Naturwissenschaft und Moral

Offener Brief zur Rezension von Josef Bordat über Joachim Bauers Buch "Das kooperative Gen - Abschied vom Darwinismus"

Von Rudolf A. Jörres und Thomas Waschke

Vorbemerkung der Redaktion: Kurz vor dem Erscheinen dieser Ausgabe von literaturkritik.de erreichte uns folgender Brief zu einer Rezension von Josef Bordat, die zum Darwin-Schwerpunkt der Ausgabe gehört und bereits seit dem 15.1.2009 im Netz steht. Eine Veröffentlichung des Briefes auf der Internet-Seite der AG Evolutionsbiologie wurde uns angekündigt. Wir haben die Verfasser gebeten, den Brief auch uns zur Veröffentlichung zur Verfügung zu stellen, und ihr Einverständnis erhalten. Diskussionsbeiträge zu dem Thema sind willkommen und können in Form eines Leserbriefes (bitte dazu unter diesem Artikel "Leserbrief schreiben" anklicken) oder als Beitrag in unserem Kulturjournal veröffentlicht werden.

Sehr geehrter Herr Dr. Bordat,

Ihre Rezension des Buches von Joachim Bauer mit dem Titel "Das kooperative Gen" tritt insofern positiv aus der Gesamtzahl von Rezensionen hervor, als Sie sich bemüht haben, den Inhalt des Buches zu wesentlichen Teilen wiederzugeben und in einen allgemeinen Kontext zu stellen. Andererseits wirkt Ihre Darstellung in hohem Maße befremdlich, ja über Strecken abwegig. Dies betrifft sowohl die Wertung der fachwissenschaftlichen Aussagen als auch die ideologische Funktionalisierung der im Buch dargelegten Thesen. Die folgenden Anmerkungen, die nur einige der problematischen Punkte ansprechen, beziehen sich ausschließlich auf Ihre Ausführungen zu Bauers Buch.

1. Sie folgen, wie schon der Titel Ihres Beitrags andeutet, bereitwillig der im Buch breit angelegten Einladung zum naturalistischen Fehlschluss, indem Sie Sein und Sollen durchgängig vermengen und spezifische naturwissenschaftliche Ergebnisse als einen für die Moral des Menschen wesentlichen Beleg der Moralität in der Natur interpretieren. Sie sprechen dem Buch Bauers und dem parallel besprochenen Titel sogar "eine gute Orientierung" "im Hinblick auf Anthropologie und Ethik" zu, führen "echte Moralität" oder den "Grund der Moralität" an, lassen den "Altruismus" als "Ursächlichkeit und Selbstzweck" "schon auf der Genom-Ebene kreativ Regie führen" und so weiter.

Ein Begriff wie "Kooperation" hat in der Wissenschaft jedoch nur im Rahmen genau definierter Zusammenhänge Bedeutung. Er wird seit langem vielfach verwandt, so in der Physik, in der man von "kooperativen Phänomenen" etwa bei Phasenübergängen oder beim Laser spricht, in der Enzymkinetik et cetera. In genomischen Zusammenhängen bezieht sich "Kooperation" beispielsweise auf das temporäre Zusammenwirken genetischer (Teil-) Elemente, aber auch die Ablesemaschinerie. "Kooperative Phänomene" sind im Übrigen, wie schon die abstrakte mathematische System- und Strukturwissenschaft zeigt, Voraussetzungen jeder höheren Organisation. Ganze Wissenschaftszweige wie die Synergetik wurden bereits vor Jahrzehnten explizit auf der Analyse derartiger Phänomene gegründet. Die multiplen wissenschaftlichen Bedeutungen des Begriffs "Kooperation" haben nichts mit dessen Bedeutung im menschlichen Zusammenleben zu tun. Relativ dazu handelt es sich um bloße entfernte Analogien, die den Stellenwert von Arbeitsmetaphern haben. In der Naturwissenschaft finden sich unzählige derartiger Übertragungen aus der Alltagssprache. Schon von dieser Seite her sind Ihre Interpretationen inadäquat, unabhängig von der Frage, inwieweit sie offenkundige grundlagenwissenschaftliche Defizite des Buches widerspiegeln, die von Ihnen in keiner Weise behoben werden.

