Mimetistische Tendenzen im ,Literary Darwinism'

Über Sinn und Unsinn in gegenwärtigen Versuchen einer evolutionsbiologischen Literaturbetrachtung

Von Katja MellmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Katja Mellmann

Pünktlich zum Darwin-Jahr erschien in der amerikanischen Zeitschrift "Style" eine zwei Nummern umfassende Sonderausgabe unter dem Titel "An Evolutionary Paradigm for Literary Studies". Im einleitenden Forschungsbericht beschreibt Joseph Carroll dieses "Paradigma" einer Evolutionären Literaturwissenschaft als "a distinct movement", das seit der Publikation seines Buches "Evolution and Literary Theory" (1995) zunehmend an Bedeutung gewonnen habe. Die im Anschluss abgedruckten Diskussionsbeiträge von 35 mehr oder weniger einschlägigen Autoren aus Literatur- und Kulturwissenschaften, Psychologie, Philosophie und anderen Disziplinen sowie Carrolls zusammenfassende Schlussdiskussion zeigen allerdings, dass es mit der ,Distinktheit' dieses Paradigmas nicht allzu weit her ist und durchaus sehr unterschiedliche Auffassungen über Ziel, Reichweite und Methodik des evolutionären Erklärungsansatzes herrschen.

Die evolutionsbiologischen Ansätze in den Geisteswissenschaften sind weit davon entfernt, ein allgemein erkenntnisleitendes Erklärungsmodell, ein "Paradigma" im Sinne Kuhns auszubilden. Und auch als separatistische Sondermeinung haben sie bislang keine einheitliche Lehre oder ,Schule' hervorgebracht, deren Satzung irgendwo verbindlich niedergelegt wäre. Carrolls werbende Proklamation tendiert zu einer Homogenisierung, wie man sie sonst eher aus der kritischen Außenperspektive kennt. So fasste zum Beispiel Frank Kelleter in einer Diskussion im "Journal of Literary Theory" die derzeitigen, im Detail sehr unterschiedlichen Versuche, Erkenntnisse der Humanwissenschaften in die Literaturwissenschaft zu integrieren, unter dem Label des "Neo-Naturalismus" zusammen. Sein Respondent Karl Eibl nahm den Fehdehandschuh auf und konterte, er glaube "tatsächlich, dass alle Wissenschaften (außer der Theologie) sich von der heuristischen Hypothese leiten lassen sollten, dass in dieser Welt alles mit natürlichen Dingen zugeht", sei "insofern also wohl wirklich ,Naturalist'". Damit formuliert er jedoch einen Grundkonsens aus, der so basal ist, dass er schwerlich als distinktes Merkmal der von Kelleter wie Carroll ins Auge gefassten neueren Tendenzen herhalten könnte. Der Grund für die leicht anrüchige Note der Kelleter'schen Etikettierung und für Carrolls Traum von einem durchsetzungsfähigen "Paradigma" liegt vielmehr in der Bereitschaft einiger Geisteswissenschaftler, aus dieser ,naturalistischen' Überzeugung auch praktische Konsequenzen zu ziehen und die Naturwissenschaften als ebenbürtige wissenschaftliche Disziplinen zuzulassen, deren Erkenntnisse man tatsächlich benutzen kann. Die Frage ist, auf welche Art und Weise dies jeweils geschieht, auf welche Art und Weise Evolutionsbiologie und Literatur in den einschlägigen Studien jeweils miteinander in Beziehung gesetzt werden. Und hier gibt es - allen interessegeleiteten Homogenisierungen zum Trotz - beachtliche Unterschiede.

