10 Jahre literaturkritik.de

Erinnerungen, Bilanzen und Blicke in die Zukunft

Von Thomas AnzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Anz

Ursprungsgeschichten

Im Februar 1999 erschien die erste Ausgabe von literaturkritik.de. Man kann sie über unser Archiv leicht finden und ansehen. Sie sah damals aber anders aus. Das Innsbrucker Zeitungsarchiv für Literaturkritik hat die ursprüngliche Version der ersten Ausgaben in einem amerikanischen Internet-Archiv entdeckt, auch noch die „Null-Nummer“ vom Dezember 2008. Wenn man etwas Geduld mit dem langsamen Aufbau der Seiten aufbringt, gewinnt man dort einen authentischeren Eindruck von diesen Anfängen und sieht sich – auch in medientechnischer Hinsicht – in eine andere Zeit versetzt.

Damals wurde die ganze Ausgabe, jede Überschrift, jeder Artikel und in ihm jeder Abschnitt noch „per Hand“ aus einer Word-Datei in eine html-Datei umgewandelt. Was heute automatisiert in zwei Minuten geschieht, nämlich eine von der Redaktion vorbereitete Ausgabe im Netz zu veröffentlichen, dauerte zwei Tage. Für alle Beteiligten war das ein Schnelligkeitswunder. Diese digitale Zauberei beherrschte einer unserer Marburger Germanistikstudenten, ohne uns auch nur ungefähr begreiflich machen zu können, wie das vor sich ging. Er hieß Alexander Berger, wirkte irgendwie sehr nervös und von diesen Dingen ziemlich besessen, obwohl er eigentlich seine Magisterarbeit über sprachliche Fehlleistungen aus linguistischer statt psychoanalytischer Sicht endlich abschließen musste. Er war für uns eine Art Technik-Held, der sich mit Datenbanken und der Einrichtung von Web-Seiten bestens auskannte und den Ideen zu einer neuen Rezensionszeitschrift Flügel verlieh.

Der Einfall, im Zusammenhang mit praxisorientierten Anteilen des literaturwissenschaftlichen Lehrens und Lernens an der Universität eine Rezensionszeitschrift herauszugeben, war allerdings schon wesentlich älter. Im Rahmen des von mir an der Universität München initiierten „Aufbaustudiengangs Literaturkritik“ erschien im Februar 1989 das erste Heft der „Münchner Blätter zur Literaturkritik“. Die Beiträge in der Zeitschrift wurden alle von Teilnehmern des Studiengangs geschrieben. Nach meinem Wechsel an die Universität Bamberg erschienen ab April 1991 die „Bamberger Hefte zur Literaturkritik“ unter dem Obertitel „KopfZeilen“ – in nur scheinbarer Opposition zu den „Fußnoten zur Literatur“, die dort mein hoch geschätzter und freundschaftlich verbundener Kollege Wulf Segebrecht schon lange herausgab. Die 500 kopierten und zusammengetackerten Hefte wurden kostenlos verteilt, die Herstellungskosten durch Anzeigen freundlich gesinnter Buch- oder Schreibwarenhandlungen und Cafés aus der Uni-Umgebung finanziert.

Als ich 1998 an die Universität Marburg berufen wurde, dort im Oktober im Fach „Neuere deutsche Literatur“ zu lehren begann und sogleich zusätzlich den praxisorientierten Studienschwerpunkt „Literaturvermittlung in den Medien“ einrichtete, hatten sich die persönliche und die historische Situation erheblich verändert. Mehr Mitarbeiter, mehr finanzielle Mittel, mehr Räume waren die Voraussetzungen für erheblich größere Entfaltungsmöglichkeiten. Vor allem aber hatten sich die Medientechniken des Publizierens rapide geändert. Ich erinnere mich noch genau an jene fünf Minuten an einem dieser Novembertage, als der Entschluss, eine Internet-Zeitschrift zur Literaturkritik ins Leben zu rufen, feststand, wir nach einem geeigneten Namen für sie suchten und plötzlich der Vorschlag gemacht wurde, ich weiß nicht mehr, ob von einem der Mitarbeiter oder von mir selbst, sie einfach „literaturkritik.de“ zu nennen. Titel und Internetadresse sollten identisch sein. Alle waren sofort begeistert. Doch war der Domain-Name noch frei? Es dauerte eine spannende Minute lang, bis wir von der Registrierungsstelle denic.de die Antwort bekamen.

Zur Erinnerung: Das World Wide Web war damals noch keine sechs Jahre alt. Wenige Monate vor dem Erscheinen unserer ersten Ausgabe, im Oktober 1998, verschaffte sich „Amazon“ mit der Übernahme des „ABC Bücherdienstes“ eine Präsenz im deutschen Online-Buchhandel. In den USA war wenige Wochen zuvor die Suchmaschine „Google“ als Testversion online gegangen. In Deutschland begann auch im Universitätsmilieu die große Zeit des Aufbruchs zu neuen Formen der öffentlichen Informationsvermittlung. Zwar erschienen damals erste Online-Zeitschriften zur Literatur, die zum Teil auch Buchbesprechungen enthielten. Eine Zeitschrift im Internet, die sich auf das Rezensieren spezialisierte, gab es aber noch nicht.

Die Resonanz war großartig und für die weitere Arbeit ungemein stimulierend. Schon nach dem Erscheinen der zweiten Ausgabe bescheinigte uns die „Neue Zürcher Zeitung“ am 3.3.1999: „Im Internet ist ein Rezensionsorgan dieser Qualität ohne Vorbild“. Wenig später erhielt ich eine Anfrage des damaligen Geschäftsführers von Amazon.de zur Sondierung möglicher „Kooperationen“. Amazon hatte damals noch keine „Kundenrezensionen“ und suchte nach Informationsmaterial über die angebotenen Bücher. Dass dann die zuständige Amazon-Redakteurin unsere Rezensionen doch nicht auf ihre Seiten stellen wollte, lag vor allem daran, dass sie zu lang waren. Dass wir noch heute eine andere Art der „Partnerschaft“ mit Amazon aufrecht erhalten, obwohl der finanzielle Ertrag sich sehr in Grenzen hält und vergleichbare Web-Seiten auf eine solche „Partnerschaft“ längst verzichtet haben, hat zum Teil nostalgische Gründe, die mit Erinnerungen an jene Zeit verbunden sind. Gleiches gilt für den mittlerweile etwas anachronistisch gewordenen Wortlaut, mit dem wir seit 2000 mit einer unserer Seiten auf Google hinweisen: „Die Google Suchmaschine, 1998 an der Stanford University entwickelt, hat mit neuer Technik auch die wissenschaftliche Internet-Suche revolutioniert.“

Als Symptom dafür, wie selten noch bis in die Anfänge des neuen Jahrhunderts hinein Web-Seiten mit größeren Mengen längerer und einigermaßen sorgfältig bearbeiteter Texte waren, kann eine Anfrage von Microsoft angesehen werden, die uns im Jahr 2000 erreichte. Microsoft wollte unsere Artikel auswerten. Dabei ging es dem Unternehmen naturgemäß nicht um die Inhalte, sondern es benötigte Testmaterial für Rechtschreib- und Grammatikkorrekturprogramme bei der Entwicklung neuer Textverarbeitungsversionen. Bezahlt wurde nach Megabytes. Zum ersten Mal konfrontierte uns diese gut ein Jahr andauernde „Kooperation“ mit urheberrechtlichen Problemen. Alle Rezensenten mussten angeschrieben werden – mit der Bitte, ihr Einverständnis zu dieser Art von Textverwertung zu erklären oder ihr ausdrücklich zu widersprechen.

Organisatorisches und Finanzielles – und was daran manchen fragwürdig erschien

Wenn in diesem Rückblick zunächst so viel von Dingen die Rede ist, die mit der inhaltlichen Substanz von Literaturkritik wenig zu tun haben, dann spiegelt das durchaus die Realität der Arbeit für eine solche Zeitschrift wider. Bei rechtlichen und finanziellen Belangen erhielt literaturkritik.de allerdings schon ein paar Monate nach der Gründung wertvolle Unterstützung durch die TransMIT GmbH. Zu den Trägern dieser „Gesellschaft für Technologietransfer“ gehören neben ortsansässigen Banken und Sparkassen vor allem die mittelhessischen Hochschulen in Marburg und Gießen. Die GmbH versteht sich als eine Art „Schnittstelle zwischen Hochschulen und Wirtschaft“, ermöglicht und unterstützt unternehmerische Aktivitäten an Universitäten, hilft Wissenschaftlern erklärtermaßen „beim Schutz von Erfindungen“ sowie „bei der Vermarktung von Technologien und Entwicklungen“. Daran partizipieren vor allem Mediziner. In den fast 100 „Zentren“, die mittlerweile in der GmbH aktiv sind, bilden kulturwissenschaftliche Aktivitäten ein sonst kaum anzutreffendes, eher illustres Beiwerk. Seit dem Sommer 1999 agiert literaturkritik.de zusammen mit der neu gegründeten Buchhandlung Kultur-Wissenschaft.de unter dem Namen „TransMIT-Zentrum für Literaturvermittlung in den Medien“ als eine Art Subunternehmen in dieser Gesellschaft. Ein Jahr später kam der ebenfalls neu gegründete Verlag LiteraturWissenschaft.de dazu. In ihm erscheinen seither neben etlichen Büchern und digitalen Publikationen sowohl die Online- als auch die Print-Ausgaben von literaturkritik.de.

Solche Vermischungen von universitären und unternehmerischen Aktivitäten wurden vielfach misstrauisch beobachtet. Aus ganz unterschiedlichen und teilweise verständlichen Gründen. Die Vorbehalte beziehen sich zum einen darauf, dass hier Unternehmen aus dem Umfeld der Universität in irgendeiner Weise staatlich subventioniert sein und damit den freien Wettbewerb verzerren könnten. Eine regionale Welle der Beängstigung und Empörung löste 1999 die Gründung unserer Buchhandlung aus. Ortsansässige Buchhändler protestierten und setzten erfolgreich einen marktführenden Zwischenbuchhändler unter Druck, der uns dann die bestehenden Geschäftsbeziehungen aufkündigte und dafür um Nachsicht bat. Auch der Börsenverein des deutschen Buchhandels wurde eingeschaltet. Um des Friedens in der Kleinstadt Marburg willen haben wir dann die buchhändlerischen Aktivitäten fast gänzlich auf die Anbindung an Amazon beschränkt.

