Besonders gut kann ich Mathe

Alina Bronskys Debütroman "Scherbenpark" besticht durch gekonnte Einfachheit

Von Mechthilde VahsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Mechthilde Vahsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Sascha alias Alexandra Naimann ist eine begabte junge Frau von 17 Jahren. Alles könnte so gut sein, wären da nicht die Eckdaten ihrer Biografie: Sascha kommt aus Russland und geht auf eine katholische Eliteschule, sie wohnt in einem hässlichen Betonplattenbau, die Mutter wurde zusammen mit ihrem Lebensgefährten von deren Ex-Freund Vadim erschossen, Sascha und ihre kleinen Geschwister werden von Maria, Cousine zweiten Grades des Mörders, versorgt. Maria wiederum kommt aus Nowosibirsk und spricht nur wenige Worte deutsch.

Die 17-Jährige verbietet sich das Weinen und gibt ihren Blick auf die Welt kodderschnauzig kund. So auch, als sie in einer Zeitung ein Interview mit Vadim liest, zur Redaktion fährt und die Verfasserin zur Rede stellt. Dabei gerät sie an den Ressortleiter und erlebt ein Wochenende lang eine vermeintliche Idylle in dessen Haus. Nach weiteren extremen Erlebnissen wird ihr schließlich klar, dass sie für sich selbst verantwortlich ist und ihr niemand den Schmerz und den Hass nehmen kann, die sie umtreiben.

Das klingt nach Kitsch und Sozialdrama. Davon wird der Roman tatsächlich gestreift, aber die klare, schlichte Sprache und die freche Protagonistin, die so hart sein will und so verletzlich daherkommt, entschädigen dafür. "Es war nie mein Ziel, ein autobiografisches Enthüllungsbuch zu schreiben, und auch eine Sozialreportage ist mein Roman auf keinen Fall", sagt die Autorin dazu, die selbst aus Russland stammt.

Trotz einiger Schwächen trägt die stilistische Einfachheit die Handlung und die Figuren und die Geschichte bleibt unterhaltsam. Sie liest sich wie der Erstlingsfilm einer jungen Regisseurin. Einen künstlerischen Anspruch verbindet Alina Bronsky mit dem Roman nicht. Entsprechend fiel sie mit einem Auszug aus dem Roman auch beim letztjährigen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb bei der Jury durch. Das war ihr vorher schon klar: "Ich mache Unterhaltungsliteratur."

Neben den manchmal allzu lauten Popliteratur-Tönen schafft es die Autorin, Saschas innere Welt überzeugend nahezubringen. Das ständige Hin und Her zwischen den kindlichen und den zu früh erwachsen gewordenen Teilen ihres Selbsts steht exemplarisch für die Bewältigung des Mordes an der Mutter - ihren Vater kennt Sascha nicht -, und nicht nur für eine 17-Jährige, die an der Grenze zum Erwachsenwerden steht. In diesen Momenten schafft die Autorin Ruheinseln in der Hektik des traumatisierten Alltags, das ist die Stärke des Buches. So bleibt die Geschichte bis zum Schluss spannend, denn auch wenn Sascha wahrlich keine Heldin par excellence ist, interessant ist ihre Geschichte auf jeden Fall. Und dabei gut erzählt.


Titelbild

Alina Bronsky: Scherbenpark. Roman.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008.
288 Seiten, 16,95 EUR.
ISBN-13: 9783462040302

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