Die Attraktivität der Darwin'schen Lehre für Fragen des Literarischen war von Anfang an hoch. Die Veröffentlichung seiner Hauptwerke "Über die Entstehung der Arten" (1859, deutsch 1860) und "Die Abstammung des Menschen" (1871, deutsch 1871) fiel in eine Zeit, in der sich die Avantgarde-Literatur Europas mehr und mehr einer "realistischen Weltanschauung" zu verschreiben begann. Man wollte sich von den metaphysischen Altlasten des idealistischen Zeitalters befreien und die Literatur ganz auf das neue, von den zeitgenössischen positiven Wissenschaften geprägte Verständnis des Wirklichen abstellen: "Der realistische Dichter soll das Leben schildern, wie es ist", schreibt zum Beispiel Wilhelm Bölsche in seiner naturalistischen Programmschrift "Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie" (1887), in der er ganz vom "Standpunct des Naturforschers" aus argumentiert und insbesondere Darwins Evolutionstheorie als geeignetes Instrument zu einem wissenschaftlich adäquaten Weltverständnis anpreist. Bölsches Verbindung von Poesie und Naturwissenschaft ist eine beliebige historische Position, die poetologische Programmatik einer bestimmten Epoche, und sagt nichts darüber aus, was Literatur aus naturwissenschaftlicher Sicht ist oder wie die Evolutionsbiologie dabei helfen kann, literarische Kunstwerke zu verstehen. Doch durchzieht die Annahme, dass Dichter die Welt in ihren Werken so abbilden, wie sie wirklich ist, als "heimliche Korrespondenztheorie" (Marcus Nordlund) auch neuere Studien, die mit dem Anspruch auftreten, die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Literatur offenzulegen, und bedarf in dieser Funktion einer kritischen Revision.

Joseph Carroll hat in seinem Monumentalwerk "Evolution and Literary Theory" ursprünglich ein sehr weites Spektrum evolutionsbiologischer Fragestellungen aufgefächert. Dieses Spektrum umfasste sowohl formale als auch inhaltliche Aspekte von Literatur und sowohl realistische als auch symbolische Darstellungsweisen. In der Praxis hat man sich seitdem jedoch stark auf inhaltlich-thematische Aspekte und mimetisch-erzählende Literatur konzentriert. Lieblingsbeispiele sind etwa männliches Konfliktverhalten in alten Epen (Robin Fox und Jonathan Gottschall) und weibliches Partnerwahlverhalten in realistischer Erzählliteratur (Brian Boyd, Brett Cooke, Carroll 2004 und Carroll/Gottschall 2005) - kurz: Texte, die besonders geeignet sind, die Annahmen der Evolutionsbiologie über menschliches Verhalten zu bestätigen. Steven Pinker hat in einer sehr kritischen Rezension zu dem 2005 erschienenen Sammelband "The Literary Animal" zu Recht zu bedenken gegeben, dass sich die Leistungsfähigkeit der evolutionsbiologischen Heuristik an Beispielen mit höherer kultureller Eigendynamik vielleicht überzeugender demonstrieren ließe als an Beispielen, die die biologischen Dispositionen nur redundant abbilden oder gar überbetonen. Geradezu eine Karikatur des hier kritisierten Verfahrens liefern David und Nanelle Barash in ihrem populärwissenschaftlichen Buch "Madame Bovary's Ovaries", in dem sie den Ehebruch Madame Bovarys und die Eifersucht Othellos aus dem adaptiven Wert solchen Verhaltens in der Evolution erklären. Aber literarische Figuren haben weder eine evolvierte Psyche noch Eierstöcke, ihr Verhalten lässt sich also wohl kaum mit evolutionsbiologischen Argumenten erklären. Allerdings sind Barash und Barash keine Literaturwissenschaftler. Ihr Anliegen ist die unterhaltsame Vermittlung evolutionspsychologischer Thesen an Hand einiger belletristischer Illustrationen, nicht die Untersuchung der literarischen Phänomene selbst. Was aber ist der Sinn der evolutionären Figurenpsychologie in den Studien zünftiger Literaturwissenschaftler?

