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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2009 » Biografisches
 
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Väter und Söhne

Christopher Bigsby würdigt in seiner großen Biografie Arthur Millers Leben und Werk

Von Peter Münder

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Hatte Arthur Miller (1915-2005) sich in seiner Autobiografie "Zeitkurven" (1987) nicht über alle wichtigen Aspekte in seinem Werk und Leben geäußert? Die Entstehung von "Tod eines Handlungsreisenden" (1949) und dessen sensationellen Welterfolg hatte er beschrieben, seine Konflikte mit dem reaktionären Hexenjäger Joseph McCarthy dargestellt ("Ich kann keine anderen Personen belasten, sondern nur für mich selbst Verantwortung übernehmen") und den Show-Charakter von McCarthys mediengeilem Inquisitions-Tribunal demaskiert. Miller hatte sich konsequent geweigert, die Denunziantenrolle zu übernehmen, was zum Bruch mit seinem Freund, dem Regisseur von "Alle meine Söhne" und "Tod eines Handlungsreisenden", Elia Kazan, führte, der vor dem Ausschuss beflissen Freunde und Kollegen als KP-Sympathisanten anschwärzte. Auch die Beziehung mit Marilyn Monroe ("sie hatte keinen inneren Halt") und ihre unglückliche, konfliktreiche Ehe von 1956-61 hatte er eingehend gewürdigt - was können wir also von Bigsbys Biografie erwarten, die der Autor als "definitiv" etikettiert?

Der britische Amerikanist Christopher Bigsby war lange mit Miller befreundet, er hat mehrere Bücher über den Pulitzerpreisträger veröffentlicht und ist Leiter des englischen "Arthur Miller Centre for American Studies". Bigsby hatte kurz vor Millers Tod von ihm viele Kisten mit unveröffentlichten Manuskripten und Entwürfen zu literarischen Projekten erhalten - aus diesem enormen Fundus saugt er seinen Honig und kann tatsächlich neue Aspekte beleuchten. So verlagert sich hier die sozialkritische Auseinandersetzung mit dem American Dream auf eine psychologische Schiene: Die Erörterung der Schuld-Thematik und der Vater-Sohn-Beziehung nimmt nun großen Raum ein. Haben sich die Väter mit ihrem beruflichen Versagen und mit dubiosen moralischen Standards schuldig gemacht? Der Waffenproduzent Joe Keller hat (in "Alle meine Söhne", 1947) mit fehlerhaften Flugzeugteilen den Tod etlicher Piloten verschuldet, während Willy Loman, der ausgelaugte Handlungsreisende, den der Erfolg im Stich lässt, sich selbst und seinen großspurigen Schaumschläger-Söhnen Biff und Happy suggeriert, der American Dream verwöhne ihn als beliebten Erfolgstypen.

Doch die Söhne haben diese Lebenslüge längst als mißsslungene Imagepflege entlarvt. Den Selbstmord der beiden Väter Joe Keller und Willy Loman und die fragilen Vater-Sohn-Beziehungen in Millers Dramen analysiert Bigsby im Kontext der Vaterbeziehung des Dramatikers. Miller hatte zwar immer ein sehr enges Verhältnis zu seinem Vater, einem reichen Textilhändler, dessen Wohlstand auf der Ausbeutung billiger Arbeitskräfte in sweatshops basierte. Aber der große Wirtschafts-Crash hatte das Vermögen pulverisiert; für Miller war die Wirtschaftskrise immer der prägende Wendepunkt gewesen. Der Crash habe ihn gelehrt, so Bigsby, dass "auf kein System Verlaß war - alles konnte sich plötzlich auflösen". Miller selbst empfand Schuldgefühle, weil er sich schon als Student in Michigan auf seine literarische Laufbahn vorbereiten konnte, während sein Bruder Kermit als Soldat in den Krieg zog und mit furchtbaren Depressionen zurückkehrte.

Am spannendsten sind Bigsbys Einblicke in bisher unbekannte FBI-Unterlagen, die illustrieren, wie exzessiv die Bespitzelung und Bevormundung des "marxistischen" Dramatikers betrieben wurde. Millers in "Alle meine Söhne" geäußerte Kritik am geldgierigen Profiteur der Rüstungsindustrie Joe Keller wurde als kommunistische Attacke gegen "gesundes" amerikanisches Profitstreben und als "böswillige Propaganda" interpretiert, was zu Aufführungsverboten und zu Passproblemen führte. Unter McCarthys Hexenjägern machte sich Miller schließlich auch deswegen verhasst, weil ihr Amnestie-Angebot vom Dramatiker kaltschnäuzig abgelehnt wurde: Man wollte alle Anklagepunkte gegen ihn fallen lassen, wenn sich Monroe mit dem Ausschussvorsitzenden Francis Walter fotografieren ließ. Dazu Miller: "Die waren nur gierig auf Schlagzeilen und auf maximales Medien-Interesse, das war alles".

Bigsbys faszinierende Biografie endet im Jahr 1962, mit dem Tod von Marilyn Monroe. Er hat das Buch mit großer Sympathie für Miller geschrieben, doch er will keine verklärende Denkmalpflege betreiben. Es gibt durchaus kritische Kommentare, etwa zu Millers extrem distanzierter Haltung gegenüber seinem aus der dritten Ehe mit der Fotografin Inge Morath stammenden, behinderten Sohn, der sofort nach der Geburt in ein Heim abgeschoben wurde, ohne dass Miller je wieder Kontakt zu ihm aufgenommen hätte. In "Zeitkurven" hatte Miller diesen am Down-Syndrom leidenden Sohn nicht einmal erwähnt. Mit seinen Einblicken in Leben und Werk des großen Dramatikers, der sich ja nie als selbstgerechter Doktrinär gerierte, bestätigt Bigsby auch Millers Verdikt über seine eigene Tätigkeit als Dramatiker, das er bereits in "Zeitkurven" formuliert hatte: "Abgesehen von einem Arzt, der Menschenleben rettet, war das Schreiben eines anspruchsvollen Stücks für mich das Wichtigste, was ein Mensch tun konnte".


Titelbild

Christopher Bigsby: Arthur Miller. The Definitive Biography.
Orion Publishing, London 2008.
776 Seiten, 34,99 EUR.
ISBN-13: 9780297854418

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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2009 » Biografisches
 

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Letzte Änderung: 09.02.2009 - 11:16:13
Erschienen am:29.01.2009
Lesungen: 4418
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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