Vorbehalte anderer Art basieren auf Vorstellungen von ökonomischer Interesselosigkeit der Forschung und Lehre, zumal in den Geisteswissenschaften. Solche Vorstellungen haben durchaus ihre Berechtigung, aber Forschung und Lehre haben sogar in der Literaturwissenschaft, nicht nur in Marburg, Bamberg oder München, Ökonomisches zum Gegenstand: den Buchhandel und die wirtschaftlichen Grundlagen anderer Prozesse der Literaturvermittlung. Da geht es zwar vielfach um symbolisches und kulturelles Kapital, aber eben auch um ökonomisches. Und die in der eigenen Praxis dazu gewonnenen Erfahrungen dienen der Ausbildung von Studierenden, die, wenn sie nicht Deutschlehrer werden wollen, oft in literatur- und kulturvermittelnden Institutionen berufstätig sein werden. Dass sowohl Dozenten als auch Studenten neben der Vermittlung theoretischer Einsichten oder kontrollierter und kritisch-distanzierter Beobachtungsfähigkeit eigene Erfahrungen in jenen Praxisbereichen sammeln, die sie zu beschreiben und zu analysieren lernen, ist der Wissenschaft und der Ausbildung nicht abträglich, sondern kommt ihnen zugute. In den zehn Jahren seit der Gründung von literaturkritik.de und des TransMIT-Zentrums habe ich selbst, zum größten Teil in der „Freizeit“, viel Neues dazu gelernt und bin ziemlich sicher, dass davon auch die Studierenden profitiert haben. Direkt „vor Ort“ konnten sie als Praktikanten, Hilfskräfte oder als Teilnehmer an praxisorientierten Übungen und fachwissenschaftlichen Veranstaltungen zum Buchhandel und zur Literaturkritik Einsichten in die Praxis der Literaturvermittlung gewinnen, wie es ohne die Existenz dieses kleinen „Unternehmens“ nicht möglich gewesen wäre.

Das universitäre Umfeld, das Netz von fachlichen und persönlichen Verbindungen, welches sich von hier aus knüpfen ließ, prägte von Anfang an das Profil von literaturkritik.de, aber subventioniert werden die Zeitschrift und ihr Verlag von der Universität und damit indirekt vom Staat nicht. Sie tragen sich finanziell selbst – durch Provisionen von Amazon, wenn dort von unseren Seiten aus Bücher bestellt werden, durch den Verkauf von Büchern aus dem eigenen Verlag, durch Online-Abonnements und durch Anzeigen. Knapp ein Drittel des gesamten Umsatzes geht an die Universität, in deren Räumen wir arbeiten, und an die TransMIT, die dafür die Rechnungen schreibt, sich um die Steuererklärungen kümmert, die Kontoführung und die Buchhaltung und noch so einiges andere mehr übernimmt. Mit den verbleibenden Einnahmen werden die anfallenden Personalkosten für Redaktions- und Programmierarbeiten, Kosten für die PC-Technik sowie die Server-, Druck- und Portokosten gedeckt.

Es wäre durchaus möglich gewesen, eine akademische Rezensionszeitschrift mit Hilfe von „Drittmitteln“ staatlicher oder privater Förderinstitutionen zu etablieren. Literaturkritik.de wäre dann eines der Angebote im Netz, die keine Werbung auf ihren Seiten nötig haben und ihre Inhalte allen Interessenten komplett und kostenlos zugänglich machen können. Die Zeitschrift wäre damit eines der universitären „Open Access“-Angebote, über die sich jeder Benutzer freut – allerdings meist ohne ein Bewusstsein davon, dass er dies auf indirektem Weg oft mitbezahlen muss.

Nichts gegen die Finanzierung „nachhaltiger“ Projekte an Universitäten durch Steuergelder! In inhaltlichen und medientechnischen Zusammenhängen mit der Arbeit an literaturkritik.de habe ich sie in einem Fall selbst dankbar in Anspruch genommen. Von Juli 2001 bis Ende 2003 haben zwei vorzügliche Mitarbeiter, Christian Teichert, der für die Web- und Datenbanktechnik zuständig war, und Oliver Pfohlmann, der sich mit mir zusammen um die Inhalte kümmerte, an der Universität Marburg und in Kooperation mit einem Kollegen an der Universität Rostock das Informations- und Lernsystem „Literaturkritik in Deutschland. Theorie und Praxis vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart“ entwickelt. Das Vorhaben wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Programms „Neue Medien in der Bildung“ gefördert und dadurch überhaupt ermöglicht, allerdings mit der Auflage, ein Finanzierungsmodell zu entwickeln, mit dem es nach dem Förderungszeitraum am Leben erhalten werden kann. Das ist mit Hilfe von literaturkritik.de zum Teil gelungen. Aber auch nur deshalb, weil der Zugang zu einigen Bestandteilen von „Literaturkritik in Deutschland“ denjenigen vorbehalten bleibt, die ein Online-Abonnement der Zeitschrift erworben haben, zu einem Jahrespreis, der ungefähr dem eines Buches entspricht.

Über die Alternative für Hochschullehrer, ein Projekt finanziell selbständig oder mit Hilfe öffentlicher Gelder durchzuführen, habe ich in den vergangenen zehn Jahren oft nachgedacht. Es eröffnet sich da ein weites hochschul- und bildungspolitisches Feld. In beiden Fällen hat man sich mit glaubwürdigen und arbeitsaufwendigen Qualitätsversprechungen auszuweisen. Im einen Fall geschieht dies durch Anträge an fördernde Institutionen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Thyssen- oder die VolkswagenStifung. Dabei muss man sich gegenüber den Ansprüchen von Gutachtern behaupten. Im anderen Fall entscheidet über Erfolg und Misserfolg eine eher anonyme Öffentlichkeit von Interessierten, ihr Bedarf und ihre Bereitschaft, für das Angebotene zu bezahlen. Im Fall von literaturkritik.de sind das potentiell alle an literarischen und kulturwissenschaftlichen Büchern interessierte Leser, darunter Studenten, Lehrer oder Dozenten und daneben Organisationen wie das Goethe-Institut oder der Deutsche Akademische Austauschdienst sowie etliche deutsche und amerikanische Bibliotheken.

Näher als unternehmerische Initiative liegt Hochschullehrern das Schreiben von Anträgen. Manche sind sehr geübt und erfolgreich darin, einige verbringen damit viel mehr Zeit, als es ihrer Forschung und Lehre guttut. Die Vorzüge dieses Weges sind aber offensichtlich. Ich habe sie in anderen Arbeitsfeldern, in den man ohne solche Drittmittel nicht auskommt, sehr schätzen gelernt. Es ist für einen Hochschullehrer ganz wunderbar, zwei, drei oder manchmal noch mehr Jahre lang ohne finanzielle Sorgen akzeptabel bezahlte Mitarbeiter für die Realisierung einer Projektidee zu bekommen.

Es ist mir ein wenig peinlich zu bekennen: In den zehn Jahren habe ich oft davon geträumt, dass die Redaktion von literaturkritik.de gelegentlich finanzielle Hilfe von anderen bekommt, etwa durch einen „Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik“ oder, wie die Kollegen von „Perlentaucher“, durch einen „Grimme Online Award“ oder von Institutionen, die die Vermittlung des an Universitäten generierten Wissens an eine außerakademische Öffentlichkeit prämieren. Auf etwas andere Weise ist es mir weiterhin peinlich, dass die Vergütung für die redaktionelle und technische Mitarbeit an literaturkritik.de sich nicht wesentlich über den Grenzen von Mindestlöhnen bewegt und auf intrinsische Motivationen angewiesen ist, sich selbst auszubeuten – mal davon abgesehen, dass wir uns denjenigen gegenüber, die für uns schreiben oder uns bereits Geschriebenes zur Veröffentlichung überlassen, wie eine wissenschaftliche Fachzeitschrift verhalten müssen. Anders als in Feuilletonredaktionen und so, wie es beim wissenschaftlichen Publizieren üblich ist, erhalten unsere Autoren zwar vor der Veröffentlichung die von uns redigierten Artikel zur Durchsicht und müssen nicht ständig unangenehme Überraschungen befürchten, aber sie bekommen wie bei wissenschaftlichen Zeitschriften keine Honorare. Was die VG Wort unseren Mitarbeitern für die in den gedruckten Ausgaben erscheinenden Artikel und inzwischen auch für die Online-Versionen, wenn sie häufig genug angeklickt werden (Kurioses dazu später!), „ausschüttet“, ist kaum der Rede wert. Wer für uns schreibt, darf auf das Schreiben nicht finanziell angewiesen sein. Eine einigermaßen angemessene Honorierung für Leistungen, die unsere Autorinnen und Autoren nebenberuflich erbringen, ist dennoch dringend zu wünschen. Wir strengen uns an, dass dies möglich wird.

Die Unlust der benannten Peinlichkeiten und Belastungen wird allerdings durch viele intellektuelle und soziale Reize der gemeinsamen Arbeit aufgewogen – und, um noch ein wenig bei den ökonomischen Aspekten zu bleiben, auch durch eine spielerische Lust, sich unabhängig von Fremdmitteln, die ja auch immer irgendwie befristet sind, finanziell dauerhaft zu behaupten. Dass es zu den Gesetzen der TransMIT gehört, keine roten Zahlen schreiben und keine Schulden machen zu dürfen, und dass keiner der Beteiligten auf literaturkritik.de existentiell angewiesen ist, erleichtert es seit Jahren, sich der Spannung dieses Spiels ohne schlaflose Nächte zu überlassen.

Die Freiheit der Literaturkritik und ihre Abhängigkeit vom Buchmarkt – ein Widerspruch?

Die Unabhängigkeit von öffentlichen Mitteln ist zweifellos durch andere Abhängigkeiten erkauft. Das ist ähnlich wie im 18. Jahrhundert, als der „freie Schriftsteller“ sich vom Mäzenatentum emanzipierte und stattdessen den Zwängen des literarischen Marktes aussetzte. Die ökonomische Abhängigkeit der Literaturkritik vom Buchmarkt ist kein Geheimnis und kein neues Phänomen. Es lässt sich bei einer einfachen Beobachtung erkennen. Die zu Buchmessenzeiten erscheinenden Literaturbeilagen verdanken ihre Existenz und ihren Umfang der Bereitschaft von Verlagen, Anzeigen in ihnen zu schalten. Zu dieser Art von Subventionierung der Literaturkritik durch die Werbeabteilungen von Verlagen ist in den vergangenen zehn Jahren eine weitere Art der Abhängigkeit getreten, von der auch literaturkritik.de ganz offen sichtbar betroffen ist. Wo Zeitungen ihre gedruckten Rezensionen zusätzlich online veröffentlichen, und das machen mittlerweile fast alle, kooperieren sie mit Online-Buchhändlern. Ist damit heute nur noch deutlicher geworden, was manche Kritiker der Literaturkritik schon lange und immer wieder behauptet haben? Nämlich dass Literaturkritik ein „verlängerter Arm der Verlagswerbung“ ist und von buchhändlerischen Interessen gesteuert wird?

