Coitus ergo sum

Zum Tod des großen Autors John Updike

Von Peter Münder

"Wenn man mal erstrangig gewesen ist bei einer Sache, ganz gleich bei welcher, dann kriegt man es nicht fertig, was Zweitrangiges zu tun", erklärt der 26-jährige ehemalige Basketballstar Harry Armstrong, genannt "Rabbit", der in Warenhäusern Kartoffelschäler verkauft. Schon im ersten der vier Rabbit-Romane "Rabbit Run" (1960) hatte John Updike (1932-2009) neben dem erotomanen Aspekt diese profilneurotische Gier nach dem Besonderen und nach gesellschaftlicher Anerkennung an seiner Romanfigur diagnostiziert. Verbirgt sich dahinter auch die selbstzufriedene Spießer-Verlogenheit von Sinclair Lewis' Immobilienmakler "Babbit", der mit seiner eigenen Ignoranz kokettiert und um jeden Preis von seiner hyperkonformistischen Umgebung anerkannt werden möchte?

John Updike, in Pennsylvania geborener Lehrersohn, stotterte in seiner Jugend und litt unter Schuppenflechte, was ihn später vielleicht befähigte, Outcasts aus einer verständnisvollen, ironischen Distanz zu beschreiben, die sich nie über seine Figuren mokieren oder diese gar verdammen wollte. Updike schrieb schon während des Anglistik-Studiums in Harvard für den "New Yorker" Reportagen und Kurzgeschichten. Er konnte mit einem Stipendium für ein Jahr nach Oxford, um dort Kunstgeschichte zu studieren und machte damit schon früh deutlich, wie immens und unersättlich sein Erkenntnisinteresse war. Fast in jedem Jahr veröffentlichte er ein Buch; er war in allen Genres (Lyrik, Drama, Essay, Rezension, Roman, Kurzgeschichte) zu Haus und schien sich als Leitfigur einen Universalisten wie Friedrich von Humboldt auserkoren zu haben. Der historische Roman, an dem er noch kurz vor seinem Tod arbeitete, spielt im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung: "Da kenne ich mich nicht so gut aus", erklärte er der "New York Times". Er wollte sich eben in möglichst viele Themen, Epochen, historische Hintergründe und Figuren hineinversetzen- je ferner und exotischer, desto besser. Für den Ostküsten-Intellektuellen war seine bekannteste Romanfigur Harry Angstrom eine durchaus exotische, faszinierende Figur. Denn kaum etwas fand der gelehrte Autor fader und irritierender als mit dem eigenen Intellektuellen-Ambiente konfrontiert zu sein. Trotzdem beschäftigte er sich immer wieder mit seinem unter "Writer's Block" leidenden jüdischen Autor Henry Bech ("Bech is Back"), den er allerdings als komische Figur entwarf.

Mit Rabbits Hang zum Anarchismus, zum Ehebruch und einem wilden, ungehemmten Hedonismus einer jugendlichen Euphorie sympathisiere er durchaus, konstatierte der zweimal verheiratete Updike. Die überall evozierte Maxime vom lebenslangen Lernen hatte Updike schon in jungen Jahren längst als Lustprinzip internalisiert und zum lebenslangen Schreiben umgemodelt. Für den Kunstgeschichtler war das Spiel mit optischen Reizen, die Vermittlung seiner beim Schreiben evozierten Bildwelten viel entscheidender als ideologische Diskussionen oder literarische Agitprop-Bemühungen. Wie sein Anti-Held Rabbit brachte es auch Updike eigentlich nie fertig, "etwas Zweitklassiges zu tun".

