Zeugungsgeschehen und Kultur

Ohad Parnes, Ulrike Vedder und Stefan Willer untersuchen das "Konzept der Generation"

Von Roger Fornoff

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Generationen begreift man heute zumeist als Jahrgangsgruppen, die aufgrund gemeinsamer sozialer, kultureller und historischer Prägungen nicht nur übereinstimmende Wahrnehmungs-, Deutungs- und Verhaltensmuster, sondern auch ein Gefühl der Zusammengehörigkeit ausgebildet haben. In diesem Verständnis, das sich, zumindest für den deutschen Diskursraum, vor allem von Karl Mannheims einschlägiger theoretischer Reformulierung der Generationenproblematik in den 1920er-Jahren herleitet, haben Generationen dieser Tage Hochkonjunktur. Ob "68er-" oder "89er-Generation", "Generation Golf" oder "Generation Ally", ob "Generation Berlin", "Generation Praktikum" oder "Generation Umhängetasche" - nahezu im Wochentakt werden neue Label geprägt, die unterschiedlichste Altersgruppen als Mentalitätsformationen zeitdiagnostisch zu verorten suchen und ihnen so mehr oder weniger neue Möglichkeiten der Selbstidentifikation offerieren.

Dass diese Semantik synchroner soziokultureller Einheiten nur einen sehr reduzierten Begriff von Generation transportiert, demonstrieren der Wissenschaftshistoriker Ohad Parnes sowie die Literaturwissenschaftler Ulrike Vedder und Stefan Willer in ihrer 2008 erschienenen Studie "Das Konzept der Generation. Eine Wissenschafts- und Kulturgeschichte", in der sie gegenüber möglichen Simplifizierungstendenzen die immense begriffliche und theoretische Komplexität des Generationenkonzepts herauszuarbeiten suchen. Der aus der langjährigen Zusammenarbeit der Autoren im Rahmen mehrerer Forschungsprojekte am "Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin" hervorgegangene Band liefert eine weit ausgreifende transdisziplinäre Gesamtschau des Generationendiskurses, die - ohne eine einheitliche "Grundbedeutung" zu rekonstruieren - die Wandlungen, Umbesetzungen und semantischen Verschiebungen dieses Konzepts in unterschiedlichen Wissenskontexten nachzeichnet und ihm so eine beispiellose historische und theoretische Tiefenschärfe verleiht. Das Paradigma der Generation wird in diesem Zusammenhang als eine "narrative Struktur" oder "epistemologische Figur" kenntlich, die in einer Vielzahl von wechselnden Bedeutungen und Funktionen auftritt: als "zyklisches Zeitmodell und Berechnungsgröße des Menschenalters, als Kategorie vormoderner Verwandtschaftsformen und symbolische Form der Kulturgeschichte, als psychoanalytische Instanz, familiale Kategorie und erbrechtlicher Begriff, als zentrale Kategorie von Vererbungslehren und Zeugungstheorien [oder] als terminus technicus der wissenschaftlichen Experimentalkultur."

Dieses weit gespannte Bedeutungsspektrum des Generationenbegriffs resultiert aus einer komplexen Wort-, Begriffs-, Metaphern- und Übersetzungsgeschichte, die von den Autoren zu Beginn der Studie in einer erhellenden etymologischen Analyse entfaltet wird. Sie enthüllt die semantischen "Doppeldeutigkeiten" zwischen Generativität und Genealogie, Synchronie und Diachronie - Generation bedeutet sowohl "Schöpfung", "Entstehung", "Zeugung" (lateinisch generatio, griechisch genesis) als auch "Gattung", "Geschlecht", "Abstammung" (griechisch genos) -, die den Begriff von Anfang an durchziehen und ihn, wie die Autoren betonen, "an der Schwelle von Körper und Geschichte", "Natur und Kultur" situieren.

Auf der Basis dieser etymologischen Rekonstruktion entwickeln Parnes, Vedder und Willer eine Konzeptgeschichte der Generation als chronologisch angelegte Geschichte von Denkfiguren, Deutungsmustern und Ordnungsmodellen, die immer wieder jene Umschlagsmomente ins Visier nimmt, an denen sich disziplinäre Felder und Wissensformen berühren, überlagern und komplexe Wechselbeziehungen, besonders zwischen natur- und sozialwissenschaftlichen Diskursen, generieren. Verhältnismäßig wenig Raum nehmen dabei ältere, noch primär diachron perspektivierte Formen des Generationendenkens ein, wie sie sich in den mythischen Genealogien der Antike bei Hesiod oder Ovid, in den biblisch inspirierten Herrschaftsgenealogien des Mittelalters oder in der generativen Physiologie des 17. und 18. Jahrhunderts manifestieren. Demgegenüber rücken die Verfasser die Geschichte des modernen, sich um 1800 herausprägenden Generationenbegriffs in den Mittelpunkt ihrer Analysen. In ihm avanciert die Generation, parallel zu den revolutionären Umbrüchen am Ende des 18. Jahrhunderts, zum "entscheidenden Deutungsmuster einer auf Fortschritt, Innovation und Beschleunigung setzenden Zeiterfahrung", die eine historisch neuartige Trennung und Entgegensetzung von Alt und Jung entstehen lässt.

