigen Kampf", den einzelnen Menschen jedoch sah er als primär empathisches Wesen

Von Joachim BauerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Joachim Bauer

Charles Darwin, der die Grundtatsache der Evolution erkannte, war einer der großen Aufklärer zu Beginn der Moderne. Darwins Abstammungslehre formulierte, dass die menschliche Spezies mit allen anderen Lebewesen durch einen gemeinsamen Stammbaum verbunden sei. Darwins Erkenntnis, dass sich das Leben auf unserer Erde als evolutionärer Prozess entwickelte und nicht eine Schöpfung im naiven Sinne des biblischen Narrativ war, ist unumstößlich.

Mindestens ebenso weit reichend wie die Erkenntnis des Evolutionsprinzips waren jedoch die Folgen, die Darwins weitere Theorien hatten. "Wie jedes andere Tier ist auch der Mensch ohne Zweifel auf seinen gegenwärtigen hohen Stand durch einen Kampf um die Existenz gelangt, und wenn er noch höher fortschreiten soll, muss er einem heftigen Kampf ausgesetzt bleiben. Es muss für alle Menschen offene Konkurrenz bestehen", so Charles Darwins in der Zusammenfassung seines im Jahre 1871 erschienenen zweiten Hauptwerkes ("Die Abstammung des Menschen"). Inspiriert durch dessen Werke, griffen zwischen 1871 und 1933 zahlreiche deutschsprachige Mediziner, Biologen, Philosophen und Publizisten zur Feder. Eine Serie von Bestsellern jener Jahre verkündete den Abschied von der jüdisch-christlichen beziehungsweise humanistischen Ethik, der zufolge nicht nur jeder Mensch ein Recht auf Leben besitzt, sondern Stärkere den Schwächeren beizustehen haben. Natürlich konnte Darwin auf die Rezeption seines Opus und deren teilweise fatale Folgen keinen Einfluss mehr nehmen.

Die Geburt einer "neuen Moral"

Zwischen 1871 und 1933 wurde, unter ausdrücklicher Berufung auf Darwin, eine neue, scheinbar biologisch begründete Moral formuliert. Darwin hatte dem Vorschub geleistet, denn entgegen einer weit verbreiteten Meinung war er durchaus "Sozialdarwinist": "Bei den Wilden werden die an Geist und Körper Schwachen bald beseitigt. [...] Auf der anderen Seite tun wir zivilisierten Menschen alles nur Mögliche, um den Prozess der Beseitigung aufzuhalten. Wir bauen Zufluchtstätten für die Schwachsinnigen, für die Krüppel und die Kranken; wir erlassen Armengesetze und unsere Ärzte strengen sich an, das Leben eines jeden bis zum letzten Moment zu erhalten. Es ist Grund vorhanden anzunehmen, dass die Impfung Tausende erhalten hat, welche in Folge ihrer schwachen Konstitution früher den Pocken erlegen wären. [...] Niemand [...] wird daran zweifeln, dass dies für die Rasse des Menschen in höchstem Maße schädlich sein muss", schreibt Darwin 1871.

Unter Berufung auf solche Aussagen wurde in den darauf folgenden Jahrzehnten von Autoren wie Ernst Haeckel, Ludwig Büchner, Alfred Ploetz, Wilhelm Schallmeyer, Alexander Tille, Friedrich von Bernardi, August Forel, Eugen Fischer, Fritz Lenz oder Hans Friedrich Karl Günther (auch "Rasse-Günther" genannt) eine "neuen Moral" ausgerufen. Bereits 1905 (!) wurde die "Gesellschaft für Rassenhygiene" gegründet, die mit großem Erfolg in alle gesellschaftlichen Bereiche hineinwirkte.