Solche Vermutungen sind nicht völlig unberechtigt, doch lassen sich ihnen einige weiter reichende Beobachtungen entgegenhalten – und einige Erfahrungen, die die Redaktion von literaturkritik.de in den vergangenen Jahren dazu gemacht hat. Literaturkritik ist in den letzten Jahrzehnten ein zunehmend beliebter Gegenstand empirischer und analytischer Forschungen geworden. Sie werden an der Universität Marburg im Rahmen des Studienschwerpunktes „Literaturvermittlung in den Medien“ intensiv betrieben, auch an anderen Universitäten. Einige der Ergebnisse hat der Verlag von literaturkritik.de veröffentlicht: Oliver Pfohlmanns Lexikon der Literaturkritik, Judith Witzels Untersuchungen zur Kinder- und Jugendbuchkritik, Felix Struenings Analysen zur Sach- und Fachbuchkritik, Evelin Alexandra Urbans Beobachtungen zur Literaturkritik für das Internet und Wendy Kerstans Buch über den Einfluss von Literaturkritik auf den Absatz von Publikumsbüchern. Die Literaturkritik-Forschung hat bislang bei keinem der wichtigen Rezensionsorgane nachweisen können, dass die Auswahlentscheidungen über zu rezensierende Bücher oder gar die Inhalte der Kritik signifikant durch die Schaltung von Verlagsanzeigen beeinflusst wurden. Es gehört vielmehr zu den ungeschriebenen Regeln in den Beziehungen zwischen Verlagen und Literaturredaktionen, dass die ökonomische Abhängigkeit der Literaturkritik vom Buchhandel zu keiner inhaltlichen führen darf. Da steht das Prestige zumindest der renommierteren Organe der Literaturkritik auf dem Spiel, und auf dieses Prestige sind auch Verlage in ihrem Interesse an der öffentlichen Kritik angewiesen. Wie groß ihr Interesse daran ist, lässt sich allein daraus ersehen, dass sie in ihre Presseabteilungen einiges investieren. Literaturkritik braucht den Buchhandel und der Buchhandel braucht die Aufmerksamkeit der literaturkritischen Öffentlichkeit. Diese ist auf Dauer wenig wert, wenn hier Bücher fast nur gelobt werden. Das Gewicht einer enthusiastischen Rezension steigt, wenn die Leser wissen, dass der Kritiker und das Rezensionsorgan, in dem seine Kritik erscheint, keine Scheu vor negativen Urteilen haben. Marcel Reich-Ranicki, dem wir seit Ende 2002 auch aus diesem Grund eine eigene Web-Seite widmen, ist dafür nur das prominenteste Beispiel.

In literaturkritik.de sind viele Bücher von Verlagen, die unsere besten Anzeigenkunden sind, negativ besprochen, manche „verrissen“ worden. In etlichen Fällen kam es vor, dass eine Buch-Werbung just auf jener Seite zu sehen war, auf der dieses Buch von unserem Rezensenten so kritisch beurteilt wurde wie in kaum einer anderen Besprechung. In jüngster Zeit waren Hans-Ulrich Wehlers „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“ (siehe Kai Köhler: Ein kläglicher Abschluss) und Kurt Schlögels als „bestes politisches Buch 2008“ gepriesenes Werk „Terror und Traum“ (siehe Christian Luckscheiter in der Januar-Ausgabe) Beispiele dafür. Die Verlage C.H. Beck und Carl Hanser haben darauf souverän reagiert, nämlich gar nicht.

Besonders auf den Seiten von Online-Buchhandlungen, aber mittlerweile überall dort, wo Literaturkritik im Internet erscheint, also auch bei literaturkritik.de, ist ein ziemlich paradoxes Phänomen zur Selbstverständlichkeit geworden: Da wird ein Buch zum Verkauf angeboten und nicht selten steht direkt darüber, darunter oder daneben eine Rezension, die von der Lektüre oder dem Kauf des Buches entschieden abrät. Der „Süddeutsche Zeitung Shop“ beispielsweise präsentiert Dietmar Daths Roman „Die Abschaffung der Arten“ in seinem Angebot. Darunter steht der am 18.9.2008 in der SZ erschienene Verriss von Burkhard Müller und in ihm der nicht eben zum Kauf animierende Satz: „Selten hat der Rezensent so intensiv den Wunsch verspürt, ein Buch zuzuklappen und ins Eck zu pfeffern.“ Dieselbe Rezension steht beim Online-Buchhändler Buecher.de, der von der SZ und der F.A.Z. die Lizenz erworben hat, die dort erschienenen Besprechungen auch auf den eigenen Seiten zu veröffentlichen.

Das Phänomen verweist auf zwei längst bekannte Sachverhalte, die sich allerdings im neuen Medium des WWW viel deutlicher manifestieren als früher. 1887 bemerkte der deutsche Kunsthistoriker und Publizist Hermann Grimm, ein Sohn von Wilhelm Grimm, in der Zeitschrift „Deutsche Rundschau“: „Eine schlechte Rezension ist besser als gar keine.“ Wichtiger an der Literaturkritik als die Bewertung eines einzelnen Buches ist Verlegern, Buchhändlern und Autoren zumeist, dass ein Buch überhaupt rezensiert wird. Jede Rezension ist unabhängig von ihrem Inhalt ein Zeichen, das besagt: Dieses Buch verdient Aufmerksamkeit! Neben und tendenziell selbständig gegenüber einer differenzierten literaturkritischen Bewertungsskala zwischen totaler Ablehnung und höchstem Lob existiert eine mindestens ebenso komplexe Ökonomie der Aufmerksamkeit, die als Währung auch deshalb besonders wirksam ist, weil sie subtiler funktioniert und nicht so bewusst erkennbar ist. Die Ressource der Aufmerksamkeit ist, zumal in Zeiten rapide gestiegener Informationsfluten, knapper als die des Lobes und daher vielen mehr wert. Einem belanglosen Buch eine lange Besprechung und eine ausführliche Begründung seiner Mängel zu widmen, verstößt gegen die ungeschriebenen Regeln der Kritik, es sei denn, es handelt sich um das Werk eines bedeutenden Autors – dem Postulat Lessings entsprechend: „Einen elenden Dichter tadelt man gar nicht; mit einem mittelmäßigen verfährt man gelinde; gegen einen großen ist man unerbittlich.“

Die unausgesprochene Anerkennung, die selbst noch ein Verriss wie der von Burkhard Müller in der SZ enthält, ist nur einer von vielen Bestandteilen einer paraverbalen „Sprache“ der Aufmerksamkeitsverteilung, die jeder versteht, aber nicht unbedingt durchschaut. Wie umfangreich eine Rezension und wo oder wie sie platziert ist, das Ansehen des Rezensenten oder des Rezensionsorgans und nicht zuletzt die Zahl der Rezensionen, die zu einem Buch erscheinen, gehören dazu. Und die Vielzahl ist zugleich meist eine Vielstimmigkeit, die das Gewicht einer positiven oder negativen Kritik relativiert. Auch deshalb ist der Verriss neben einem online zum Kauf angebotenen Buch nicht ganz so paradox, wie es den Anschein hat. Er ist ja nur eine Stimme unter vielen, macht vielleicht neugierig, andere zu hören, provoziert zum Widerspruch, dynamisiert den öffentlichen Disput über Literatur und verschafft ihr Gehör.

Der amerikanische Physiker und Sozialforscher Michael Goldhaber, der zu den ersten gehört, die medienwissenschaftliche Modelle der „Attention Economy“ entwarfen, veranschaulichte das von ihm Gemeinte vor neun Jahren in einem Gespräch am Beispiel des Rezensierens: „Neulich erhielt ich die E-Mail einer Freundin, die gerade ein Buch geschrieben hat. Ich sagte ihr, das gefällt mir, ich schreibe eine Rezension. So wird Aufmerksamkeit übertragen.“ Die eher beiläufige Äußerung ist theoretisch nicht sonderlich substantiell, aber in anderer Hinsicht aufschlussreich – für weit verbreitete Einstellungen zum Rezensieren, die für die Buchkritik viel problematischer sind als ökonomische Interessen des Buchhandels.

Fragwürdigkeiten und Fallstricke der Literaturkritik, gefällige und angeblich tödliche Rezensionen

Dass Verlagsinteressen an der Buchkritik mit Interessen an der Verkaufsförderung verbunden sind, steht außer Frage. Rezensionen werden systematisch für die Werbung funktionalisiert, selbst eindeutig negative nach Sätzen abgesucht, die sich in Anzeigen oder auf Buchumschlägen zitieren lassen. Dass Literaturkritik von der Verlagswerbung funktionalisiert wird, heißt jedoch nicht, dass sie ihr dienstbar ist – zumindest da nicht, wo sie dem Prädikat „kritisch“ entspricht und nicht die vorgefertigten Verlagsinformationen aus Prospekten und Klappentexten übernimmt oder sich auf Empfehlungen beschränkt.

Zehn Jahre Redaktionserfahrung haben uns gründlich belehrt, dass die Freiheit und Glaubwürdigkeit der Literaturkritik von ganz anderen Seiten ständigen Gefährdungen ausgesetzt ist – durch fatale, sich oft ganz arglos, doch zuweilen auch skrupellos zeigende Vorstellungen über sie. Die größte Bedrohung für die Glaubwürdigkeit der Buchkritik ist das für „normale“ Leser kaum durchschaubare Netz von gegenseitigen Anerkennungs- und Aufmerksamkeitsübertragungen, in dem Rezensenten solchen Autoren, denen sie in irgendeiner Weise persönlich verbunden sind, etwas Gutes tun wollen – wie Goldhaber der Freundin, die ihm ihr Buch schickte.

Viele halten solche Praktiken für so selbstverständlich und problemlos, dass sie ganz ungeniert darüber sprechen und damit umgehen. Regelmäßig erreichen uns E-Mails wie diese: „Herr X [ein relativ bekannter Wissenschaftler] war so freundlich, mir anzubieten, sein eben erschienenes Buch zu besprechen. Ich sei dazu bestens geeignet. Ich kenne Herrn X sehr gut, weil ich bei ihm meine Doktorarbeit geschrieben habe. Herr X hat mir das Buch bereits geschenkt. Die Zusendung eines Rezensionsexemplars wäre also nicht mehr nötig.“ Oder: „Kürzlich ist mein Gedichtband Y erschienen. Ich würde mich freuen, wenn es bei literaturkritik.de besprochen werden könnte. Frau Z, die Sie vielleicht kennen, schätzt meine Lyrik sehr und hat zu dem Band anliegende Rezension geschrieben. Sie wäre mit einer Veröffentlichung in Ihrer Zeitschrift einverstanden.“ Solche Schreiben verschlagen uns inzwischen nicht mehr die Sprache, sondern sind eine fast schon belustigende Bestätigung gewonnener Einsichten. Sie lassen sich leicht und freundlich abweisend beantworten. Ernster und schwieriger wird die Angelegenheit, wenn uns Rezensionen oder Rezensentenwünsche erreichen, bei denen es Anhaltspunkte für eine persönliche Beziehung zwischen Autor und Rezensent gibt, aber eben keine Gewissheit. Der Wissenschaftsbetrieb ist erfahrungsgemäß für Gefälligkeitsrezensionen besonders anfällig. Georg Franck, ein anderer Theoretiker der Aufmerksamkeitsökonomie, hat nicht zufällig diesen Betrieb zur Illustration seiner Überlegungen herangezogen. Rezensenten und Autoren wissenschaftlicher Bücher gehören hier derselben, einigermaßen überschaubaren Kommunikationsgemeinschaft an, tauschen in ihr die Rollen und Zuwendungen. Da kann es sein, dass die Redaktion und der Herausgeber von literaturkritik.de tendenziell paranoide Phantasien entwickeln – und empörte Reaktionen erhalten, wenn sie offen nachfragen, ob der Rezensionsanbieter den Buchautor persönlich kennt.

