Darwin und die Wirtschaft

Zum Verhältnis von Biologie und Ökonomie

Von Josef BordatRSS-Newsfeed neuer Artikel von Josef Bordat

Biologische (genauer: evolutionistische) und ökonomische (genauer: neoliberalistische) Theoriebildung haben sich in einem sich selbst verstärkenden Prozess wechselweise beeinflusst, was an zwei Hauptvertretern der Biologie, dem Begründer der Evolutionstheorie, Charles Darwin, und einem wichtigen Vertreter der neodarwinistischen "New Synthesis"-Theorie, Richard Dawkins, sowie einem Vertreter der Ökonomie, dem Liberalisten Friedrich von Hayek, deutlich wird.

Charles Darwin war - entgegen anderslautender Beteuerungen - "Sozialdarwinist", weil er sein Prinzip der Evolution (Entwicklung als Ergebnis von Auswahl und Anpassungsleistung in einer Situation der Konkurrenz) auch auf die menschliche Gesellschaft übertrug. So schrieb er: "Wie jedes andere Tier, so ist auch der Mensch ohne Zweifel auf seinen gegenwärtigen hohen Zustand durch einen Kampf um die Existenz in Folge seiner rapiden Vervielfältigung gelangt." Nach dieser Beschreibung folgt die Forderung: "Und wenn er noch höher fortschreiten soll, so muss er einem heftigen Kampfe ausgesetzt bleiben." Wie "jedes andere Tier" muss sich der Mensch also im "Kampf" gegen seinesgleichen behaupten, damit sich die Menschheit entwickeln kann.

Wie passt da der auf Solidarität ausgelegte Sozialstaat hinein? Äußerst schlecht, wie schon Darwin selbst feststellte. So kritisierte er ihn als gegen den Selektionsmechanismus gerichtetes Übel, eine Einschätzung, die Richard Dawkins teilt, auch wenn er stets beteuert, selbst nicht in einer Gesellschaft, die nach darwinistischen Spielregeln funktioniert, leben zu wollen, weil diese faschistisch sei (so Dawkins auf diese Frage in "Die Presse" vom 30.7.2005: Wie kann sich eine Gesellschaft bloß von diesen Regeln befreien, wo ihre Mitglieder doch auf Gedeih und Verderb auf sie angewiesen sind? Sie sucht sich diese Regeln ja nicht aus, mehr noch: es gibt ja gar keine Alternative, wenn man - wie Dawkins - außerhalb der Evolution nichts für möglich hält, das normativ auf den Menschen durchschlagen könnte.).

Der Zusammenhang von Biologie und Ökonomie besteht dabei, so Joachim Bauer, zunächst darin, dass die biologische Theorie an die jeweils vorherrschende ökonomische angeglichen wird. Sowohl Darwin wie auch Dawkins wurden dabei von den fragwürdigsten ökonomischen Lehren beeinflusst. Für Dawkins ist die "angloamerikanische (inzwischen weltweit herrschende) Wirtschaftsordnung" maßgebend gewesen, so dass seine Variante der Evolutionstheorie "gleichsam das biopsychologische Korrelat" dieser Ordnung ist.

Für Darwin war der frühkapitalistische Nationalökonom Thomas Robert Malthus Vorbild. In seiner Autobiographie schreibt er: "Im Oktober 1938, fünfzehn Monate nachdem ich mit meiner systematischen Analyse [der von Darwin jahrelang gesammelten Beobachtungen, J. B.] begonnen hatte, las ich zufällig, nur zum Vergnügen, Malthus' Buch über ,Population', und weil ich durch meine langen Beobachtungen der Gewohnheiten [habits] von Tieren und Pflanzen wohl darauf vorbereitet war, anzuerkennen, dass ein Kampf ums Dasein [struggle for existence] überall stattfindet, wurde mir sofort deutlich, dass unter solchen Bedingungen vorteilhafte Variationen eher erhalten bleiben und unvorteilhafte eher vernichtet werden. Das Ergebnis dieser Tendenz musste die Bildung neuer Arten sein. Jetzt hatte ich endliche eine Theorie, mit der ich arbeiten konnte [Here, then I hat at last a theory by which to work]." Das heißt im Klartext: "Der Kern der Evolutionstheorie Darwins basierte nicht auf biologischen Erkenntnissen, sondern hatte ein ökonomisches Kalkül zur Grundlage" (Bauer). Ein Kalkül, das im übrigen höchst fragwürdig ist, da es ausschließlich auf das Missverhältnis zwischen einem Bevölkerungswachstum, das als konstant exponentiell angenommen wird, und dem Zuwachs an Nahrungsmitteln, der linear verlaufe, als alleinige Ursache für Hunger und Armut abhebt und dabei andere Faktoren wie etwa Allokationsprobleme bzw. konträre Szenarien wie Produktivitätssteigerung und Bevölkerungsrückgang völlig außer Acht lässt. Wohlgemerkt: Darauf baut Darwin.

