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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2009 » Deutschsprachige Literatur
 
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Die Nomadenschönheit und das Biest

Galsan Tschinags Altai-Legende "Das Menschenwild"

Von Anton Philipp KnittelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anton Philipp Knittel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Jeder Mensch besitzt sein ihm zugefallenes Leben", resümiert Galsan Tschinag am Ende seiner "Erzählung aus dem Altai", wie der Untertitel seiner neuen Novelle "Das Menschenwild" lautet. Tschinag, Häuptling und Schamane des turksprachigen Nomadenvolks der Tuwa, einer rund 4.000 Personen umfassenden Minderheit in der Mongolei, und vor allem Autor von gut zwei Dutzend deutschsprachigen Romanen, Erzählungen und Gedichtbänden taucht mit "Das Menschenwild" einmal mehr tief in Sagen, Mythen und Geschichte(n) seiner Landsleute ein.

War es in "Das geraubte Kind" eine Legende aus dem 18. Jahrhundert, als die Tuwa im nordwestlichen Zipfel der Mongolei gegen die Hegemonie des übermächtigen Reichs der Mitte aufbegehren, oder in der Erzählung "Der Wolf und die Hündin", die anrührende Geschichte einer ungleichen "Tierliebe", so ist es nun die Geschichte zwischen der Nomadenschönheit und dem Biest, zwischen der Kindfrau und dem Tiermensch.

Die mädchenhaft-kindliche Nomadentochter Hünej flüchtet aus "Lust, schon zur Frau werden zu wollen" mit dem "dummkühn[en]" Jüngling Dolaj in die Berge. Dort wird sie von einem Gijik, einem riesigen, stark behaarten Zwitterwesen aus Tier und Mensch, geraubt. In eine Höhle verschleppt, sind Flucht oder Gegenwehr unmöglich. Mit einem unbändigen Überlebenswillen ausgestattet, beginnt Hünej, sich mit ihrer Situation zu arrangieren, als sie merkt, dass sie dem Menschenwild intellektuell überlegen ist. "Der Gijik verfügte über Gefühle, und diese waren von ihr beeinflussbar!"

So wird aus der Gefangenschaft allmählich eine notwendige Kooperation. Hünej lernt sogar seine Gurr-Laute, und gibt dem Tiermensch den Namen Karaj: "Sie bedachte den Verderber und Retter ihres Lebens mit einem Namen, der sich von kara, schwarz, ableitet und dessen Endung Zärtlichkeit ausdrückte: Karaj."

So entwickelt sich im Zusammenleben immer mehr Zutrauen, denn: "Liebe war in jeder Hinsicht besser als Hass, gleich, wo, wann und von und zu wem. So lenkte sie sich, bewusst und allmählich, dahin, ihre Lage erträglicher zu gestalten." Hünej bringt schließlich sogar ein gemeinsames Kind zur Welt.

"So setzte sich splitter- und schnippelweise die Zweisamkeit durch, von der Notwendigkeit zum Zusammenhalt angesichts des Überlebenskampfes erzwungen, auch wenn dahinter viel Falsches steckte." Doch als ein Gijik-Weibchen aufkreuzt und Karaj sich mit ihr einlässt, wird die Lage immer bedrohlicher und eines Tages gelingt Hünej, ihren Sohn zurücklassend, die Flucht. Doch richtig heimisch wird sie in ihrer Nomadenwelt nicht mehr.


Titelbild

Galsan Tschinag: Das Menschenwild. Eine Erzählung aus dem Altai.
Insel Verlag, Frankfurt a. M. 2008.
93 Seiten, 11,80 EUR.
ISBN-13: 9783458193029

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Letzte Änderung: 09.02.2009 - 11:16:15
Erschienen am:09.02.2009
Lesungen: 3683
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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