Doch auch außerhalb der Wissenschaft gibt es Konstellationen, die der Redaktion mittlerweile auf Anhieb verdächtig sind und sie zu detektivischen Leistungen stimuliert, ohne dass sie bei ihrer chronischen Überlastung dafür Zeit hätte. Wenn wir das Angebot eines uns unbekannten oder für uns nur gelegentlich tätigen Rezensenten zur Besprechung eines in einem kleinen Verlag erschienenen Buches mit einem uns gänzlich fremden Autornamen erhalten, finden wir in 80% der Fälle eine Bestätigung unserer Vorbehalte.

Im Oktober 2005 bekamen wir die Anfrage einer Rezensentin, ob ihre bei „Ixlibris“ erschienenen Buchbesprechungen auch bei literaturkritik.de veröffentlicht werden könnten. Erst damals wurden wir durch den Hinweis auf „Ixlibris“ (heute unter „literaturmarkt.info“ der sogenannten „Brentano-Gesellschaft“ fortgeführt) darauf aufmerksam, dass Verlagen hier angeboten wird, Rezensionen gegen Bezahlung zu bestellen. Das mag manchen Rezensenten auf die Idee gebracht haben, auf eigene Faust ähnliche Geschäftsmodelle auf privater Basis zu entwickeln. Jedenfalls erreichte die entsetzte Redaktion vor etwa einem Jahr das Schreiben eines Zürcher Verlages mit dem Hinweis, einer unserer Rezensenten habe der Presseabteilung angeboten, ein bei uns schon seit längerer Zeit zur Rezension zu vergebendes Buch zu besprechen – für 150 Euro. Der Rezensent antwortete auf die behutsame Nachfrage unseres Redaktionsleiters Jan Süselbeck sehr offenherzig, ein Autor aus Österreich habe ihn auf die Idee gebracht. Dieser habe ihn um die Besprechung seines neuen Buchs gebeten. „Ich verlangte 150 Euro und bot ihm eine positive Rezension. Er hat angenommen und schon bezahlt.“ Im Übrigen sei er der Meinung, „dass heute nur noch wenige Menschen es sich leisten können ganz umsonst im Monat vier Bücher zu lesen und Rezensionen darüber zu schreiben. Ich brauche für 30 Seiten eine Stunde. Und ich brauche Geld wie jeder. Vielleicht wäre meine Idee ein tragendes Modell. Darüber wäre ich sehr glücklich. Anders geht es bei mir nicht mehr.“

Von der angesprochenen Misere schlecht oder gar nicht bezahlter Arbeit abgesehen, dürfte es sich hier um einen Einzelfall gehandelt haben. Er ist nur darin repräsentativ, dass Literaturkritik in schwer überschaubaren Ausmaßen in Tauschgeschäfte eingebunden ist. Diese sind allerdings immaterieller Art, funktionieren in der Regel unterschwelliger und lassen sich anders als in diesem Fall nur zum Teil verhindern. Am liebsten ist es der Redaktion von literaturkritik.de, wenn sie für die nach Durchsicht der Verlagsprospekte bestellten Rezensionsexemplare selbst einen geeigneten Rezensenten anspricht und dieser zur Übernahme der Besprechung bereit ist. Das ist jedoch nur in Grenzen praktikabel. Die Redaktion ist auf Anregungen und Wünsche ihrer vielen hundert Mitarbeiter angewiesen, nimmt sie sehr dankbar auf und vertraut darauf, dass dieses Verfahren nicht missbraucht wird. Bücher der Mitarbeiter und von Angehörigen der Universität Marburg lässt sie grundsätzlich nicht rezensieren, sie werden mit einem entsprechenden Vermerk lediglich knapp angezeigt.

Zu den gänzlich offen durchgeführten Versuchen, Einfluss auf die Inhalte von Rezensionen zu nehmen, gehören immer wieder Interventionen von Autoren der rezensierten Bücher oder von Personen, die ihnen verbunden sind. Redaktion und Herausgeber erhalten kontinuierlich Beschwerden von Autoren, die sich von Rezensenten ungerechtfertigt kritisiert sehen. Und gelegentlich wird da gewünscht oder sogar verlangt, dass die Rezension geändert oder aus dem Netz entfernt wird. Dass die Meinung des Rezensenten nicht unbedingt die der Redaktion ist, zumal die Redaktion nur einen Bruchteil der in literaturkritik.de besprochenen Bücher selbst kennen kann, wird dabei gerne übersehen. Man neigt dazu, die Redaktion für alles verantwortlich zu machen, was in literaturkritik.de zu lesen ist. Manche Autoren, auch prominente, sind dazu bereit, ihre mitunter durchaus berechtigte Empörung oder Wut in Form eines Leserbriefes zu artikulieren, der direkt unter der betreffenden Rezension veröffentlicht wird (ein Beispiel dafür hier). Es gehört zu den vielen Vorzügen von Online-Publikationen, dass dies möglich ist. Wir bitten jeden Autor, diese Möglichkeit zu nutzen, und freuen uns, wenn er dies tut. Online-Publikationen wecken andererseits aber auch das Begehren der Betroffenen, nachträgliche Änderungen oder sogar ihre Beseitigung zu bewirken. Wir haben solche prinzipiell nur bei offensichtlichen Fehlern und ansonsten nur in gravierenden Ausnahmefällen vorgenommen, etwa wenn einem Artikel Plagiate nachgewiesen wurden.

Für Autoren hat die online publizierte Literaturkritik in einigen Fällen Effekte, die weit unangenehmer sind als die Wirkungen von Rezensionen in früheren Zeiten. Da kommt es vor, dass jemand ein einziges Buch, z.B. seine Dissertation, veröffentlicht hat und dieses Buch selten oder nur ein einziges Mal rezensiert wurde, und das dann auch noch negativ. Suchmaschinen zeigen bei seinem Namen diese Kritik eventuell sehr dauerhaft ganz oben an. So erging es einem Autor, der mir vor einigen Jahren folgende E-Mail schrieb: „Als ich kürzlich, ca. zehn Jahre nach dieser für mich aus verschiedenen Gründen wirklich sehr schwierigen Auseinandersetzung mit [der Schriftstellerin X] in einer Suchmaschine meinen Namen eingab, sah ich als erstes Ihren Artikel, der mir beim Wiederlesen nach Jahren wie ein unglaubliches Missverständnis vorkommt. Es ist mir nicht begreiflich, was in meiner Arbeit diese Darstellung, diesen Totalverriss rechtfertigt. Und ich frage mich, ob ich Sie bewegen kann, ihre Meinung zu überprüfen und diesen Artikel zu entfernen oder abzuändern.“ Ich habe auch diesem Autor damals angeboten, seine Einwände als Leserbrief zu veröffentlichen. Als Reaktion kam ein Schreiben seines Anwaltes. In den zehn Jahren war das nicht die einzige juristische Intervention, mit der versucht wurde, Kritik zu verhindern und ihren Dialogcharakter zu unterlaufen.

Zuweilen ist es nicht der Autor selbst, der sich empört an uns wendet, sondern jemand, der ihm persönlich nahesteht. Da kam es vor, dass mich eine ganze Serie von wütenden Briefen erreichte, die einem unserer Kritiker bescheinigten, „ein von Obsessionen geplagter, menschlich bedauernswerter Journalist“ zu sein „und damit eine Schande für ein universitäres Portal“. Ich solle überprüfen, ob sein Artikel „den Standards genügt, die von einer durch eine Universität lancierten Website eigentlich zu erwarten ist.“ Das war ein unmissverständlicher Appell zur Zensur eines literaturkritischen Textes durch den Herausgeber. Doch es kam noch schlimmer: Eine frühere Kritik dieses unsäglichen Journalisten sei „mitursächlich“ am Tod dieses Autors gewesen. Mitschuldig an dem Tod sollte also auch ich mich fühlen, weil ich den damaligen Artikel in literaturkritik.de zugelassen hatte. Der Brief legte mir nahe, etwas von dieser Mitschuld wiedergutzumachen.

Über Personen und Persönliches

Zehn Jahre lang literaturkritik.de herauszugeben war nicht immer eine Freude. Dass ich aber insgesamt sehr gerne auf diese Zeit zurückblicke, lag nicht zuletzt an den Personen, mit denen ich zusammengearbeitet habe.

An den Anfängen engagiert beteiligt waren meine damaligen Assistenten Christine Kanz und Geret Luhr, die ich bereits aus Bamberg kannte. Christine Kanz hatte dort über Ingeborg Bachmann promoviert und gab der Zeitschrift ein feministisches Profil, das ihr noch heute eigen ist. Sie hat später an der Universität Bern und danach als Humboldt-Stipendiatin in den USA gearbeitet, wurde kürzlich in Marburg mit ihrer Rekonstruktion männlicher Gebärphantasien in der kulturellen Moderne habilitiert und lehrt derzeit als Visiting Associate Professorin in Los Angeles. Geret Luhr hatte über Walter Benjamins Beziehungen zum George-Kreis promoviert, fand dann aber bei der Arbeit für literaturkritik.de die Web-Technologie so spannend, dass er der Germanistik den Rücken kehrte, in der IT-Branche verschwand und seither nicht mehr gesehen oder gehört wurde.

Protagonist in der Redaktion und zugleich für den Studiengang „Literaturvermittlung in den Medien“ zuständig war Lutz Hagestedt. Ihn kannte ich schon seit jener Zeit an der Universität München, als Uwe Timm in meinem Seminar über 1968 und Ulrich Greiner im Seminar zur Literaturkritik Gäste waren, als die Studentin Elke Schmitter den Kommilitonen eine Schwabinger Literaturzeitschrift vorstellte, wir nach dem Seminar mit Peter Hamm in die Achternbusch-Kneipe am Starnberger See fuhren, ich mit meinen Studenten, unter ihnen Willi Winkler und Eberhard Fahlcke, jedes Jahr im Juni nach Klagenfurt zum Ingeborg Bachmann-Wettbewerb reiste und wir dort Rainald Goetz bei seiner blutigen Performance zusahen.Wie verbunden Lutz Hagestedt diesem Autor noch heute ist, zeigen seine Erinnerungen in dieser Ausgabe. Hagestedt hatte viele Jahre als Literaturkritiker vor allem für die „Süddeutsche Zeitung“ geschrieben und war, bevor ich ihn nach Marburg lockte, eine Weile Pressesprecher im Suhrkamp Verlag. Auf Anregung Siegfried Unselds und gestützt auf das Verlagsarchiv verfasste er eine Arbeit, die von der Universität Marburg 2004 unter dem Titel „Siegfried Unseld und die Suhrkamp-Kultur“ als Habilitationsleistung angenommen wurde, doch aus rechtlichen Gründen bislang nicht erscheinen konnte. Noch im selben Jahr nahm Lutz Hagestedt den Ruf auf eine Professur an der Universität Rostock an.