2. Gleiches gilt für den Begriff "egoistisches Gen". Dieser wird von Genomforschern bis zum heutigen Tage in präzise angebbarer und produktiver Weise verwandt, wie ein Blick in die wissenschaftliche Literatur zeigt. Ihre Übertragung des Begriffs "kooperatives Gen" in die Lebenspraxis liegt auf exakt der gleichen Ebene wie die unzulässige Übertragung des Begriffes "egoistisches Gen", die im Gefolge von Richard Dawkins eine Vielzahl von Interpreten betrieben hat. Dies ist nicht verwunderlich, denn auf offenkundige Weise ist das Buch als Anti-Dawkins angelegt und bedient gezielt die Erwartungen eines Publikums, das nicht etwa zwischen Natur und Moral strikt unterscheidet, sondern nur mit einer andersherum ideologisch passend gemachten Naturwissenschaft moralisch bedient zu werden wünscht.

3. Die Entkopplung naturwissenschaftlicher Erkenntnismaximen von der Moral war eine der Vorbedingungen dafür, überhaupt Wissenschaft für die Erkenntnis der Welt fruchtbar machen zu können, statt sie auf bloßes Zuträgerhandwerk zu beschränken. Man denke nur an die neuartige Sicht auf die Welt und auf uns selbst, wie sie die Naturwissenschaft des 20. Jahrhunderts ergab, und vergleiche dies - im Extremfall - mit einem Denksystem, das im Geist des 13. Jahrhunderts einen fixen Satz apriorischer Behauptungen in einem logifizierten Gesamtrahmen zu explizieren sucht, der sich hierarchisch-institutionellen Vorgaben fügt. Oder mit einer Schriftgläubigkeit, für die die menschliche Erkenntnis, soweit sie über die Bereitstellung technischer Hilfsmittel hinausgeht, effektiv stillsteht.

4. Die Entkopplung dürfte aber auch eine der Existenzbedingungen einer pluralen Gesellschaft sein. Dazu gehört die Ablehnung der Möglichkeit, aus einem auf Objektivierung und Neutralität angelegten Unternehmen wie der Naturwissenschaft moralische Maximen abzuleiten; dies kann sie schon aus kategorialen Gründen nicht leisten. Moralansprüche einzelner Personen und Gruppen müssen sich in einer pluralen, humanen Gesellschaft aus anderen Quellen rechtfertigen als denen der Wissenschaft. Vor allem können sie nicht auf einem in irgendeiner Form gefassten Begriff von Natürlichkeit fußen, den die Wissenschaft liefern könnte oder zu liefern hätte. Die geschichtliche Erfahrung zeigt, dass totalitäre Systeme jeder Art sich gerne eines - jeweils passend gewählten beziehungsweise erweiterten - Begriffs von Natürlichkeit bedienten, um ihre Zwangsmaßnahmen auszuüben. Die effektive Okkupation der Naturwissenschaft durch einen erweiterten Begriff von "Wissenschaft" oder "Natur" führt dazu, spezifischen Moralsystemen in trügerischer Weise eine Legitimation zu verschaffen, die sich der relativen Objektivität und offenkundigen Leistungsfähigkeit der Wissenschaft bedient. Auch sind eventuelle metaphysische Grundlagen der Moral im Sinne einer Metaethik nicht in der Natur zu gründen. Die Behandlung des Begriffs "Kooperation" und anderer Begriffe in Ihrer Rezension lässt vermuten, dass Sie sehr wohl an konkrete supranaturalistische Unterschiebungen denken, etwa im Gefolge Thomas von Aquins, für den die Grade des Guten und des Seienden kongruent waren (etwa "In rebus autem unumquodque tantum habet de bono quantum habet de esse; bonum enim et ens convertuntur [..]", Summa Theologiae, Quaestio 18, Articulus 1). Moral lässt sich auf diese Weise allerdings nur in einer geistig uniformierten Gesellschaft fundieren. In einer pluralen wird sie unterhöhlt, denn in ihr kann sich offenbar eine als Minimum erforderliche, das Zusammenleben ermöglichende, konsensfähige Moral nur unabhängig von spezifischen Glaubenssystemen begründen - gleich, welche individuellen Zusatzbegründungen bestehen.

5. Dies verweist auf eine weitere Implikation Ihrer Interpretation. Die beschriebene Funktionalisierung von Ergebnissen der Wissenschaft führt in der Konsequenz zu ihrer methodologischen und inhaltlichen Zerstörung. Für Thomas von Aquin etwa bestand die Aufgabe der Wissenschaft (als Philosophie) darin, das von der Theologie Erkannte in der Welt aufzuweisen. Gelang das nicht, handelte es sich um schlechte Wissenschaft.