Ähnlich wie Robert Musil seinen "Mann ohne Eigenschaften" in einem großen historisch-gesellschaftlichen Panorama agieren lässt und Ulrichs erotische Eskapaden als Selbstbestätigung eines nicht eben stark entwickelten Selbstbewusstseins darstellt, so versteht auch Updike seine Figuren als Ich-schwache Wesen, die immer auf der Suche nach neuen Kicks und Thrills sind, weil sie sich beweisen müssen und geradezu süchtig nach der Anerkennung ihrer Peer-Groups sind. Diese Aspekte kindlich-jugendlichen Übermuts stellen wir auch noch beim gealterten, kranken Rabbit fest, der (in "Rabbit at Rest", 1990) bereits todkrank ist und auf sein Ende wartet. Er fährt mit seiner Frau zum Southwest Florida Regional Airport, um seinen kokainschnupfenden Sohn abzuholen und sieht im Rückspiegel eine junge Frau am Steuer eines Sportwagens. Da entfaltet sich eine typische Updike-Szene: Der kranke Rabbit gibt kräftig Gas, um es der jungen Camaro-Fahrerin noch einmal zu zeigen, doch Rabbit wird sofort von seiner nörgelnden Frau Janice gemaßregelt und muss das Tempo drosseln. "Das Camara-Cabrio überholte ihn rasant, eine kakaobrauneTussi mit Stewardess-Käppi saß hinterm Lenkrad, ihr Kinn und die Lippen drängten nach vorne. Ihn würdigte sie nicht einmal mit einem Seitenblick". Das ist die ultimative Demütigung für den leicht zu verunsichernden, immer nach Selbstbestätigung gierenden Rabbit.

Die Vielseitigkeit des emsigen Autors verleitete diesen allerdings auch zu dilettantisch-banalen Exkursen in exotische Gefilde. Seine Brasilien-Impressionen etwa sind extrem oberflächlich und reißen kritische Aspekte nur kurz an, während die im letzten Jahr erschienenen "Widows of Eastwick" wegen etlicher drastischer Szenen und Dialoge vor allem von "Gender Studies"-Expertinnen als antifeministisch eingestuft wurden. Und in seinen Memoiren ("Self-Consciousness", 1989) gibt es viele merkwürdig mediokre und spießig anmutende Attacken auf Norman Mailer und die Protestaktionen der Flower Power Friedensbewegung, in denen sich Updike mit peinlichen ästhetisch- formalistischen Invektiven zum Apologeten des Vietnamkriegs aufschwingen möchte. Darüber wollen wir lieber den Mantel des Schweigens ausbreiten.

Gesellschaftskritische Aspekte kommen bei Updike keineswegs zu kurz, wie von manchen Kritikern behauptet wird, die sich zu sehr auf den vermeintlichen Erotik-Spezialisten Updike kaprizieren. Wenn Rabbit es (in "Rabbit is Rich", 1981) mitten in der Ölkrise von 1979 zum Leiter einer Toyota-Niederlassung geschafft hat und sich geriert wie ein Samariter, der den bisher auf spritfressende Gasguzzler fixierten Amerikanern vierrädrige Sparbüchsen zuteil werden lässt, flackert in kurzen Szenen die Hysterie einer Gesellschaft auf, die in Krisenzeiten einen entscheidenden Faktor der Lebenqualität - den "American Way of Drive" nämlich - eliminiert und schon apokalyptische Szenarios vom möglichen Ende der "großen amerikanischen Autofahrt" heraufziehen sieht. Hier wird auch erkennbar: Es gibt kaum noch sichere Grundlagen oder Werte - schnell kann sich Entscheidendes ändern. In kaum einem Roman war Updike scharfsinniger und aktueller als in diesem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Band.

Grotesk ist jedenfalls der immer noch von vielen Kritikern erhobene Vorwurf, Updike sei eine Art erotomaner Zulieferer für gynäkologische Fachblätter. Da Updike den amerikanischen Jugend- und Körperkult sowie die antipuritanische Free Love-Bewegung thematisiert, die ohne Sex und libidinöses "Frühlingserwachen"-Feeling wahrlich nicht vorstellbar sind, muss Updikes credo "coitus ergo sum" auch als ironische Kritik an einem zur Befreiungsbewegung hypostasierten Kult verstanden werden.

Das große Updike-Faszinosum bleibt nach wie vor: Wie bringt dieser grandiose Chronist des banalen amerikanischen Alltags es fertig, dieses Leben zwischen Gebrauchtwagenverkauf, Ehebruch und Verdummungs-TV als spannende Tragigroteske darzustellen, die offenbar allgemeingültige Erkenntnisse vermittelt?

Rund fünfzig Bücher hat Updike veröffentlicht; der immer wieder ins Gespräch gebrachte Nobelpreis ist ihm leider nicht verliehen worden, dabei hätte dieser begnadete große Ironiker ihn wahrlich verdient. Der 76-jährige John Updike verstarb am 27. Januar 2009 an den Folgen einer Lungenkrebserkrankung.






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