Im Mai 2005 übernahm Jan Süselbeck die Redaktionsleitung und die Arbeit für den Studiengang. Er hatte an der FU Berlin über Thomas Bernhard und Arno Schmidt promoviert und eine Menge kulturjournalistischer Erfahrungen. Mit seinen Rezensionen bereicherte er literaturkritik.de schon lange vorher. Gewonnen wurde mit Jan Süselbeck ein engagierter Intellektueller ideologiekritischer Schule, ein Wissenschaftler und ein Essayist mit so spitzer Feder wie anschaulichem Stil. An Gudrun Ensslin erinnern mich seine Sozialisation in einem evangelischen Pfarrhaus und gute Verbindungen zu „Konkret“. Terroristische Neigungen entwickelt der persönlich ungemein friedfertige Mitarbeiter jedoch nur in Form verbaler Attacken gegen manchen angesehenen Autor, dessen guten Ruf er zu ruinieren versucht. Wenn es ihm heute gelingt, sich aus den Stapeln der zu vergebenden Bücher, der Verlagsprospekte und der zu redigierenden Manuskripte zu befreien (siehe das fragmentierte Portrait in dieser Ausgabe), arbeitet er an seiner Habilitation zur Geschichte literarischer und filmischer Darstellungsformen des Krieges seit dem 19. Jahrhundert.

Zehn Jahre literaturkritik.de waren, was die meisten Mitarbeiter angeht, eine Zeit ständigen Kommens und Gehens, ein Durchgangsstadium und eine Art Sprungbrett zu gesicherteren und lukrativeren Positionen. Alexandra Pontzen, meine wissenschaftliche Assistentin nach Christine Kanz und Geret Luhr, kam aus Bonn, hatte dort ihre Dissertation über die Figur des Künstlers ohne Werk geschrieben und arbeitete in Marburg nebenberuflich ebenfalls an der Zeitschrift mit. Sie beeindruckte unter anderem mit der Präzision ihrer Formulierungen und mit oft süffisantem Scharfsinn, blieb jedoch nur zwei Jahre in Marburg. Eine unbefristete Stelle lockte sie nach Lüttich, wo sie inzwischen als Professorin lehrt. Andrea Geier, ihre Nachfolgerin, hatte in Tübingen über Gewalt und Geschlecht in der Gegenwartsliteratur promoviert, kam im Herbst 2004 nach Marburg und überraschte uns neben ihrer literaturwissenschaftlichen Kompetenz mit breitem Wissen über die populärkulturellen Gefilde aller möglichen Fernsehserien und des Fußballs. Im Jahr der WM zeigte sie einem bekannten Zeitungsredakteur und Publizisten mit einem Aufsehen erregenden Artikel über dessen geschlechterpolitische Äußerungen die rote Karte.

Bei der alltäglichen Redaktionsarbeit haben zahlreiche Praktikantinnen und Praktikanten geholfen. Einige von ihnen blieben der Redaktion als Redakteure und Koordinatoren längerfristig verbunden. Zu ihnen gehörten Janine Bach, die mittlerweile freiberuflich als Lektorin und Texterin in ihrem eigenen Büro „text-at-work“ arbeitet, Gesa Steinbrink, die seit Ende 2006 in der Presseabteilung des Suhrkamp Verlags angestellt ist, und Kathrin Fehlberg, beste Fehler-Finderin beim Redigieren und intimste Kennerin aller Duden-Versionen, die im Winter 2004/2005 einige Monate lang die vakante Stelle der Redaktionsleitung übernahm und seit einem halben Jahr neben ihren Promotionsstudien zu Arthur Schnitzler in der F.A.Z.-Redaktion der „Frankfurter Anthologie“ sicher ebenso gründlich wie bei uns für Marcel Reich-Ranicki arbeitet.

Am längsten von allen aber koordinierte und redigierte bei literaturkritik.de André Schwarz – mit einigen Unterbrechungen durch Tätigkeiten an der Universität in Hermannstadt und bei einem Frankfurter Verlag seit 2001. Die weite Spannbreite seiner spezialisierten Interessen lässt sich in einem imaginären Raum zwischen Kuba und Wien lokalisieren. Seinen Affinitäten zu Kuba, die schon der äußere Habitus erkennen lässt, verdankt sich ein ganzer Schwerpunkt in literaturkritik.de (4/2002), seiner Vorliebe für das literarische Wien manch anderer Artikel (zuletzt in 1/2009) sowie das etwas anrüchige Thema der hoffentlich bald vollendeten Dissertation. Die organisatorischen und technischen Arbeitsabläufe, die Tücken der Datenbanken und der Mitarbeiter kennt keiner so gut wie er. Und keiner arbeitet schneller und zugleich gelassener in vier Stunden das ab, wozu andere fünf Tage brauchen.

Außer vielleicht Bianca Schimansky, dem zweiten starken Gegengewicht zur Langsamkeit des Herausgebers. Von Schwarz unterscheidet sich Schimansky durch die Liebe zu Italien. Und sie sitzt noch länger als er im Boot von literaturkritik.de, genauer: im Sekretariat. Dort ist sie neben ganz anderen Aufgaben Kommunikations-, Finanz-, Logistik- und Verwaltungsmanagerin der Zeitschrift und des Verlags. Wenn sie sich am Telefon meldet, hält mancher sie für eine Kommissarin, was sie gelegentlich auch ist. Die vielen Gedichtbände, die täglich mit der Post eintreffen, haben sie inzwischen so infiziert, dass sie beginnt, ihre E-Mails in Versform zu schreiben, ohne Risiken der Kündigung zu scheuen. Gegenüber neuen Entwicklungen der Informationstechnologie zeigt sie gelegentlich Fluchtimpulse, hält ihnen aber bewundernswert geduldig und lernfähig stand.

Ach ja, die Technik. Alles bei literaturkritik.de hängt von ihr ab. Und nichts hat in den zehn Jahren die Nerven stärker strapaziert als sie. Fast alle technischen Redakteure hatten die gleichen Eigenschaften: Sie waren ideenreiche, eigenwillige, selbstbewusste und durchaus hilfsbereite Enthusiasten, doch fehlte es ihnen immer an Zeit. Man musste ihnen händeringend hinterherlaufen, und sobald sie ihr Studium der Germanistik, Medienwissenschaft oder Informatik abgeschlossen hatten, fanden sie sogleich einen festen Job. Weg waren sie und hinterließen ein immer komplexer gewordenes, kaum noch durchschaubares System, in das sich neue Mitarbeiter mit immer mehr Aufwand einarbeiten mussten. Zu verdanken ist ihnen allen viel, am meisten bislang Christian Teichert, der 2002 mit der ihm eigenen Bedächtigkeit und Akribie die bis dahin statischen Web-Seiten von literaturkritik.de zu dynamischen umbaute und damit die Grundlage für ein noch heute zuverlässig funktionierendes und weiterhin ausbaufähiges System schuf. Für das bis heute kaum veränderte Web-Design sorgte ein anderer, ebenfalls sehr umsichtig und zuverlässig arbeitender Student der Medienwissenschaften, Timo Wagner, der sich mit viel Sinn für Ästhetik darauf spezialisiert hatte, wenig später eine eigene Firma gründete und uns bei den anstehenden Überarbeitungen unserer Seiten weiterhin hilft. Den größten Teil der Bild-Anzeigen zu diversen Angeboten der Zeitschrift und des Verlages hat das in Tübingen ansässige „Schwarz auf Weiß Textbüro“ der ehemaligen Marburger Ethnologie- und Germanistikstudentin Marion Malinowski kreiert. Der ideenreichen und reisesüchtigen Layouterin, Lektorin, Photographin und Autorin verdanken wir auch die Druckvorlagen und die Umschläge zu den in unserem Verlag erscheinenden Büchern und so manchen kritischen Kommentar zu unserer Arbeit.

Nachdem Christian Teichert in der Verlagsbranche untertauchte, übernahm Joachim Pfaff, ein Marburger Informatikstudent höheren Semesters, die souveräne Allroundbetreuung unserer PCs, Programme und Basisdatenbanken und gehört seither zum unverzichtbaren, auf Notrufe rasch reagierenden Mitglied der Redaktions-“Familie“. Mit widerspenstiger Hard- oder Software führt er Dialoge eigener Art, denen wir nur bruchstückhaft folgen können, bei denen es ihm aber auch in hartnäckigen Fällen am Ende immer gelingt, ihnen ihre Geheimnisse zu entlocken und Fehler auszutreiben. Seit Monaten entwirft er Visionen einer vollkommenen Umstrukturierung des Systems.

Für die Web-Technik waren in den letzten Jahren andere zuständig, darunter Jörg Stein und Andreas Stein, denen die Redaktion vor allem erhebliche Erleichterungen bei der Versendung von Buchbestellungen und Rezensionsbelegen an die Verlage, Korrekturmails an die Rezensenten und sonstiger Mitteilungen an diverse Adressatengruppen verdankt. Khalid Ballafkir, ein aus Marokko stammender Informatikstudent, hat unter anderem unser noch relativ neues Online-Lexikon eingerichtet, das über Begriffe der Literaturkritik und der Literaturwissenschaft, über Autoren der von uns rezensierten Bücher und (noch sehr fragmentarisch) über kanonische Werke der deutschen Literatur informiert. Ein weiterer Informatikstudent, Erik Weigand, besorgte die Installation einer neuen Schnittstelle zu Amazon, die nach der Umstellung von ISBN 10- auf ISBN 13-Nummern notwendig geworden war, sowie die automatisierte Verteilung von über 10.000 Zählpixeln der VG Wort auf die bei uns schon erschienenen und laufend neu erscheinenden Artikel. Auch die unlängst erweiterten Möglichkeiten, Leserbriefe zu schreiben, zu beantworten und anzuzeigen, sind ihm zu verdanken. Manuel Nickel, bisher der Einzige, der nicht aus der Universität Marburg oder Gießen, sondern aus der Web-Entwickler-Branche zu uns gekommen ist, hat eine neue Seite mit Informationen über die in unserer Datenbank erfassten Bücher sowie eine Suche danach entwickelt. Und René Lori, Absolvent in den Medienwissenschaften, hat unser altes Kulturjournal renoviert, Schnittstellen zwischen literaturkritik.de und Literaturkritik in Deutschland eingerichtet und die Verwaltung der Daten von mittlerweile über tausend Rezensenten verbessert.