Als Konsequenz dieses "epochalen Wandels historischer Erfahrung" treten nicht nur traditionelle genealogische Bedeutungen in den Hintergrund, das Konzept der Generation spaltet sich zudem in zwei divergente epistemologische Stränge auf: in einen historisch-kulturellen Strang, der in so unterschiedlichen Disziplinen und Diskursen wie Pädagogik, Recht, Ästhetik, Literatur oder Soziologie die Manifestationen, Begleiterscheinungen, Konflikte und Gegenbewegungen dieses neuen Spannungsverhältnisses zwischen den Generationen bearbeitet - sowie in einen natur- und lebenswissenschaftlichen Strang, der im Rahmen der sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts als Wissenschaft etablierenden Biologie ältere Modelle von Zeugung, Fortpflanzung und Vererbung über den Generationenbegriff neu konzeptualisiert.

Die moderne Theoriegeschichte der Generation erweist sich dabei nicht zuletzt als eine der Radikalisierung generationeller Differenz, die schließlich in den biopolitischen Visionen der Nazis von künftigen Generationen als eugenischen Züchtungsprodukten einen Höhepunkt erreicht. Gleichzeitig macht sich in der nationalsozialistischen Biopolitik und der mit ihr einhergehenden Blut und Boden-Ideologie jedoch schon eine gegenläufige Tendenz bemerkbar, die von den Verfassern zunehmend in den Fokus der Betrachtung gerückt wird: nämlich die Rückkehr genealogisch-intergenerationeller Bedeutungsgehalte in den modernen Generationsbegriff. Während sich diese im Kontext nationalsozialistischer Rassenbiologie als eine "erneute Archaisierung des Konzepts der Generation" begreifen lässt, eröffnet sie im psychologisch-sozialwissenschaftlichen Diskurs des 20. Jahrhunderts weit tragende analytische Perspektiven auf unbewusste und damit explizit nicht-genetische Transfer-Prozesse zwischen den Generationen.

Besonders interessant sind dabei die von den Verfassern leider etwas knapp beleuchteten "Konzeptualisierungen transgenerationeller Traumatisierungen" als Folge des Holocaust (unter anderem Kestenberg, Rosenthal), die sich etwa im Blick auf aktuelle deutsche Erinnerungspolitiken als eine besonders brisante Forschungsrichtung erwiesen haben. Zu diesem Komplex einer Neuentdeckung der Genealogie gehört auch die von den Autoren am Ende ihrer Konzeptgeschichte konstatierte, in sich höchst widersprüchliche Renaissance des Generationenromans im Gewand von literarischen Klon- und Hermaphroditenerzählungen (Houellebeqc, Ishiguro, Eugenides). Angesichts der in westlichen Gesellschaften weit verbreiteten Absage an Generativität und Reproduktion erblicken die Verfasser in ihnen ein deutliches Indiz dafür, dass die klassische genealogical novel selbstreflexiv geworden ist und als Experimentierfeld für nicht selten radikale Lösungsvorschläge gegenwärtiger generationeller, generativer und demografischer Probleme fungiert.

Es ist bedauerlich, dass Parnes, Vedder und Willer am Ende ihrer so weit ausholenden Diskursgeschichte nicht ausführlicher auf die aktuellen Bezüge des Generationenkonzepts zu sprechen kommen. Hier hätte man sich zum Beispiel eine intensivere Auseinandersetzung mit der eingangs erwähnten Produktion immer neuer identifikatorischer Generationsmodelle und der Rolle der Medien in diesem Zusammenhang gewünscht - immerhin der wohl prominenteste Aspekt der gegenwärtigen Generationsdebatte. Auch kann man sich fragen, warum neuere politik-, sozial- und geschichtswissenschaftliche Ansätze, etwa aus den Bereichen von Biografieforschung und oral history, und in ihrem Kontext erarbeitete, den kulturwissenschaftlichen Diskurs eminent stimulierende Differenzierungen zwischen Kriegs- und Sozialstaats-, heroischen und postheroischen Generationen gänzlich unerwähnt bleiben. Schwerer wiegt, dass es der Untersuchung an einer einprägsamen These und damit an einer durchgängigen Fragestellung mangelt, welche die überaus heterogenen Materialmassen problemorientiert geordnet und den Argumentationsgang gesteuert hätten. So entsteht nicht nur der Eindruck einer schwer zu strukturierenden Unübersichtlichkeit und Unschärfe des Generationenkonzepts, sondern auch der Verdacht einer gewissen Willkür in Auswahl, Anordnung und Proportionierung der behandelten Quellen.

Beeindruckend ist das konzeptgeschichtliche Panorama, das die Studie vor dem Leser ausbreitet, dennoch. Das enorme Spektrum der Deutungsfiguren und Denkmodelle, das von der Genieästhetik Johann Gottfried Herders bis zur biologischen Genetik Wilhelm Johannsens, von der Verfassungstheorie Thomas Paines bis zur Essayistik Alfred Anderschs reicht, der Reichtum der Verknüpfungen und Querverweise, die überzeugende transdisziplinäre Anlage des Buches - all dies erschließt neue, zuweilen originelle Erkenntnishorizonte und demonstriert überdies die beträchtliche epistemologische Relevanz des Generationsbegriffs. Anzuzeigen ist daher, trotz mancher Einschränkungen, ein überaus lesenswertes Buch. Mehr Ideensteinbruch und Materialsammlung als stringente systematische Darstellung, bietet es die erste umfassendere Rekonstruktion wissenschafts- und kulturgeschichtlicher Problemzusammenhänge unter dem Gesichtspunkt von Generation und Genealogie. Sie wird weitere Forschungsarbeiten in diesem Feld inspirieren.


Titelbild

Ohad Parnes / Ulrike Vedder / Stefan Willer: Das Konzept der Generation. Eine Wissenschafts- und Kulturgeschichte.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2008.
386 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-13: 9783518294550

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