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 literaturkritik.de » Nr. 3, März 2009 » Literaturwissenschaft
 
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Wörter, die zum Dichten verlocken

Ulrich Namislows "Reizwörterbuch" versammelt Koppelwörter für Wortschatzsucher

Von Ute EisingerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ute Eisinger

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Prinzip ist schnell erklärt: Man nehme zwei aus zwei Bestandteilen zusammengesetzte Nomen (Komposita); das Grundwort des einen muss mit dem Bestimmungswort des anderen identisch sein, zum Beispiel "Schlüssel" als Grundwort in "Autoschlüssel" und als Bestimmungswort in "Schlüsselblume". Die beiden Komposita setzt man zu einem Doppelkompositum aus drei Bestandteilen zusammen, mit dem doppelt gültigen Teil in der Mitte. Die Linguistik hat dafür mehrere Begriffe, etwa den Begriff "Teleskopwort": Man muss dieses Kompositum erst auseinander schieben, damit man sehen kann, was es meint.

Darum attestiert Cassis Kilian im Geleitwort zu Ulrich Namislows "Reizwörter"-Buch derartigen Wortgebilden "kleinaphoristische" Qualität. Sie verlocken unwiderstehlich zum Deuten: Der Reiz an Wörtern wie "Menschenrechtschreibung", "Zahnfleischwurst", "Neurosengarten" liegt darin, dass sie dazu auffordern, sie sich zu erklären - sonst kann man sie sich ja nicht vorstellen.

Eine ganze Menge davon sind in Namislows Buch, dessen Titel selbst ein solches Konstrukt darstellt, zum Verzehr, Sich-Erklären oder zur Nachahmung abgedruckt. Doch wäre das kleine Büchlein aus dem Mini-Verlag LOGO, der sich offenbar typografisch reizvollen Dichtern verschrieben hat, ohne den linguistischen Background, wie ihn Elke Donalies im Nachwort gibt, halb so interessant: Einzigartig, wenn auch simpel, funktioniert in der deutschen Sprache die Wortbildung: Wo romanische Sprache genetivisch zusammen stoppeln (jus de melo), die englische unverbunden nebeneinander stehen lässt (apple juice) und slawische Idiome adjektivieren (jablotschnij sok), sind im Deutschen keine Schweißnähte des Zusammensetzens mehr zu sehen (Apfelsaft). Doch gibt es keine Regel, wie man ordnungsgemäß zusammengefügte Gebilde ohne Kontext verstehen sollte: So ist ein Mädchenzimmer ein Raum für ein Mädchen, eine Frauenzimmer eine Frau und ein Hinterzimmer hinten gelegen.

Leider geht aus den Kommentaren zu der typografisch klar gelösten Auflistung von 888 Wort-Kontaminaten nicht hervor, ob Namislow - Professor für Buchgestaltung der Universität Mainz - sie in der Presse gefunden oder sich ausgedacht hat. Gemessen daran, dass sich unermesslich viele Schmelzwörter bilden lassen, hätte diese Zahl erklärt werden müssen. Auf jeden Fall wird die Sammlung jedem Freude machen, der wortspielerisch verführbar ist.


Titelbild

Ulrich Namislow: Reizwörterbuch. Für Wortschatzsucher.
Logo Verlag Eric Erfurth, Obernburg a. M. 2008.
104 Seiten, 12,00 EUR.
ISBN-13: 9783939462071

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Letzte Änderung: 09.04.2009 - 13:57:19
Erschienen am:02.03.2009
Lesungen: 1695
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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