Die Zusammenarbeit in der kleinen Redaktion von literaturkritik.de war in den zehn Jahren ungemein anregend und produktiv. In welchem Ausmaß die kooperativen Beziehungen zwischen den Beteiligten von sachlichen Konflikten, persönlichen Animositäten oder auch privaten Annäherungen durchsetzt waren, blieb mir weitgehend, aber nicht gänzlich verborgen. Unterschwellige Gereiztheiten oder offen ausgetragene Streitigkeiten waren in den ersten Jahren nicht so ganz selten. Die Rezension einer Mitarbeiterin zu Thomas Meineckes „Tomboy“ zum Beispiel und Reaktionen darauf gefährdeten den Redaktionsfrieden über Wochen hinweg. Auf der anderen Seite hat die gemeinsame Arbeit im Verlauf der Jahre mindestens zu zwei dauerhafteren Paarbildungen geführt, in einem Fall sogar zu einer Ehe mit mittlerweile zwei Kindern.

Es mag etwas pathetisch klingen, aber für mich war literaturkritik.de Teil der Erfüllung eines alten Traums. Die Entstehung der darin ausphantasierten Wunschvorstellungen lässt sich auf das Jahr 1982 datieren. Ein Jahr vorher, ich war damals Assistent an der Universität München, rief aus heiterem Himmel und ohne dass ich jemals vorher mit ihm persönlichen Kontakt gehabt hätte, Marcel Reich-Ranicki bei mir zu Hause an und stellte mir ohne lange Einleitungen eine kurze Frage: „Wollen Sie Literaturredakteur bei der F.A.Z. werden?“ Er hatte eine ausführliche Rezension von mir in der „Süddeutschen Zeitung“ über einige neu erschienene Sozialgeschichten der Literatur gelesen und sich dann nach mir bei Michael Krüger im Hanser Verlag erkundigt, wo zwei von mir herausgegebene Bücher erschienen waren. Es ging alles ganz schnell, in einem Tempo und in einem bürokratiefreien Verfahren, das ich von der Universität überhaupt nicht gewohnt, doch für die Arbeit in Zeitungen, wie ich bald merkte, typisch war: ein Treffen im Restaurant mit Reich-Ranicki und Joachim Fest, ein kurzes Vorstellungsgespräch mit dem Geschäftsführer, die Unterzeichnung des Vertrages, und ohne irgendjemandem auch nur meinen Ausweis zeigen zu müssen, war ich in der Redaktion angestellt, zunächst auf Probe, dann ohne Befristung. Die Redaktionsarbeiten waren lehrreich und spannend, die Kollegen Franz Josef Görtz und Uwe Wittstock ausgesprochen nette Menschen. Und Reich-Ranicki selbst erwies sich als viel freundlicher und umgänglicher, als es sein öffentlicher Ruf damals erwarten ließ. Er wurde zu einem väterlichen Freund und ist es bis heute geblieben. Als Kritiker kannte ihn jeder, aber dass er hinter den Kulissen ein hervorragender Ressortleiter war, wussten vergleichsweise wenige. Ich habe sehr viel von ihm gelernt und 2004 in meiner Biographie über ihn den Stil seiner Redaktionsarbeit ausführlich beschrieben.

Dass ich nach einem Jahr das Angebot meines Universitätslehrers Walter Müller-Seidel zur Rückkehr an seinen Lehrstuhl annahm und der täglichen Büroarbeit in der F.A.Z. die akademische Freiheit vorzog, war keine leichte Entscheidung. Ich habe sie zwar nie bereut, aber das damit Verlorene lange vermisst. In der Redaktion fehlte mir vor allem die Möglichkeit, mich lange und intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen, mit enthusiastischen, alle möglichen Anregungen in sich aufsaugenden Studenten zu kommunizieren und mir die Zeit selbst einzuteilen. Die Universität wiederum nahm ich nach diesem Jahr deutlicher als zuvor als eine schwerfällige, überbürokratisierte Institution wahr, das wissenschaftliche Forschen und Publizieren als eine zähe, einsame und in der Resonanz vergleichsweise dürftige Angelegenheit von Spezialisten. Redaktionsarbeit hingegen ist Arbeit mit anderen zusammen; was man angeregt, bearbeitet oder selbst geschrieben hat, wird oft schon am nächsten Tag von Tausenden von Lesern wahrgenommen und zeigt deutliche Wirkungen. Und wenn man neugierig, bücher- und informationssüchtig ist, dann kann man sich eine Literaturredaktion als Paradies vorstellen, in dem es keinen Mangel gibt. Kurzum: Mit literaturkritik.de konnte ich meine akademische Freiheit behalten und viel von dem Vermissten zurückgewinnen.

Natürlich war literaturkritik.de von Anfang an mehr als ein Instrument zur Befriedigung persönlicher Bedürfnisse. Die Zeitschrift hätte sonst gewiss nicht lange überlebt. Sie hatte es allerdings vor zehn Jahren viel einfacher sich zu legitimieren als heute.

Konzept und Positionierung

Anfang 1999 war das Internet noch kein etabliertes Medium für Rezensionen. Die für Literatur- und Buchkritik maßgeblichen Zeitungen stellten, wenn sie überhaupt schon im Netz präsent waren, die gedruckten Artikel aus ihrem Archiv nur gegen Bezahlung zur Verfügung. Immerhin gab es seit 2000 das für Feuilletonleser und Internetbenutzer außerordentlich nützliche Angebot von perlentaucher.de, sich über Rezensionen auch in den Zeitungen zu informieren, die man nicht abonniert hatte. Die Informationen waren so aktuell, dass man sich die Zeitung, wenn man unbedingt mehr wissen wollte, noch am selben Tag am Kiosk kaufen konnte. FAZ.net erschien im Januar 2001, und es dauerte wie bei etlichen anderen Zeitungen noch längere Zeit, bis hier ein großer Teil der gedruckten Rezensionen der Öffentlichkeit frei zugänglich war. Mittlerweile gibt es nicht nur viele weitere Web-Seiten mit Rezensionen, sondern fast die gesamte professionelle Literatur- und Buchkritik der Print-Medien wird nicht nur gedruckt, sondern wenig später oder zuweilen sogar früher im Netz veröffentlicht.

Das Lamentieren über den Zustand und angeblichen Bedeutungsverlust der Kritik, das so alt ist wie diese selbst, hört zwar nicht auf, es wiederholt sich bei jeder öffentlichen Debatte über sie, aber man muss schon blind oder in seinen Vorstellungen vollkommen resistent gegenüber Realitätsveränderungen sein, um nicht zu erkennen: Das Gewicht einzelner Rezensionen wie der gesamten Literaturkritik ist durch das Internet erheblich gewachsen. Und zwar nicht nur, weil die an ihr Interessierten Artikel auch aus jenen Rezensionsorganen lesen, deren gedruckte Ausgaben sie längst nicht alle wahrnehmen konnten, sondern auch deshalb, weil Rezensionen zusammen mit der Tages- oder Wochenzeitung nicht mehr nach kurzer Zeit verschwinden, sondern dauerhaft und leicht zugänglich bleiben. Auch zu jedem älteren Buch kann man nun die unterschiedlichsten Besprechungen finden, und zwar jeder Leser die seinen Bedürfnissen und Ansprüchen entsprechenden. Ihre dreihundert Jahre alte Funktion, Orientierungshilfe angesichts einer unüberschaubar gewordenen Zahl von Neuerscheinungen zu geben, hat Literaturkritik beibehalten. Doch darüber hinaus ist aus ihr ein allgemein zugängliches Archiv von Informationen und Meinungen über neue und alte Bücher geworden.

Literaturkritik.de ist da mittlerweile eines unter vielen Angeboten im Internet. Die Besonderheit dieser Rezensionszeitschrift liegt längst nicht mehr darin, dass Rezensionen hier online erscheinen, sondern allein in ihrem konzeptionellen und inhaltlichen Profil. Dieses Profil hat sich im Kern seit 1999 kaum verändert, zeichnet sich aber heute in der Umgebung vergleichbarer Angebote noch deutlicher ab.

Die erste Ausgabe hatte zwei Themenschwerpunkte. Der eine war Erich Kästner aus Anlass seines 100. Geburtstags gewidmet. Auf ihn hatte schon die Null-Nummer im Dezember 1998 mit einem kleinen Rätsel vorbereitet. Der andere Schwerpunkt befasste sich mit der Debatte über Martin Walsers umstrittene Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Literaturkritik.de war von Anfang an keine bloße Ansammlung von Rezensionen. Der Redaktion lag daran, in jeder Ausgabe thematische Schwerpunkte zu bilden, aktuelle Diskussionen aufzugreifen oder zu initiieren und weitere inhaltliche Zusammenhänge zu schaffen. Ein Blick in das Archiv kann einen zumindest oberflächlichen Eindruck über das geben, was uns in den zehn Jahren beschäftigt hat. Einige Themen wie z. B. Emotionsforschung, Familie, der Erste Weltkrieg, die Psychoanalyse, die literarische Moderne, Geschlechterforschung und -politik, Konzepte der Literatur- und Kulturwissenschaft, Adaptionen der Evolutionsbiologie, Autoren wie Goethe, Freud, Martin Walser oder zuletzt Darwin, und vor allem Judentum und Antisemitismus haben wir wiederholt aufgegriffen, viele weitere Themen erschließen sich aus der Durchsicht einzelner Ausgaben oder über unsere Volltextsuche. Die in solche Kontexte eingebundenen Rezensionen wurden begleitet von diversen Essays. Diese erhielten in den zehn Jahren zwar zunehmendes Gewicht, doch der Charakter einer Rezensionszeitschrift blieb erhalten.

Das periodische, an monatliche Ausgaben und bestimmte Themen gebundene Erscheinen der Buchbesprechungen in literaturkritik.de ist für Rezensionsorgane wohl auch deshalb atypisch, weil es Nachteile hat, mit der auch die Redaktion von literaturkritik.de in den ersten Jahren immer wieder konfrontiert war. Vor allem die Rezensionsteile der periodischen Print-Medien haben das Problem, dass fertige Rezensionen sozusagen in einer Warteschlange stehen. Sie müssen so lange auf ihre Veröffentlichung warten, bis der nötige Platz dafür frei ist. In Zeitungen kann es Wochen oder gar Monate dauern, bis eine bereits redigierte Rezension erscheint. Dies zumindest war für literaturkritik.de nie ein Problem. An gedruckten Ausgaben, in die sämtliche online erschienene Artikel eingebunden sind, halten wir zwar fest, nicht zuletzt deshalb, weil die Herstellung von Gedrucktem in der Regel immer noch ein ambitionierteres Ethos des Schreibens und Redigierens hervorbringt. Aber beim Umfang der in kleiner Auflage gedruckten, gelegentlich über 300 Seiten langen Ausgaben setzen wir uns keine Grenzen und kalkulieren finanzielle Defizite mit ein. Literaturkritik.de nimmt sich den Raum für Artikel, die im Durchschnitt deutlich umfangreicher sind als die im Feuilleton, umfangreicher vor allem auch, als es im zur Kleinteiligkeit tendierenden und zum flüchtigen Lesen einladenden Internet üblich ist. Literaturkritik.de übernimmt damit etwas von der Funktion, die Kulturzeitschriften wie das "Kursbuch", "Die Neue Rundschau" oder "Merkur" hatten und zum Teil noch haben. Wem das Lesen langer Artikel auf dem Bildschirm nicht liegt, kann sie sich ja ausdrucken.