Der gesamte Kontext Ihrer Rezension und der blind dem Buchautor folgende, sachlich unzutreffende Gebrauch des Begriffs "schlechter Wissenschaft" legt die Vermutung nahe, dass Ihnen derartige Wertungen alles andere als fremd sind. Die Umkehrung des naturalistischen Fehlschlusses liegt ja darin, anhand moralischer Vorgaben zu bestimmen, was Wissenschaft zu finden habe beziehungsweise welche Ergebnisse akzeptabel sind und welche nicht.

Die asymmetrische Behandlung der Begriffe "kooperatives Gen" und "egoistisches Gen" ist ein Musterbeispiel für dieses Verfahren, bei dem Sie unkritisch den Darstellungen des Buchs folgen, ja sie überbieten. Der Duktus von Rezension und Buch läuft in der Konsequenz darauf hinaus, vermittels unzulässiger moralischer Interpretation beispielsweise einen wissenschaftlich definierten und in spezifischem Kontext quantitativ demonstrierbaren Begriff wie "selfish" zu verwerfen, dies durch einen verzerrten Blick auf wissenschaftliche Befunde zu begründen und so im Effekt die Wissenschaft ideologisch zu steuern. Dieses Verfahren, seine ad-hoc-Verwendung und Implikationen wären eine nähere Analyse wert. So belegt die Geschichte eindrucksvoll, dass Denksysteme mit Totalanspruch gerne Einfluss darauf nahmen, wie Wissenschaft vorzugehen und was sie aufzuzeigen habe, zuletzt im 20. Jahrhundert etwa in der Genetik.

6. Die Forschung kennt heute ein breites Repertoire von Mechanismen, von denen man annehmen darf, dass sie an der biologischen Evolution beteiligt waren. Sie ist weit über den Stand zu Darwins Zeiten hinaus, und Prinzipien der Evolution werden in vielen Disziplinen bis in die Programmiertechnik hinein fruchtbar angewandt. Andererseits jedoch ist man von einer quantitativ explizierbaren Rekonstruktion, die es erlaubte, den Stellenwert einzelner Mechanismen in zeitlicher und räumlicher Differenzierung präzise anzugeben, weit entfernt. Dies äußert sich nicht zuletzt in einer ganzen Anzahl konkurrierender Erklärungsansätze und Denkschulen.

Die Darstellung des Buches vermittelt einen einseitigen und in ihren apodiktischen Steigerungen und Wertungen irreführenden Eindruck von dieser Situation. Ein Kontrastbeispiel zum besprochenen Buch stellt ein Werk wie "The Origins of Genome Architecture" (2007) von Michael Lynch dar. Dies nicht nur, weil es sich um ein wissenschaftliches Werk handelt, das eine klare persönliche Linie mit einer umfassenden, kompetenten, fairen Rezeption der Literatur verbindet und von einem Fachmann auf dem Gebiet verfasst ist. Sondern auch, weil es die Probleme im Verständnis der Mechanismen der Evolution auf pointierte und detaillierte Weise zusammenfasst und dabei mit fundierter Kritik nach allen Seiten hin nicht spart, ohne sich auf einen Griff in die Moral stützen zu müssen. Alternative Hypothesen werden mit Sorgfalt diskutiert, ohne deren Schwierigkeiten und ungelöste Probleme zu verschleiern und ohne zu suggerieren, man habe gleich eine Lösung bei der Hand. Wer an solider, hervorragend dargebotener Information interessiert ist, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Zwar erfordert die Lektüre Fachkenntnisse, doch kann man einige Passagen, insbesondere das letzte, zusammenfassende Kapitel, vermutlich auch mit geringen Vorkenntnissen verstehen.

Die enthusiastische Rezension dieses Buches durch den Evolutionsbiologen Axel Meyer in "Nature" (2008) sagt im Übrigen genug über die behauptete Blindheit ausgewiesener Wissenschaftler gegenüber dieser Art von Forschung. Leider gibt es kein Anzeichen eines unabhängigen naturwissenschaftlichen Urteilsvermögens in Ihrer Rezension. Es dürfte aber eine Illusion sein, zu glauben, ein Buch, in dem sehr gut, wenngleich einseitig, dargebotene wissenschaftliche Partialinformationen und massives Ressentiment zu einer identifikationsheischenden Synthese gebracht sind, ohne solche Kenntnisse adäquat bewerten zu können. Mindestens aber sollte man in der Lage sein, Metaphern-Fallen wie "kooperatives Gen" oder "Weisheit der Zelle" aus dem Wege zu gehen.