In einer Rede anlässlich von Darwins hundertstem Geburtstag im Jahre 1908 rühmte der Medizinprofessor Max von Gruber das Prinzip von Kampf und Auslese, da es "die Missgebildeten, die Schwachen und die Minderwertigen" beseitige. Behinderte waren für ihn eine "enorme Last" und "eine fortwährende Gefahr für die Gesunden". In einem mit dem Strafrechtler Karl Binding im Jahre 1920 publizierten, viel beachteten Buch über "Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens - Ihr Maß und ihre Form" bedauerte der Psychiatrie-Ordinarius Alfred Hoche, dass das seinerzeit (noch) geltende Recht die Tötung von Menschen, die aufgrund unheilbarer und schwerer geistiger Behinderungen "vollständig wertlos" seien, verbiete. Es waren Biologen, Mediziner und Publizisten, die zwischen 1871 und 1933 den Boden für die einmaligen Verbrechen bereiteten, die in Deutschland dann folgen sollten (Richard Weikart: From Darwin to Hitler. Evolutionary ethics, eugenics, and racism in Germany, New York 2004; Joachim Bauer: Prinzip Menschlichkeit - Warum wir von Natur aus kooperieren. Hamburg 2006).

Biologie als neoliberale Veranstaltung?

Im Jahre 1976 schrieb der britische Soziobiologe Richard Dawkins, bekennender Darwinist, den Weltbestseller "Das egoistische Gen", dessen überaus einflussreiche anthropologische Thesen sich in vielen Köpfen festgesetzt haben. Dawkins postulierte, dass Gene "egoistisch" seien. Lebewesen seien von Genen gebaute "Maschinen", deren implizite Bestimmung es sei, die in ihnen befindlichen Gene maximal auf der Erde zu verbreiten. "Ein Affe", so Dawkins, "ist eine Maschine, die für den Fortbestand von Genen auf Bäumen verantwortlich ist, ein Fisch ist eine Maschine, die Gene im Wasser fortbestehen lässt."

Die Gene machten den Menschen so zu einem egoistischen Akteur: "Gene in den Körpern von Kindern werden aufgrund ihrer Fähigkeit selektiert, Elternkörper zu überlisten; Gene in Elternkörpern werden umgekehrt auf Grund ihrer Fähigkeit selektiert, die Jungen zu überlisten. Ich sage", so lesen wir bei Dawkins, "dass die natürliche Auslese tendenziell Kinder begünstigen wird, die so handeln, und dass wir daher, wenn wir frei lebende Populationen beobachten, im engsten Familienkreis Betrug und Eigennutz erwarten müssen". Auch hier wird unter dem Anschein der Wissenschaftlichkeit ein Menschenbild propagiert. Welch ein Zufall, dass es wunderbar zu einer neoliberalen Weltwirtschaftsordnung passt, die als das zur Natur des Menschen angeblich ideal passende System gepriesen wurde und wird. Tatsächlich sind Gene nicht egoistisch, sondern molekulare Kommunikatoren und Kooperatoren (Joachim Bauer: Das kooperative Gen - Abschied vom Darwinismus, Hamburg 2008).

Darwins anderer Blick auf den Menschen

Charles Darwin beschrieb den Menschen aus zwei sehr unterschiedlichen Blickwinkeln. Die meisten verbinden mit seinem Namen das, was er über den Menschen als Spezies schrieb. Das menschliche Zusammenleben, so Darwin 1871, dürfe dem Selektionsprinzip nicht zuwider laufen: "Der Mensch prüft mit skrupulöser Sorgfalt den Charakter und den Stammbaum seiner Pferde, Rinder und Hunde, ehe er sie paart. Wenn er aber zu seiner eigenen Heirat kommt, nimmt er sich selten oder niemals solche Mühe. [...] Doch könnte er durch Auswahl nicht bloß für die körperliche Konstitution und das Aussehen seiner Nachkommen, sondern auch für ihre intellektuellen und moralischen Eigenschaften etwas tun. Beide Geschlechter sollten sich der Heirat enthalten, wenn sie in irgendeinem besonderen Grade an Körper oder Geist minderwertig wären. [...] Alles was uns diesem Ziele näher bringt, ist von Nutzen. [...] Wenn die Klugen das Heiraten vermeiden, während die Sorglosen heiraten, werden die minderwertigen [im englischen Original: ,inferior'] Glieder der menschlichen Gesellschaft die besseren zu verdrängen streben".