Ein Problem des periodischen und themenorientierten Erscheinens war es jedoch, dass bereits fertige Rezensionen noch nicht veröffentlicht werden konnten, weil ihr Thema erst zum Schwerpunkt einer späteren Ausgabe passte. Inzwischen haben wir zugunsten der Aktualität unserer Rezensionen eine Lösung dafür gefunden. Jeder Artikel wird, meist bevor er im Rahmen einer Ausgabe und eines Themas erscheint, kurz nach der Zusendung und redaktionellen Bearbeitung veröffentlicht und auf der Seite "Aktuelle Rezensionen" angezeigt.

Ein weiteres Kennzeichen unseres Profils verdankt sich der Bindung an die Universität und an die in ihr betriebenen Wissenschaften - sowie dem gleichzeitigen Bemühen, möglichst viele Leser auch außerhalb der Universität zu erreichen. Literaturkritik.de bewegt sich auf einem Grenzgebiet zwischen Fach- und Publikumszeitschrift, zwischen Kulturwissenschaft und Kulturjournalismus. Das zeigt sich an ihren Inhalten, an ihrem Stil, an den Autoren der Artikel und an den Lesern, über die wir einiges wissen.

Zu den Inhalten der Zeitschrift gehört alles, was die Feuilletons der großen Zeitungen und was die Kulturwissenschaften an den Universitäten bewegt. Mit den etablierten Feuilletons kann und will literaturkritik.de aber allenfalls ansatzweise konkurrieren. Die Professionalität ihrer Redaktionen und die journalistische Qualität der Artikel ihrer kontinuierlichen Mitarbeiter überbieten zu wollen, also ein besseres Feuilleton oder die Kopie eines Zeitungsfeuilletons, die besser ist als das Original, im Netz präsentieren zu wollen, wäre ein ziemlich aussichts- und sinnloses Unternehmen. Die produktiven Möglichkeiten von literaturkritik.de liegen darin, dem relativ geschlossenen Kreis der im Feuilleton etablierten Namen, Stimmen und Perspektiven andersartige, unvertraute hinzuzufügen. Diese kommen aus vor allem drei unterschiedlichen Quellen.

Literaturkritik.de ist zwar nie ein studentisches Rezensionsforum gewesen, hat aber von Beginn an immer wieder journalistisch ambitionierten und begabten Studenten aus Marburg, Bamberg, Hildesheim, Berlin oder anderen Universitätsstädten, in denen literaturkritisches Schreiben geübt wird, Möglichkeiten zur Veröffentlichung ihrer Artikel gegeben, gelegentlich sogar Schülern, die im Deutschunterricht von ihrem Lehrer darauf vorbereitet wurden. Hinzu kamen Germanistik-Absolventen, die lieber Journalisten als Lehrer werden wollten, aber bisher allenfalls für Lokalzeitungen gearbeitet hatten. Literaturkritik.de folgte damit nicht nur, wie es sich an einer Universität gehört, didaktischen Impulsen, sondern hat die Jugendlichkeit in der Wahrnehmung und Kritik von Literatur als wertvolle Bereicherung gesehen. So schätzte es auch die Redaktion von "Arte.tv" ein, als sie uns 2005 anbot, auf der Homepage des Senders regelmäßig Rezensionen unserer studentischen Mitarbeiter unter der Rubrik "Junge Literaturkritik" zu publizieren (Beispiel hier). Viele, die bei uns zum ersten Mal etwas veröffentlichten, schreiben noch heute für literaturkritik.de, sind darüber hinaus publizistisch aber auch für andere tätig.

Eine zweite, sehr heterogen zusammengesetzte Gruppe von Mitarbeitern besteht aus interessierten Beobachtern und beteiligten Akteuren der Literatur- und Kulturszene. Einige von ihnen schreiben auch für das Feuilleton großer oder kleinerer Zeitungen, nehmen bei uns aber Möglichkeiten zur Verfolgung spezieller Interessen oder zur Publikation längerer Artikel wahr, die in den Print-Medien nur in gekürzten Fassungen erscheinen konnten. Manche sind Schriftsteller, die wir persönlich kennen und bei der Planung zu bestimmten Themen gezielt ansprechen. Da sie vom Schreiben leben müssen, bekommen wir von ihnen in der Regel nur etwas, was bei ihnen bereits in der "Schublade" liegt. Andere wiederum sind keine Berufsschreiber, aber publikationserfahrene Kenner bestimmter Autoren oder Sachgebiete. Ihnen sind vielfach Einsichten zu verdanken, die vom Mainstream abweichen und unsere Zeitschrift bereichern.

Die dritte Gruppe besteht aus Wissenschaftlern, die wir dazu animieren, entweder für uns ihren Stil zu wechseln und als Wissenschaftsjournalisten zu agieren, oder dazu bewegen, schon Geschriebenes so umzuformulieren, dass ihr Fachwissen eine breitere Öffentlichkeit erreicht.

So finden sich in literaturkritik.de unter den Mitarbeitern nun neben vielen jungen und noch unbekannten Autoren Beiträge von Schriftstellern wie Robert Gernhardt, Michael Lentz, Thomas Meinecke, Gerhard Köpf oder Matthias Politycki, Kritikern wie Jörg Drews, Oliver Pfohlmann, Marcel Reich-Ranicki, Ulrich Rüdenauer oder Uwe Wittstock, Literaturwissenschaftlern wie Peter-André Alt, Dieter Borchmeyer, Elisabeth Bronfen, Karl Eibl, Ludger Lütkehaus, Peter von Matt, Winfried Menninghaus, Walter Müller-Seidel, Wulf Segebrecht, Claudia Schmölders, Jörg Schönert, Silvio Vietta oder Sigrid Weigel, Philosophen, Soziologen und Historikern wie Reinhard Brandt, Jürgen Habermas, Hans Joas, Dirk Kaesler, Wolf Lepenies, Wolfgang Wippermann oder Moshe Zuckermann.

Noch unterschiedlicher als unsere Autoren sind unsere Leser. Wer sich für uns interessiert, erkennen wir an den Personen und Institutionen, die uns durch ein Online-Abonnement unterstützen, an den Leserbriefseiten und vielen gesonderten Zuschriften, die uns täglich erreichen. Sie kommen von Gymnasiasten und Lehrern, Studenten und Professoren aus allen Ländern der Welt, Schriftstellern und Verlagsangehörigen, Literaturkritikern und Redakteuren, Buchhändlern oder Bibliothekaren und ansonsten von vielen anderen, die jene Bücher, die wir rezensieren, selbst lesen. Am meisten Leserbriefe dürfte unser ungemein produktiver Rezensent Rolf Löchel erhalten haben, dem die Mitarbeit an der Zeitschrift seit ihren Anfängen zu einem zentralen Bestandteil seines intellektuellen Lebens geworden ist und der inzwischen auch an anderen Stellen viel publiziert. Zu seinem Artikel über Frank Schätzings Roman "Der Schwarm" sind bei uns zur Zeit 40 Leserbriefe angezeigt. Das ist nur ein Teil von denen, die dazu an uns geschrieben wurden. Und regelmäßig gehen weitere Briefe ein. Den längsten Leserbrief wiederum hat eben erst ein Münchner Privatdozent der Medizin zusammen mit einem Biologielehrer geschrieben: zwanzig Manuskriptseiten, die einen Artikel unseres Mitarbeiters Josef Bordat über Makroevolution und Humanisation im Darwin-Schwerpunkt unserer Geburtstagsausgabe Absatz für Absatz kritisch kommentieren. Die Briefe zu diesen beiden Artikeln sind symptomatisch für das breite Spektrum an Lesern, die wir ansprechen.

Es mag paradox klingen, aber wir sind über die Vorlieben unserer Leser besser im Bilde als über deren Zahl, obwohl sich ja eigentlich jeder Klick auf eine unserer Seiten registrieren lässt. Das glaubt man zumindest, weil die Web-Technik inzwischen ein vielfältiges Instrumentarium zur quantitativen und qualitativen Einschätzung von Online-Publikationen zur Verfügung stellt.

Kurioses und Kafkaeskes

Im Sommer 2008 haben wir in jeden der über 10.000 Artikel in literaturkritik.de einen "Zählpixel" der VG Wort integriert. Ab einer bestimmten Zahl von Aufrufen innerhalb eines Jahres zahlt die VG Wort ähnlich wie schon lange für alle gedruckten Publikationen eine Vergütung für die Online-Version des Artikels. Wie oft ein Artikel aufgerufen wird, hängt allerdings von Faktoren ab, die das Verfahren der VG Wort einigermaßen absurd erscheinen lassen. Den bislang am häufigsten "gelesenen" Artikel in literaturkritik.de hat meine Marburger Kollegin Jutta Osinski geschrieben. Er ist gewiss ganz ausgezeichnet, aber die Qualität ist ebenso gewiss nicht ausschlaggebend für die Vielzahl der seit 2002 von uns bei allen Artikeln registrierten "Klicks". Es sind in diesem Fall über 100.000! Titel und Untertitel des Artikels sind daran maßgeblich beteiligt. Denn sie enthalten etliche Reizwörter, nach denen im Internet über die Suchmaschinen besonders gern gefahndet wird. Die Überschrift lautet: "Porno aus weiblicher Perspektive. Elfriede Jelinek schildert masochistische Sexualpraktiken". Eine zynische Empfehlung an alle, die mit ihren Artikeln eine hohe "Einschaltquote" erreichen möchten, könnte also lauten, möglichst viele solcher einschlägigen Vokabeln in den Titel aufzunehmen.

Die Zahl der "Pageviews" und die Zahl derjenigen, die an dem Inhalt eines Artikels substantiell interessiert sind, sowie die Zahl jener, die den Artikel gefunden haben und dann auch lesen, unterscheiden sich von Fall zu Fall erheblich. Aber sogar die noch am eindeutigsten zu ermittelnden Zahlen über Seitenaufrufe oder die Zahlen von "Besuchern", die eine Seite von literaturkritik.de aufrufen und anschließend vielleicht noch mehrere andere, können mit so unterschiedlichen Methoden gemessen werden, dass man allen stolzen Angaben, die Web-Seiten-Betreiber über sich selbst oft so gerne machen, misstrauen muss - wenn sie nicht von neutralen und professionellen Instanzen ermittelt und von diesen veröffentlicht werden. Zum Beispiel von der IVW, der "Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern", deren Dienst wir demnächst in Anspruch nehmen. Wenn ich in schamhafter Eitelkeit heimlich meine eigenen Artikel ständig anklicke, um mit den statistischen Ergebnissen anderen deren Bedeutung zu demonstrieren, habe ich ihnen gegenüber keine Chancen. Und sie schließen zum Beispiel auch aus, dass Seitenaufrufe mitgezählt werden, die von "Web-Crawlern" erzeugt werden, mit denen die Suchmaschinen Web-Seiten analysieren. Misstrauisch muss man auch den eigenen Statistiken gegenüber sein. Literaturkritik.de benutzt zurzeit vier verschiedene Statistik-Programme und erhält von ihnen vier zum Teil völlig verschiedene Ergebnisse.