7. Die Ausführungen über die "Erklärung", welche die "Schöpfungstheologie" für das bislang nicht verstandene Walten transponierender Elemente anzubieten habe, oder über die "Weisheit der Zelle" zeigen ein Denkmuster, dem die Wissenschaft entgegen ihrer eigenen Logik dazu dient, einem Supranaturalismus (temporäre) Sprünge in Lücken zu ermöglichen. Dieses Spiel kann ad infinitum weitergehen, da die Wissenschaft wohl nie abgeschlossen sein wird. Die Unangemessenheit dieses Verfahrens wird besonders evident im biblisierenden Schluss "Also: Im Anfang war die Information", der in Anbetracht der umfangreichen Forschung zur Strukturbildung komplexer Systeme, Selbstorganisation, Nichtgleichgewichts-Thermodynamik und so weiter nur als abwegig gelten kann.

Allen ungeklärten Fragen zum Trotz gibt es nach wie vor keinerlei Hinweise darauf, dass in der Genese des Lebens andere als natürliche Faktoren wirksam waren - einzig Ungeduld, Vorurteil und das Bedürfnis nach raschen, kompakten, totalen Antworten sehen das anders. Daher hat der Supranaturalismus, in welcher Verkleidung auch immer, in der Evolutionsbiologie keinen Platz, auch schon aus elementaren methodologischen Gründen. Andererseits zeitigt eine subjektiv eingeschränkte Erklärung keinerlei wissenschaftliche Folgen. Oder soll die Forschung stillstehen, soll sie nach göttlichen Signalen suchen? Eine nähere Analyse zeigt auch, dass ein Rekurs auf extern geplante Anfangsbedingungen des Universums oder Multiversums nicht weiterhilft.

Auch hat es keinen Sinn, die Definitionsmacht der Vertreter des Naturalismus zu beklagen, wenn man nicht in concreto angibt, welche Folgen eine moralisch-metaphysische, de facto supranaturalistische Erweiterung des Wissenschaftsbegriffs für die Naturwissenschaft hat. Der argumentative Duktus der Rezension lässt beispielsweise eine scholastisch-thomistische Variante, das heißt angesichts der Wissenschaftshistorie nicht unbedingt Gutes vermuten. Nicht ohne Grund lavieren Sie streckenweise umher, auch wenn Sie alle Fallen getreulich aufsuchen, die in bereits vorliegenden Anmerkungen zum Buch von Joachim Bauer identifiziert wurden. Hierin finden sich auch Ausführungen, die aufzeigen, dass Begriffe wie "Kooperation" mit Leichtigkeit ebenso ins Unheilvolle gewendet werden können wie andere Begriffe. Beispielsweise verlangen Kriege ein Maximum an Kooperation innerhalb einer Gruppe, und es gibt Gründe für die Annahme, dass diese spezifische Form der Kooperation konkrete Folgen für das Sozialverhalten beim Menschen hatte. Wer kurzerhand unter Missachtung elementarer begrifflicher Distinktionen einen Bogen vom "kooperativen Gen" zur "Genealogie der Moral" schlägt, sollte neben anderem auch derartiges bedenken. Immerhin vermag die dem menschlichen Vorausblick verschlossene hegelsche List der Vernunft mancherlei in das Gegenteil des Beabsichtigten zu verkehren.

Aus den genannten Gründen erscheint Ihre Rezension sachlich wie interpretatorisch in hohem Maße fragwürdig. Sowohl aus wissenschaftlichen wie aus moralischen Gründen muss man dieser Art von weltanschaulicher Indienstnahme und ideologischer Aufladung, die zweifelsohne im Buch von Bauer vielfach vorgeprägt ist, entschieden widersprechen.

Mit freundlichen Grüßen

Rudolf A. Jörres und Thomas Waschke

Rudolf A. Jörres ist Privatdozent an der Ludwig-Maximilians-Universität München und dort am Klinikum Innenstadt, Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin tätig.

Thomas Waschke studierte Biologie, Chemie und Informatik. Er ist Lehrer am Gymnasium und Altsprachlichen Gymnasium, Wilhelm-von-Oranien-Schule in Dillenburg.





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