Ein Argument Carrolls lautet, dass sich auf diese Weise falsche Interpretationen vermeiden ließen, dass uns zum Beispiel das Wissen um den so genannten Westermarck-Effekt davor bewahre, in "Hamlet" ein inzestuöses Mutter-Sohn-Verhältnis hineinzulesen. Als Westermarck-Effekt bezeichnet man die Beobachtung Edvard Westermarcks, dass familiale Nähe in einer bestimmten Phase der frühkindlichen Entwicklung ein sexuelles Desinteresse im Erwachsenenalter zur Folge hat, gleich ob die Betreffenden tatsächlich Blutsverwandte sind. Wenn wir dies wissen, so Carrolls Argument, und zudem wissen, dass Hamlet - im Gegensatz etwa zu Ödipus - in seiner Kindheit nicht von seiner Mutter getrennt war, kommen wir zusagen erst gar nicht auf dumme Gedanken. Carrolls zweites Beispiel ist Emily Brontës Roman "Sturmhöhe": Die Beziehung zwischen der Protagonistin Catherine und ihrem Adoptivbruder Heathcliff zeige zwar Züge einer leidenschaftlichen Verbindung, könne aber nach Westermarck keine wirklich leidenschaftliche Beziehung sein, da Catherine und Heathcliff zusammen aufgewachsen sind. Gegen diese Auffassung hat Alan Richardson in einem Aufsatz zum Inzestmotiv in der englischen Romantik zu Recht eingewandt: "fictional representations just do not work that way. Like dreams, fictive works can bear a number of different relations to the rules and regularities of daily experience, often giving us the inverse of the lived world. If Emily Brontë is at liberty to people the Yorkshire moors with ghosts, why not incestuous foster-siblings as well?"

Richardson wendet sich generell gegen Carrolls "romantische Vorstellung", literarische Werke enthielten aufgrund der genauen dichterischen Beobachtung eine Art intuitive Protopsychologie, die manche spätere wissenschaftliche Erkenntnis bereits vorwegnehme. Damit tut er Carroll ein wenig Unrecht, denn natürlich sind literarische Figuren wirklichen Menschen vielfach sehr ähnlich, ist Dichtung (im Sinne Aristoteles') eine Nachahmung des Wirklichen; und Carrolls Annahme, dass die biologischen Kräfte, die die Erfahrungswirklichkeit des Autors prägen, auch seine dichterische Imagination unmerklich beeinflussen, ist in gewisser Hinsicht lediglich eine Anwendung der hermeneutischen Maxime des ,Besserverstehens als der Autor' und als solche keineswegs absurd. Und doch trifft Richardson einen empfindlichen Punkt, wenn auch nicht unbedingt mit dem Romantizismus-Vorwurf, so doch mit dem Hinweis auf die dichterische Freiheit. Der Autor muss die Welt nicht so abbilden, wie sie ist. Das Argument, Wissen um die menschliche Natur beuge falschen Interpretationen vor, ist daher hinfällig: Die Vereinbarkeit literarischer Figuren mit der tatsächlichen Beschaffenheit der menschlichen Natur, wie sie sich uns heute darstellt, kann allenfalls als Faustregel, nicht aber als zwingendes Ausschlusskriterium für bestimmte Interpretationsmöglichkeiten dienen. Denn der Autor könnte es immer auch anders gewollt haben.

Der mimetistische Kurzschluss, den Richardson bei Carroll kritisiert, ist leider repräsentativ für eine ganze Reihe thematischer Analysen aus evolutionärer Perspektive. Die tendenzielle Übereinstimmung von literarischer Darstellung und biologischer Wirklichkeit wird in solchen Studien nicht nur generell vorausgesetzt, sondern durch die Fragen, die an Literatur gestellt werden, zudem oft stark strapaziert. So etwa, wenn Jonathan Gottschall 1.440 Märchen aus 48 verschiedenen Kulturen nach einem standardisierten Verfahren auswertet, um damit die These zu widerlegen, in europäischen Märchen würden arbiträre westliche Geschlechtsstereotypen verbreitet und zementiert. Denn was ist eigentlich das Ergebnis einer solchen Studie? Wenn Gottschall feststellt, dass sich in den Märchen aller untersuchten Kulturen dieselben Stereotypen nachweisen lassen, so widerlegt er damit richtig die abgeleitete Hypothese, in Märchen nichtwestlicher Kulturen sei mit anderen Stereotypen zu rechnen. Mit dieser abgeleiteten Hypothese überprüft er jedoch nicht die oben erwähnte Aussage über Literatur, sondern deren sozialkonstruktivistischen Prämisse. Entsprechend befriedigt stellt er fest, dass seine Ergebnisse mit den heutigen evolutionspsychologischen Annahmen über geschlechtstypisches Verhalten übereinstimmen, die sozialkonstruktivistische Arbitraritätsannahme hingegen nicht.

