"Frische Hechte sind immer die besten"

Der erste Band der historisch-kritischen Ausgabe von Goethes Briefen ist erschienen

Von Rolf-Bernhard EssigRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf-Bernhard Essig

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Immer wieder einmal wirkt es so, als unterscheide sich der junge Johann Wolfgang Goethe in seinen Briefen nicht allzu sehr von heutigen E-Mail- und SMS-Teenies. Er schwelgt in Abkürzungen, unvollständigen Worten, Gedanken und Sätzen. Mit der Zeichensetzung hält er sich nicht lange auf, konsequente Schreibung des Deutschen ist ihm ein Fremdwort - von Orthografie zu schweigen. Eine Kostprobe gefällig?" Schleifer daß ist erschrockl. Ich muß mit dem guten Papier spaarsam sey. ich habe wenig drum nehm ich schlechtes. Ich werde an den alten Recktor schreiben. Es wird mir nicht schweer fallen. Ich thue jetzt nichts als mich des Lateins befleisen. Noch eins! sie können nicht glauben was es eine schöne sache um einen Professor ist. Ich binn ganz enzückt geweßen da ich einige von diesen leuten in ihrer Herrlichkeit sah." Die korrigierten und gestrichenen Passagen sind hier weggelassen. Derart weit entfernt von klar gemessener Klassizität scheint so viel in diesen Briefen, dass man sich nur wundern kann, wie daraus Deutschlands geachtetster Autor werden konnte.

Welch ein Genussmensch der Student Goethe in Leipzig war! Als Stutzer, Frauenheld und Möchtegern-Genie vertat er reichlich viel Geld des Vaters. Dafür ersparte er ihm Studiengebühren, weil er nicht besonders häufig in den Vorlesungen zu sehen war. Der Schwester Cornelia hielt er freilich lustige Privatkollegien in Briefform. Nun gut, er war erst 16, als er die Universität bezog, 18, als ihn eine schwere Krankheit der Atemwege für viele Monate zwang, das Studium zu unterbrechen und nach Frankfurt heimzukehren.

Der erste Band der neuen historisch-kritischen Ausgabe aller Briefe Goethes reicht noch weiter, bis Dezember 1772. Da liegt ein Ausflug ins Pietistische hinter Goethe, der ihm sprachlich wie psychologisch frommt, ein vorläufiger juristischer Abschluss in Straßburg, der ihm anwaltliche Tätigkeit in Frankfurt erlaubt, die revolutionäre, poesiefördernde Liebeserfahrung in Sessenheim mit Friederike Brion, die epochemachende Begegnung mit Johann Gottfried Herder, erste Erfolge als Autor und Kritiker sowie die recht einseitige Affäre mit einem Wetzlarer Mädchen namens Charlotte Buff. Und damit ist noch lange nicht alles Bedeutende erwähnt, was Goethe zwischen 1764 und 1772 in seinen Schreiben an Freunde, Verwandte und Offizielle festhält.

Selbst für Kenner ist es eine Freude, diese Wörterflut eines bis zum Bersten mit Gefühlen, Erwartungen, Wünschen vollen Menschen zu lesen, der leidenschaftlich strebt, wenngleich nicht immer zielstrebig. Die Universalität Goethes lässt sich hier in ihrem teils chaotischen Stadium des Gärens beobachten. Je nach Adressat ändert er seine Rolle, seinen Stil und Gestus, manchmal sogar in ein und demselben Brief mehrfach. Da sucht einer, manchmal verzweifelt, vor allem jedoch neugierig nach Sinn und Ziel. Soll er Jurist werden? Dem Zeichnen sich verschreiben? Der Poesie? Hat er schon die Liebe seines Lebens mit der ersten Besten gefunden? Anna Catharina Schönkopf hat ihm in Leipzig derartig den Kopf verdreht, dass er in einem Paternoster zwischen Liebeshimmel und Eifersuchtshölle auf- und niederfährt. Sein Vertrauter Ernst Wolfgang Behrisch muss eineinhalb Seiten lang darüber lesen, dass die geliebte "Annette", wie Goethe sie nennt, ihre Hand zum Auge geführt hat, als ein junger Mann die Stube betrat: Das habe ihn rasend gemacht. Schamlos offen schreibt er, wie er sich fiebrig ins Theater schleppt, um sein Mädchen zu überwachen, und wie er sich damit zum Affen macht, weil sie ja doch treu war. Da sucht jemand Ventile für den Überdruck seiner Gefühle und findet sie im Schreiben. Als Jungfer Schönkopf ihm nur noch Freundschaft anbietet, schreibt Goethe pampig: "Kein Mensch mag eingemachte Bohnen solang man frische haben kann; Frische Hechte sind immer die besten, aber wenn man fürchtet, dass sie verderben mögen, so salzt man sie ein, besonders wenn man sie verführen will."

