Der dritte Mann

Für ein paar Texte mehr - eine Drehbuchskizze anlässlich des 10. Geburtstags von literaturkritik.de

Von Jan SüselbeckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jan Süselbeck

Man mag von Italowestern halten, was man will. Doch für die Redakteure von literaturkritik.de sind mustergültige Szenen dieses aus der Mode gekommenen Genres nun einmal Alltag. In den Semesterferien etwa, wenn die meisten Lehrenden und Studierenden der kleinen hessischen Stadt Marburg auf Wochen und Monate fluchtartig den Rücken kehren, um sich von den Strapazen des Semesters zu erholen und in Ruhe das nächste vorzubereiten, gleicht der Arbeitsplatz der Redaktion dem Bahnhof zu Beginn von Sergio Leones Western-Klassiker "Once Upon A Time In The West" (1968).

Anhaltende Stille herrscht in den maroden Fluren des leeren Turms A der Philipps-Universität. Allein noch zwei Männer sitzen einsam in ihren Büros, weit und breit ist keine Claudia Cardinale in Sicht. Wachsam und mit geröteten Augenlidern starren die Textarbeiter auf die flimmernden Bildschirme ihrer veralteten Computer. Ab und zu kratzen sie sich dabei träge an ihrem Dreitagebart. In zyklischen Intervallen blicken die beiden wie in Zeitlupe auf, um aufmerksam dem Pfeifen eines fernen Zuges oder dem Quietschen einer Türe irgendwo weit unten zu lauschen, Stockwerke tiefer.

Seltene und zufällige Beobachter, die sich in dieser Zeit höchstens für Sekunden hierher verirren, fragen sich, worauf diese nachlässig gekleideten Gestalten in dieser gottverlassenen Umgebung wohl so geduldig warten mögen. Sie finden keine Antwort, außer einen kurzen, drohenden Blick der in ihrem Versteck aufgestörten Profis, der mehr sagt als tausend Worte. Bloß raus hier.

Doch dann, irgendwann, nähern sich plötzlich Schritte von weither, die seltsam klingen. Knarzend fliegt eine der schweren Brandschutztüren des asbestverseuchten Gebäudeflurs auf wie die Flügeltür des Saloons nahe Sweetwater. Der so genannte Redaktionsleiter, der seine Beine gerade lässig auf dem Schreibtisch seines Büros hochgelegt hat, um die großen Stapel schwer entzifferbarer Korrekturfahnen bequem auf seinem Schoß platzieren zu können, sitzt mit dem Rücken zur Tür. Trotzdem muss er nicht einmal über die Schulter blicken, um zu wissen, wer der dritte Mann ist, der jetzt da kommt.

Es folgen noch ein, zwei, drei gemessene Schritte, die das Geräusch eleganter Herrenschuhabsätze auf dem kalten Linoleumfußboden erzeugen. Dann biegt auch schon der große Herausgeber um die Ecke und bleibt, im Habitus ganz Henry Fonda, lässig in der Türe stehen. Sie nennen ihn den Comandante. Ebenso beherrscht wie bestimmt raunt er jetzt nur die wenigen Worte: "Was ist mit Kehlmann."

Noch ehe die rechte Hand des angesprochenen Compadres in einem blitzartigen Reflex zur Maus greifen kann, fügt der unheimliche Gast mit einer wie aus dem Mundwinkel hervorgestoßenen, tonlosen Stimme hinzu: "Der Band ist da. Sie sollten jemanden dafür finden. Schnell."

Oft ist es in solchen Momenten, als würde noch einmal ein letztes Banjo- oder Mundharmonikamotiv aus dem Nichts ertönen. Und dann herrscht wieder tiefe Stille. Sie wird jetzt nur noch unterbrochen vom gelegentlichen Rascheln des Papiers, vom gedämpften Aufklackern einer Tastatur. Für ein paar Texte mehr.






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