Ich glaube nicht einmal, dass Gottschall so ganz unrecht hat. Mein Einwand ist rein forschungslogischer Art: Er gibt vor, eine literaturwissenschaftliche These empirisch zu testen, tatsächlich aber testet er an literarischem Datenmaterial eine anthropologische These. Damit strapaziert er die Märchen als ethnologische Quellen, die in irgendeiner Weise anthropologische Fakten enthalten, ohne dass er Repräsentativität und Aussagekraft seiner Quellen rechtfertigen müsste, wie jeder rechtschaffene Ethnologe es hätte tun müssen. Eine ausgearbeitete Theorie darüber, wie der Zusammenhang von Literatur und Biologie genau beschaffen ist - zumal bei einem so wunderträchtigen Genre wie dem Märchen, das nicht eben für seine realistische Darstellung berühmt ist - hätte hier Abhilfe schaffen und vielleicht sogar einen interessanten Beitrag zur Literaturtheorie leisten können. Indem Gottschall das Widerspiegelungsverhältnis aber nur voraussetzt, statt darin das eigentliche Problem zu erkennen, vergibt er diese Chance.

Wenn Gottschall im Vorwort des zitierten Sammelbandes kund tut, er glaube, "that what ultimately drew most people to study literature was a desire to explore the behavior and psychology of human beings", so informiert er uns zwar freimütig über seine eigenen Motive, über das tatsächliche Erkenntnisinteresse der Mehrheit der Literaturwissenschaftler aber täuscht er sich wohl. Denn die skeptische Reserviertheit, mit der man den ,neonaturalistischen' Versuchen im eigenen Fach meist begegnet, erklärt sich nicht zuletzt aus dem nicht ganz falschen Eindruck, Literatur diene ihnen oft nur als beliebiges Material zur Bestätigung evolutionsbiologischer Thesen, während Fragen der Poetizität und künstlerischen Form eher außer Acht bleiben. Oder welchen Eindruck soll man denn gewinnen angesichts der Begeisterung, mit der Carroll feststellt: "we have, for the first time, a situation in which the intuitive understanding of literary writers can converge effectively with the findings of empirical psychology"?

Ich halte es indessen gar nicht für so unsinnig, Literatur als Quellen für anthropologische Fragestellungen zu benutzen. Literarische Texte sind aus den erwähnten Gründen gewiss nicht die verlässlichsten, aber in manchen Fällen - etwa wenn es um vergangene oder, wie zum Beispiel in Gottschalls Homer-Studie, gar um prähistorische Zeiten geht - die besten, weil beinahe einzigen Quellen für psychohistorische Fragestellungen. Man muss nur wissen, was man tut; und solange ein anthropologisches für ein literaturwissenschaftliches Erkenntnisinteresse ausgegeben wird, weiß man das nicht. Und eine interdisziplinäre Kooperation, wie sie zum Beispiel Carroll und Gottschall mit dem Psychologen John A. Johnson eingegangen sind, hat dann Sinn, wenn die Literaturwissenschaftler es sich zur Aufgabe machen, ihre ureigene Fachkompetenz, das heißt: ihr Wissen über die besondere Beschaffenheit von Literatur beizusteuern. Doch solange sie sich genau darüber selbst keine Rechenschaft ablegen, sondern sich als nachträglich angelernte, mal mehr, mal weniger kompetente Adepten fremder Disziplinen verdingen, ist aller interdisziplinäre Sinn dahin.