Im Kommentar der neuen Ausgabe weist man an dieser Stelle unerfahrene Leser darauf hin, dass damals "verführen" noch als "exportieren, in die Ferne bringen" verstanden werden konnte. So genießt man erst den Doppelsinn. Und damit ist man bei der Frage nach Nutzen und Vorteil dieser Edition. Sie will ja nichts Kleines. Ihr Zeitplan geht erstmal bis 2016. Da soll Band 10 erscheinen, der die Briefe des Jahres 1797 umfassen wird. 36 Bände sind insgesamt vorgesehen. Alles in allem kann es also schon 2040 werden, bis die Ausgabe vollständig der Forschung zur Verfügung stehen wird. Damit es wirklich so kommt, arbeiten im Auftrag der Stiftung Weimarer Klassik die Herausgeber Elke Richter und Georg Kurscheidt fleißig daran , dank einer Langzeitförderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt von zwei weiteren festen Mitarbeitern. Norbert Oellers, der Jahrzehnte lang für die Schiller-Nationalausgabe tätig war, ist mit im Boot. In einem Gespräch mit Elke Richter hieß es, man bemühe sich - und durchaus erfolgreich - darum, mit Hilfe privater Geldgeber das Tempo noch zu erhöhen.

Dass mit einem Mammutprojekt solcher Dauer große Probleme verbunden sind, kann man sich vorstellen. Schließlich soll es nicht wieder - wie in manch anderen Fällen - zu einer Editionsruine als Steuermillionengrab kommen. Aber: Brauchen wir überhaupt eine weitere Goethe-Briefe-Ausgabe? Es gibt ja bereits gut kommentierte Briefwechsel, zum Beispiel mit Friedrich Schiller und Carl Friedrich Zelter, außerdem Auswahl-Editionen des Deutschen Klassiker-Verlags oder die fünfbändige Briefe-Box der Hamburger Ausgabe, schließlich Sondereditionen wie "Der junge Goethe" und vor allem die altehrwürdige Weimarer Ausgabe samt Nachtragsbänden.

Gegen diese Konkurrenz führen die Herausgeber mit Recht an, dass die Ansprüche an historisch-kritische Ausgaben sich gewandelt haben. So kommentiert die Weimarer Ausgabe wenig und nur unsystematisch, wohingegen in der neuen 270 Briefseiten 550 Seiten Erläuterungen gegenüberstehen. Man nimmt diplomatische Treue heute auch ernster, nimmt Abstand von modernisierender oder rekonstruierender Schreibweise. Stattdessen wird selbst einmal ein fehlendes "c" in einem "dancke" ergänzt. Außer bei den neu gefundenen Briefen - allein 500 seit 1990 - geht es in der jetzigen Briefe-Ausgabe selten um revolutionäre Erkenntnisse. Auch "Der junge Goethe" oder die Hamburger Ausgabe kommentierten gut. Der Unterschied liegt mehr in der Tiefe und Ausführlichkeit. Da stehen im Brief Nr. 43 über neun Seiten Kommentar neu, im "Jungen Goethe" nur eine halbe. Kein Wunder, sehen die Herausgeber doch in der Kommentierung "die vermutlich größte Herausforderung der Edition", da die meisten Briefe noch nie erläutert wurden. Tatsächlich überzeugt der vorliegende Kommentarband, der wichtige Adressaten ausführlich vorstellt, Goethes Lebensumstände sowie die Entstehungsbedingungen und Absichten der Briefe umfassend darlegt. Das wächst sich manchmal zu kleinen Essays aus. Ob es immer hilfreich ist, ausführlich Goethes Autobiografie "Dichtung und Wahrheit" zu zitieren, kann dagegen bezweifelt werden, ist sie doch erst Jahrzehnte später entstanden und trägt ihren stilisierenden Charakter schon im Titel.