Soweit die Biologen. Was machen die Wirtschaftswissenschaftler mit diesen Vorgaben der Evolutionsbiologie, die, wie Bauer zeigt, letztlich auf ökonomischen Theorien gründet? Sie nehmen sie dankbar wieder auf, insbesondere dann, wenn ihnen als Berater des politischen Neoliberalismus' der Sozialstaat sowieso ein Dorn im Auge ist. Der US-Ökonom Paul Krugmann, Wirtschafts-"Nobelpreis"träger 2008 und Liberalismus-Kritiker, schreibt, dass sich ein Lehrbuch der neoklassischen Mikroökonomie wie eine Einführung in die Mikrobiologie liest. Und der Wiener Wirtschaftswissenschaftler Ewald Walterskirchen wies im "Standard" auf den engen Zusammenhang zwischen dem heutigen Neoliberalismus in der Wirtschaft und dem Neodarwinismus in der Biologie hin: "Beide Theorien gehen davon aus, dass nur zufällige Veränderungen/Anpassungen über Selektion bzw. Wettbewerb den Entwicklungsprozess bestimmen." Das Evolutionsprinzip wird auf den Markt übertragen. Solidarität wird nur dann eingefordert, wenn die "falschen" Marktteilnehmer vom Aussterben bedroht sind. Das ist nicht erst seit der jüngsten Finanzkrise so.

In der Ökonomie zeigt sich die Nähe zur Biologie besonders in den Arbeiten Friedrich von Hayeks, der als einer der Väter des Neoliberalismus gilt. Walterskirchen schreibt: "Hayek, Spross einer Biologenfamilie, spricht explizit von ,Aussiebung' durch den Markt. Hayek hält etwa eine hohe Arbeitslosenquote - analog zum Wert des Populationsüberschusses in der Tierwelt - für ökonomisch wünschenswert, damit die natürliche Selektion optimal greifen kann."

Im Klartext: Den angepasstesten Arbeitnehmer gibt es unter den Bedingungen extrem vieler Mitkonkurrenten. Wenn der Selektionsdruck nur hoch genug ist, passt sich das "Arbeitnehmertier" an jede sich bietende Nische an. Walterskirchen sieht durch diese Logik den Sozialstaat bedroht: "Die OECD, der Hort des Neoliberalismus, interpretiert die wirtschaftliche Krise in Europa einfach als mangelnde Anpassungsfähigkeit an Schocks - ganz ähnlich wie die Neodarwinisten das Aussterben von Tierarten. Die wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen aus diesen Überlegungen sind klar: Die Wirtschaftspolitik braucht nur die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit der Selektionsmechanismus Markt richtig greifen kann. Im Klartext läuft dies darauf hinaus, das europäische Sozialmodell abzuschaffen."

An diesen fatalen Zusammenhang von (Neo-)Liberalismus und (Neo-)Darwinismus erinnerte Christoph Kardinal Schönborn, Erzbischof von Wien, in der "Tagespost" im Rahmen einer Katechese unter dem Titel "Schöpfung und Evolution: Warum diese Debatte so wichtig ist", in der er die Bildung als weiteren Aspekt in die Debatte hineinträgt: "Ein Grundparadigma von Bildung heute ist die Anpassung unter dem Aspekt der Nützlichkeit - vor allem für den Arbeitsmarkt. Schlüsselkompetenzen wie Mobilität und Flexibilität sind hoch im Kurs, vergessen die Grundlinien katholischer Soziallehre: Die Wirtschaft ist für den Menschen da - nicht umgekehrt; vergessen zum Teil die Grundaufgabe von Schule und Bildung, auch zu Widerständigkeit zu erziehen und zu bilden."

Diese Widerständigkeit gegen diese Art sich gegenseitig stabilisierender biologischer und ökonomischer Theorien braucht es wohl, um dem "mörderischen darwinistischen Albtraum", wie Woody Allen das Leben einmal nannte, einen Sinn abzuringen, und an Quellen der Normativität zu gelangen, die außerhalb des Evolutionsmechanimus' liegen.

Literaturhinweise:

Joachim Bauer: Das kooperative Gen. Abschied vom Darwinismus. Hamburg 2008.

Charles Darwin: Mein Leben. Frankfurt a. M 1993 [1887]

Charles Darwin: Die Abstammung des Menschen. Paderborn 2005 [1871]

Richard Dawkins: Das egoistische Gen. Reinbek bei Hamburg 2004 [1976]





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