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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2009 » Literaturwissenschaft
 
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"Alles was ich will, ist, nichts mit euch zu tun haben."

Karl-Eckhard Carius plädiert für eine angemessenere Würdigung Rolf Dieter Brinkmanns

Von Jonas EngelmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jonas Engelmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Lange Zeit war es still um den 1975 nach einer Lesung in London überfahrenen Rolf Dieter Brinkmann. Zum 30. Todestag versuchte sein Verlag durch Neuausgaben zweier seiner Bücher noch einmal Interesse für ihn zu wecken, doch wohl vergeblich: Sein Spätwerk aus dem Nachlass ist noch immer neuwertig zu 1980er-Jahre-Preisen im Buchhandel erhältlich.

Nun versucht der Künstler Karl-Eckhard Carius, das Interesse an diesem großen und vergessenen Nachkriegsdichter erneut zu wecken: Er will ihm in Vechta eine Dichterplastik errichten und hat zu diesem Zweck das Buch "Brinkmann. Schnitte im Atemschutz" als Plädoyer für diese herausgegeben, das eine illustre Schar von Fürsprechern Brinkmanns versammelt: Von alten Freunden wie Ralf-Reiner Rygulla, Jörg Schröder, Peter Handke oder Bazon Brock über ehemalige Kontrahenten wie Marcel Reich-Ranicki bis hin zu Elfriede Jelinek hat Carius sowohl bereits veröffentlichte, wie auch exklusive Stimmen zu Brinkmann versammelt, um dessen Verdienst für die deutsche Literatur herauszustellen.

Jelinek etwa schreibt in ihrem Beitrag: "Rolf Dieter Brinkmann will sich selbst immer wieder seine Leidenschaft gegen das Eingefahrene beweisen. Er will ja auch gar nicht fahren. Im Kampf um die Verwirklichung seiner Leidenschaft erhebt sich sein Werk (und kickt sofort den Stuhl hinter sich weg), das gegen jeden Sitzplatz im Gemütlichen oder auch nur Gewöhnlichen aufbegehrt." Ob sich Brinkmann wohl damit gefühlt hätte, in seiner verhassten Heimatstadt Vechta eine Plastik zu seiner Person errichtet zu sehen, ist fraglich. "Nun sind die Förderer dieser prosperierenden Region angesprochen, der Kultur ihrer Kreisstadt zu einem Identifikationsobjekt zu verhelfen. Vielleicht finden die Vechtaer Bürgerinnen und Bürger auf diesem Wege doch noch zu ihrem Dichter", schreibt Carius im letzten Artikel des Buches.

Gegen jeden Sitzplatz im Gemütlichen? Pustekuchen. Denn was soll die Ehrung eines Künstlers, der wie kaum ein anderer das Alltägliche des Dichtens betont hat, der sich wie so wenige seiner Kollegen weniger als Dichter, denn als Dokumentarist seines Lebens sehen wollte? "Man kann so soviel besseres machen, als beispielsweise lange an einem Gedicht herumzubosseln - in der Stadt herumgehen, Zeitung lesen, ins Kino gehen, ficken, in der Nase bohren, Schallplatten hören, mit Leuten dumm herumreden...", schreibt er in seinen Anmerkungen zum Gedicht "Vanille".

Diese programmatische Äußerung Rolf Dieter Brinkmanns beschreibt einen zentralen Themenkomplex seines Werkes: Das Verhältnis von Leben und Schreiben. Brinkmanns Suche nach einer neuen Form von Literatur außerhalb vorgegebener Sinnmuster, nach einer Literatur der unmittelbaren Präsenz, setzt auf Verwendungsweisen von Sprache, die auf die tagtäglich zu machende sinnliche Erfahrung reagieren und abzielen. Diese festzuhalten, in Literatur zu überführen und so die Grenzen zwischen dem Leben - der Wahrnehmung der Realität - und dem Schreiben - der Darstellung des Wahrgenommenen - zu verwischen, zieht sich als roter Faden durch das Werk Rolf Dieter Brinkmanns. Ihm geht es um die Spontaneität, eine sich nur in einem Augenblick deutlich zeigende Empfindlichkeit als Schnappschuss festzuhalten. "Man braucht nur skrupellos zu sein, das als Gedicht aufzuschreiben. Wenn es dieses mal nicht klappt, wirft man den Zettel weg, beim nächsten mal packt man es dann eben, etwas anderes", notierte er einmal.

Brinkmanns Intention besteht darin, die Position des Künstlers in der Gesellschaft zu untergraben, und durch die bewusste Einbeziehung von Alltagsbeobachtungen und Gebrauch von Mitteln der Trivialliteratur - Pornografie, Western und Science Fiction, wie es der von Brinkmann hochgeschätzte Leslie A. Fiedler in seinem berühmt gewordenen Aufsatz "Cross the border - close the gap" vorgibt - gleichzeitig eine Vereinnahmung durch den Kulturbetrieb zu verhindern.

"Underground bedeutet zunächst einmal ein allgemeines Verhalten - ein persönliches Verhalten, das sich abgesetzt hat von dem Verhalten der älteren Generation, die eben permanent sich selbst repräsentieren kann, ein Establishment repräsentieren kann. Und man hat sich davon abgesetzt und geht seine eigenen Wege", sagte Brinkmann in einem Interview. Denn nur unabhängig vom verhassten Kulturbetrieb sah Brinkmann die Möglichkeit, aus eingefahrenen Strukturen und der Befangenheit, in nationalen Räumen zu denken, auszubrechen.

Die Kritik an der Idee einer Plastik spricht jedoch nicht gegen "Schnitte im Atemschutz". Wenn man diesen Anspruch und auch die dazugehörigen Artikel ausklammert, findet man in dem Sammelband einige interessante Stimmen und Ansätze zu Werk und Leben Brinkmanns versammelt, die vielleicht zumindest eines bewirken - dass er mal wieder gelesen wird.


Titelbild

Karl-Eckhard Carius (Hg.): Rolf-Dieter Brinkmann. Schnitte im Atemschutz.
Herausgegeben von Karl-Eckhard Carius.
edition text & kritik, München 2008.
190 Seiten, 34,00 EUR.
ISBN-13: 9783883779386

Weitere Informationen zum Buch

Leserbriefe

Bernd Mattheus: Monument für einen Empörer? Das Standbildprojekt für einen Denkmalstürmer und „Unerwünschten“ gleicht einer Provinzgroteske, folgt aber einem tradierten Assimilationsmechanismus: die Kunst der Revolte ins Museum, ...

Jörg Kirschke: Zeichen für einen Rebellen - ohne Klischee! Bernd Mattheus' Kunstverständnis scheint etwas veraltet zu sein, sonst würde er nicht in seinen Anmerkungen die Begriffe "Monument" und "Standbild" verwenden. ...

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Matthias Attig: Ein Gespräch mit Prof. Karl-Eckhard Carius veranlasst mich, die kritischen Bemerkungen, die ich hier vorgetragen habe, zurückzuziehen; ich habe jetzt verstanden, dass er mit seiner Plastik die Montagetechnik Brinkmanns in einem ...





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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2009 » Literaturwissenschaft
 

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Letzte Änderung: 09.02.2009 - 11:16:18
Erschienen am:09.02.2009
Lesungen: 8442
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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