Auch Zweifel am passiven Wortschatz heutiger und kommender Leser erstaunen. Ist die Myrrhe schon unbekannt geworden? Ein Striegel? Worte wie "unbillig", "vermaledeyt", "Sacktuch"? Dagegen wird "erzdumm", "Häring", "Federsack" oder ein "zerschmissenes Gesicht" nicht erläutert. Konsequenz ist hier in keiner Ausgabe zu finden. Unverzichtbar sind die Erklärungen natürlich bei falschen Freunden wie "Kot(h)", der kaum noch als Straßendreck, oder "radikale Wiedergeburt", die nicht unbedingt als pietistischer Terminus verstanden wird. Überraschend moderne Ausdrücke gibt es übrigens auch. So schreibt Goethe 1770: "Weil wir doch von Mädgen reden; wie stehts mit Ihrer Flamme Langer?" An dieser Stelle wünschte man sich fast einen Exkurs über den Liebesdiskurs. Wichtiger natürlich, auf die Frankfurter Eigenheiten des jungen Goethe - beispielsweise das Weglassen des "n" bei allen "ein"-Vorsilben - hinzuweisen, wirkten die doch ohne die Hinweise der Herausgeber nur als Schreibfehler. Zitieren sie dagegen eine Seite lang den historischen Bericht, wie Marie-Antoinette in Straßburg empfangen wurde, ohne dass es Goethes Brief in dieser Ausführlichkeit nötig hätte, kommt man schon auf die Idee, hier wolle jemand Lesefrüchte für die Nachwelt überliefern. Das sind nur Einzelfälle, und zum Glück scheuen sich die Herausgeber nicht zu erwähnen, wenn etwas unklar ist, nicht zu ermitteln oder nur zu vermuten. Überaus hilfreich, dass alle fremdsprachigen Passagen übersetzt sind. Schließlich schrieb der junge Goethe gerne französische und englische Briefe, fügte lateinische Passagen an und dilettierte im Griechischen, welches er in Straßburg so verbesserte, "... dass ich fast den Homer ohne Übersetzung lese."

Dieser stürmische Drang zur Selbstverbesserung unterscheidet Goethe himmelweit von heutigen jungen Menschen, allerdings auch von den meisten Menschen überhaupt. Seinem bunten Bildungsgang zu folgen, macht seine Briefe allein schon zu einzigartigen Zeugnissen der Menschheit, seine ausführlichen Gefühlserforschungen, die poetischen, naturwissenschaftlichen und philosophischen Gedanken, die Verse und Werkschnipsel in den etwa 15.000 überlieferten Schreiben tun ein Übriges, die Steuermillionen der kommenden Jahrzehnte für nicht übel angelegt zu halten.


Titelbild

Johann Wolfgang von Goethe: Briefe. Historisch-kritische Ausgabe. 23. Mai 1764 - 30. Dezember 1772. Band 1 Text, Band 2 Kommentar.
Akademie Verlag, Berlin 2008.
893 Seiten, 158,00 EUR.
ISBN-13: 9783050043845

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