Wenn er den Menschen als Individuum betrachtete, erscheint der Mensch bei Darwin dagegen in völlig anderem Licht. Der einzelne Mensch war für ihn keineswegs ein auf Konkurrenzkampf und Egoismus ausgerichtetes Wesen. Diese Perspektive findet sich in den Büchern "On The Expression of Emotions in Men and Other Animals" ("Der Ausdruck von Gemütsbewegungen beim Menschen und anderen Lebewesen", 1872) und in der 1876 verfassten (aber erst Jahre später erschienenen) Autobiografie. Hier äußerte Darwin, dass alle Lebewesen primär nach Glück streben und dass der Mensch dieses findet, wenn er seinen - wie er es nannte - "sozialen Instinkten" folgt. "Die höchste Befriedigung stellt sich [beim Menschen] ein, wenn man ganz bestimmten Impulsen folgt, nämlich den sozialen Instinkten. [...] Die Liebe derer zu gewinnen mit denen er zusammenlebt, [...] ist [für den Menschen] ohne Zweifel die größte Freude auf dieser Erde".

Von einem menschlichen "Aggressionstrieb" ist bei Darwin an keiner Stelle die Rede. Menschliche Aggression war für ihn kein primärer Instinkt, kein Triebbedürfnis, sondern ein reaktives Phänomen. Der "Aggressionstrieb" war eine spätere Erfindung von Sigmund Freud (der den "Aggressionstrieb" im Wettstreit mit dem Eros sah) und Konrad Lorenz (der den "Aggressionstrieb" als primären Antrieb des Menschen und die Liebe ausdrücklich als ein Derivat deflektierter Aggression definierte). Die Bindungsforschung sowie die moderne Neurobiologie geben heute eher Darwins Position Recht: Der Wunsch nach sozialer Akzeptanz ist eine primäre menschliche Motivation.

Darwin beschrieb die Situation des Menschen also einerseits als Spezies, die von der Evolution unter Selektionsdruck gestellt ist. Andrerseits sah er den Menschen als Individuum, bei dem nicht Kampfeslust, sondern die sozialen Instinkte im Vordergrund stehen. Für Darwin war dies kein Widerspruch: Er sah soziale Fähigkeiten als eine Errungenschaft, die einer Art in besonderer Weise helfen könne, den Kampf ums Überleben zu bestehen. Ich selbst habe demgegenüber vorgeschlagen, Darwin und den Darwinismus vom Kopf auf die Füße zu stellen: Nicht Konkurrenz und Kampf, sondern Kooperation und Bindung scheinen mir die primären und zentralen biologischen Prinzipien zu sein. Konkurrenz und Kampf sind evolutionär spätere Phänomene, die erst dann ins Spiel kommen, wenn vitale Ressourcen knapp werden oder soziale Bindungen bedroht sind. Da wir jedoch in einer realen Welt der zunehmenden Ressourcenknappheit leben, stehen die Chancen, dass die Dynamik der Aggression global zunehmen wird und wir uns als Menschheit selbst zerstören, relativ gut. Ob die Empathiefähigkeit und die Kulturleistungen des Menschen (vor allem die Fähigkeit, für Gerechtigkeit zu sorgen und Güter fair zu teilen) hinreichen werden, die zu erwartenden Dynamik der Aggression zu begrenzen, bleibt abzuwarten.

Hinweis der Redaktion: Informationen zu Joachim Bauer, dem Autor dieses Beitrages, finden Sie in unserem Online-Lexikon hier.






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