Allerdings ist der mimetistische Kurzschluss keine Erfindung der evolutionären Literaturkritik. Kehren wir noch einmal zurück zu Carrolls Inzest-Beispiel und sehen uns an, wie sein Kritiker mit dem Motiv verfährt. Richardson analysiert die Wissenskontexte seiner Autoren und findet im zeitgenössischen Schrifttum Auffassungen, die mit der Theorie Westermarcks bereits kompatibel sind. Sehr feinsinnig verfolgt er die Verflechtungen, die diese Inzestvermeidungstheorie avant la lettre mit empfindsamen Vorstellungen von geschwisterlicher Nähe, Seelenverwandtschaft und ehelicher Freundschaft eingeht, und macht einigermaßen plausibel, dass die Idealisierung der geschwisterlichen Liebe zur ,Liebe schlechthin' mit der erotischen Bedeutung von Liebe in einen unauflöslichen Konflikt geraten musste. Diese grundsätzlich paradoxale Konstellation im Überzeugungssystem der Zeit erklärt Richardsons Ansicht nach, warum eine in diesem Sinne ideale Liebe in der Literatur der englischen Romantik fast immer tragisch endet.

Richardson will mit dieser Rekonstruktion historischer Überzeugungssysteme eine Alternative zu Carrolls "romantischer Idee" einer intuitiven dichterischen Protopsychologie bieten. Aber tappt er damit nicht in dieselbe Falle wie Carroll, indem er voraussetzt, ein Dichter müsse die Welt gemäß den zeitüblichen Vorstellungen abbilden? Oder, um Richardsons eigene Worte zu gebrauchen: Wenn Brontë die Freiheit hat, die Moore Yorkshires mit Geistern zu bevölkern, warum dann nicht auch dazu, eine alles überwindende, glücklich-inzestuöse Liebe darzustellen? Und welche Funktion hat hier eigentlich der Rekurs auf den Westermarck-Effekt? Die literaturwissenschaftlich bewährte Methode einer wissensgeschichtlichen Rekonstruktion kommt an sich ohne die Frage aus, inwieweit diese historischen Anthropologien mit unseren heutigen Überzeugungen noch übereinstimmen.

Richardson sieht in der doppelten Motiviertheit der Inzestvermeidung sowohl durch die zeitgenössischen Theorien als auch durch die tatsächliche Unvereinbarkeit von geschwisterlicher und erotischer Liebe, wie sie durch den Westermarck-Effekt gegeben ist, so etwas wie einen Garant für die unauflösliche Tragik der romantischen Konstellation. Darüber lässt sich reden. Aber ist die Frage, auf die das eine Antwort sein soll, richtig gestellt? Meines Erachtens erklärt der Westermarck-Effekt nicht so sehr, warum inzestuöses Begehren in romantischer Literatur meist tragisch endet, sondern vielmehr, warum romantische Autoren in dem Bestreben, eine unmögliche Liebe darzustellen, ausgerechnet zum Motiv einer inzestuösen Liebesbeziehung greifen. In der Romantik wird Liebe als Möglichkeit der sozialen Bestätigung von Individualität entdeckt. Dem Geliebten wird damit die Funktion aufgebürdet, das einzigartig subjektive Weltverhältnis umfassend zu spiegeln und zu bestätigen. Dass dies immer nur momenthaft realisierbar und äußerst frustrationsanfällig ist, liegt auf der Hand. Das Motiv der inzestuösen Liebesbeziehung vereinigt in vorbildlicher Weise die beiden Hauptaspekte der romantischen Liebeskonzeption: das Ideal der sinnstiftenden Seelenkomplementarität, das Richardsons Kontextanalysen aufs Neue herausgestellt haben, und das notwendige Scheitern des Bemühens, die exorbitante Erfahrung totaler Korrespondenz zu stabilisieren.

Die Frage in diesem Sinne umzudrehen, bedeutet, nicht mehr nach den mimetischen Gehalten von Literatur - seien es biologische Fakten oder historisch kontingente Wissensbestände - zu fragen, sondern danach, wie und mit welchen Mitteln ein Autor etwas zur Darstellung bringt, das er zur Darstellung bringen möchte. Und hier liegt die eigentliche Herausforderung, der sich eine sinnvoll eingesetzte evolutionspsychologische Perspektive in den Literaturwissenschaften zu stellen hätte: in der psychologischen Plausibilisierung basaler Wirkungsmechanismen, auf die der Autor beim Einsatz poetischer Mittel zählen kann. Das Inzest-Motiv mag durch den Appell an angeborene Dispositionen zur Inzestvermeidung starke Gefühle der Abwehr und Beunruhigung im Leser hervorrufen und auf diese Weise einer emotional eindringlichen und jedermann verständlichen Darstellung einer unmöglichen Liebe dienen.

In der Fokussierung auf den Leser sehe ich die eigentliche Durchschlagskraft des evolutionären "Paradigmas". Denn hier kann der Import humanwissenschaftlicher Erkenntnisse tatsächlich einen Fortschritt bewirken. Waren frühere leserorientierte Ansätze wie etwa Hans Robert Jauß' "Rezeptionsästhetik" oder Wolfgang Isers "Anthropologie der Literatur" noch vorwiegend auf die introspektive Erkenntnis von Wirkungszusammenhängen oder die Spekulationen der philosophischen Anthropologie angewiesen, ermöglicht die aktuelle Evolutionspsychologie nun disziplinär abgesicherte, evolutionstheoretisch konsistente und empirisch geprüfte Aussagen über die Funktionsweise des menschlichen Geistes und bereitet damit das Feld für neue Hypothesen auch über das Zusammenspiel von Text und Leserpsyche. Eine evolutionäre Literaturwissenschaft in diesem Sinne verfolgt ein ähnliches Ziel wie die so genannte Kognitive Literaturwissenschaft, die sich der Erforschung des literarischen Verstehensaktes widmet, und sie wendet die humanwissenschaftliche Heuristik nicht auf Artefakte (literarische Figuren), sondern auf diejenigen Elemente des literarischen Kommunikationssystems an, die tatsächlich Produkte der biologischen Evolution sind: den Produzenten und den Rezipienten von Literatur. Ganz in diesem Sinne hat zum Beispiel Lisa Zunshine (2006) die Bedeutung unserer Fähigkeit, fremde Bewusstseinsinhalte mental zu simulieren, für die Romanrezeption untersucht, hat Karl Eibl in seinem Buch "Animal poeta" (2004) einige alte ästhetische Konzepte auf neue biologische Füße gestellt, hat Brian Boyd (2004) nach der humoristischen Wirkung bestimmter Textstrukturen gefragt und habe ich selbst basale Emotionsauslöser in der Literatur des 18. Jahrhunderts zu identifizieren versucht.

Die zuletzt genannten Studien teilen mit den als mimetistisch kritisierten Positionen sicherlich den eingangs erwähnten "naturalistischen" Grundkonsens, dass alles in der Welt - auch die ästhetische Erfahrung - mit natürlichen Dingen zugeht. Aber im Unterschied zu ihnen setzen sie in keiner Weise voraus, dass sich ihre "naturalistische" Grundüberzeugung notwendig auch in den analysierten Werken abbildet. Sie interessieren sich für die partiellen "Isomorphismen" (John Tooby und Leda Cosmides 2001, 21f.) zwischen Literatur und Wirklichkeit nur insofern, als diese geeignet sind, angeborene Dispositionen abzurufen und für eine bestimmte Darstellungsintention zu instrumentalisieren. Dieses Verfahren bedroht weder die Integrität des Faches oder seiner Methoden, noch reduziert es das individuelle Kunstwerk auf biologisch-allgemeine Prinzipien. Es macht vielmehr Angebote, wie bisher unbeantwortete und originär literaturwissenschaftliche Fragen unter Zuhilfenahme naturwissenschaftlicher Hypothesen wenn nicht in allen Fällen beantwortet, so doch neu formuliert und perspektiviert werden können. Das hermeneutische Paradigma der Geisteswissenschaften ist ein sehr leistungsfähiges, aber kein allmächtiges Erklärungsmodell. Wann immer wir ,den Menschen' bemühen müssen, um bestimmte literarische Phänomene zu erklären (und das ist häufiger der Fall, als manch einer wahrhaben möchte), sollten wir uns auch gestatten, Hilfe bei denjenigen Wissenschaftsdisziplinen zu suchen, die traditionell mit der Erforschung ,des Menschen' - und zwar des wirklichen, nicht des literarisch abgebildeten - befasst sind.

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