Es gibt Seiten, zu denen zeigt eine Statistik den zehnfachen Wert einer anderen an. Nur im Anzeigen von Trends sind sie sich alle einigermaßen einig, darüber zum Beispiel, dass an Samstagen die Zahl der Leser am niedrigsten ist und jeden Dienstag oder Mittwoch am höchsten oder dass wir im März und Oktober weit mehr Beachtung finden als im Juli und August. Da gehen auch wir lieber zum Schwimmen. Einigermaßen sicher können wir beim Lesen der Statistiken weiterhin sein, dass die "Zugriffe" auf unsere Seiten nicht mehr so sprunghaft ansteigen wie in früheren Jahren. Aber sie halten sich auf hohem Niveau.

Mit Überraschungen muss man bei der Benutzung fremder Instrumente zur Selbstbeobachtung jedenfalls immer rechnen - mit positiven wie mit negativen.

Als ich am 21. Februar morgens aus unruhigen Träumen erwachte und noch vor dem Frühstück den PC anschaltete, um an diesem Rückblick weiterzuschreiben, sah ich den von Google gesetzten "PageRank" für literaturkritik.de von 7 auf 4 herabgesetzt. So etwas war noch niemals geschehen. Jemand musste uns verleumdet haben. Denn ohne dass wir etwas Böses getan hätten, waren wir bestraft worden. - Und das mitten in der Geburtstagsfeier.

Google hat sich zu einer fast allmächtigen, schwer durchschaubaren Gerichtsbehörde entwickelt, die den Betreibern von Web-Seiten das Hoffen, Fürchten und Tricksen lehrt. Mit dem PageRank bewertet der Google-Gott jede Web-Seite, die ihm unter die Augen kommt. Und jeder kann diese Bewertung sehen, wenn er in seinem Browser die "Google-Toolbar" installiert hat, und verschafft sich damit eine erste Einschätzung von Web-Angeboten, die er noch nicht kennt. Ähnlich wie auf einem Fieberthermometer bewegt sich da ein schmaler, grüner Streifen auf einer Skala zwischen 0 und 10. Erläutert wird dies mit dem Satz: "Der PageRank spiegelt die Meinung von Google hinsichtlich der Relevanz dieser Seite wider." Sich selbst bewertet die gleichsam göttliche Instanz mit der höchsten Punktzahl 10, aber nur das heimische "google.com", nicht "google.de". 8 Punkte erhalten "Amazon.de", "Spiegel online" und "FAZ.net", die Web-Seiten der meisten Universitäten ebenfalls. Da waren wir sehr zufrieden, nur einen Punkt darunter zu rangieren.

Im Netz kursieren viele vage Hinweise und Gerüchte, dass Web-Seiten-Betreiber, die den Mechanismus solcher Bewertungen stören, von Google "abgestraft" werden. Es ist jedoch nicht leicht, solche Fälle zu erkennen oder als Betroffener zu durchschauen, womit genau man gesündigt oder die Grenze der Google-Großherzigkeit überschritten hat. Seine "Meinung" über eine Web-Seite bildet sich Google bekanntlich auf der Basis von zwei Kriterien: Wie viele andere Web-Seiten verweisen auf sie? Und: Wie gewichtig sind die Web-Seiten, die solche Verweise enthalten? Eines der vielen Mittel, die Bewertungen zu manipulieren, zielt darauf ab, Links auf die eigene Seite auf hoch bewerteten Web-Seiten anderer zu platzieren, wenn nötig durch Bezahlung. Dies geschieht unter anderem durch die Buchung von Textanzeigen, wie sie auch literaturkritik.de seit einiger Zeit im Rahmen seiner Werbe-Angebote offeriert (siehe die Anzeigen auf der rechten Leiste). Spät habe ich gemerkt, dass solche Anzeigen und (in seltenen Fällen) sogar Bestellungen eines Online-Abonnements mit Eintrag in die Abonnenten-Liste weniger dazu dienten, unsere Leser auf bestimmte Angebote aufmerksam zu machen und sie zu veranlassen, die Links anzuklicken, sondern vor allem den Zweck hatten, den PageRank der eigenen Seite zu erhöhen. Google mag das offensichtlich nicht, zumal solche Textanzeigen eine Konkurrenz zum finanziell wenig attraktiven Angebot der eigenen Anzeigen sind, und reagiert darauf.

Der Effekt ist, dass der PageRank von literaturkritik.de nun geringer ist als z.B. der von "literaturmarkt.info", wo man sich Rezensionen kaufen kann. Die Seite wird von Google mit 5 Punkten bewertet. Als Trost bleibt, dass literaturkritik.de durch die Abwertung über den Image-Schaden hinaus keine Einbußen hinsichtlich der Leserzahl zu verzeichnen hat - und dass wir uns in guter Gesellschaft befinden. Zeit online wurde offensichtlich ebenfalls für irgendwelche Vergehen gegen die Google-Gebote bestraft. Eines der wichtigsten Zeitungsportale Deutschlands hat nach der angezeigten "Meinung von Google" nun die gleiche "Relevanz" wie "literaturmarkt.info"!

Wenn Google sich dagegen wehrt, dass erfolgreich erprobte, mit viel Intelligenz und Aufwand eingerichtete Techniken zur Einschätzung von Web-Angeboten mit allen möglichen Tricks außer Kraft gesetzt werden, ist das verständlich. Aber wie hier gegenüber Informationsanbietern, von denen Google lebt, Macht durch Undurchschaubarkeit, Unzugänglichkeit und ungeschriebene Gesetze ausgeübt wird, erinnert an Strukturen von Herrschaft und Abhängigkeit, wie sie in ihrer Fragwürdigkeit kein Autor eindringlicher dargestellt hat als Franz Kafka.

Natürlich versuchen wir nicht ganz ohne Einsicht daraus zu lernen, nehmen inhaltsfremde Anzeigenschaltungen nicht mehr an oder fügen ihren verlinkten Internet-Adressen die von Google gewünschten und ja durchaus sinnvollen "Nofollow-Attribute" hinzu. Sie sorgen dafür, dass die Adressen für den PageRank irrelevant werden. Möge Google also bald wieder gnädig sein. Wichtiger sind uns in den kommenden Lebensjahren allerdings andere Dinge.

Neues und Zukünftiges

Die letzten beiden Jahre der Arbeit an literaturkritik.de waren durch zahlreiche Innovationen gekennzeichnet. Viele davon sind nach außen nicht sichtbar. Sie dienen der technischen Verbesserung redaktioneller Routinen, der Kommunikation mit Mitarbeitern, Verlagen und Lesern oder der Sicherung unserer Daten. Da bleibt ständig viel zu tun.

Eine der öffentlich sichtbaren und wichtigeren Neuerungen ist das Online-Lexikon Literaturwissenschaft, auf das die Artikel in literaturkritik.de bei Bedarf verweisen können und das seinerseits die bei uns erschienenen Artikel einbezieht. Wer hier nach einem Autor sucht, zum Beispiel nach Franz Kafka, Alfred Döblin, Martin Walser oder Ernst Jünger, erhält neben Informationen über ihn auch Links zu den oft zahlreichen Beiträgen, die bei uns über ihn erschienen sind. Oliver Pfohlmanns Lexikon zur Literaturkritik wurde in diesem Zusammenhang nicht nur in der Anwendung, sondern auch inhaltlich aktualisiert. Das meiste, was da steht, ist allen Lesern zugänglich, ein Teil nur unseren Online-Abonnenten. Auf ihre Unterstützung sind wir zur Finanzierung unserer Angebote angewiesen, wenn wir nicht gänzlich von unseren Anzeigenkunden abhängig sein wollen. Wie inzwischen die meisten Zeitungen haben wir uns sehr früh dafür entschieden, die Leser einen großen Teil unserer Angebote kostenlos nutzen zu lassen, aber mit zusätzlichen Leistungen Anreize zur Bestellung eines Abonnements zu schaffen. Entscheidungen darüber sind bekanntlich eine Gratwanderung: Zugriffsbeschränkungen reduzieren die Zahl der Leser und damit auch die Attraktivität für Anzeigenkunden, freier Zugang vermindert die Zahl der Abonnenten. Wie wir in Zukunft damit umgehen, bleibt offen. Unseren Autoren und auch der Redaktion liegt natürlich daran, möglichst viele Leser zu erreichen.

Um sie darüber hinaus zur aktiven Teilnahme am literaturkritischen Dialog zu bewegen, haben wir mit zusätzlichen Neuerungen die interaktiven Möglichkeiten unseres Rezensionsforums erweitert. Unser 2002 eingerichtetes Kulturjournal wurde nach längerer Pause Ende 2008 in veränderter Form wiederbelebt. Es ist jetzt nicht mehr nur Mitarbeitern und Online-Abonnenten von literaturkritik.de zugänglich. Alle Leserinnen und Leser von literaturkritik.de sind eingeladen, über das kulturelle Leben der Gegenwart zu informieren, es zu kommentieren und darüber zu debattieren. Das erste große Thema sind hier die kulturellen Folgen der Finanzkrise, die uns zwar noch nicht finanziell tangiert, aber die kommenden Ausgaben von literaturkritik.de noch eingehender beschäftigen wird. "Interaktiver" sind seit 2008 auch unsere Leserbriefseiten geworden. Leser können jetzt mit dem Rezensenten oder untereinander kommunizieren. Das bislang jüngste Beispiel dafür ist der Briefwechsel zwischen einem Rezensenten und einem sachkundigen Leser über den "Trend-Report 2009" des Zukunftsprognostikers Matthias Horx.

An vorausgesagten oder bestehenden "Trends" beteiligen wir uns nur teilweise. Einen "Blog" zum Beispiel haben wir im Oktober 2006 versuchsweise eingerichtet, ihn aber schon nach kurzer Zeit wieder aus dem Netz genommen. Ob wir unseren Lesern und Abonnenten anbieten, sich zu einer virtuellen Netzgemeinschaft zusammenzuschließen, ist nicht ausgeschlossen, aber eher unwahrscheinlich.

Wichtig ist uns in den kommenden Jahren vor allem die Ausweitung von Kooperationen mit anderen Universitäten und universitätsnahen Institutionen - sowie mit Zeitungen, Verlagen und anderen kulturellen Einrichtungen, denen daran ebenfalls gelegen ist. Das schließt andere Aktivitätsschwerpunkte nicht aus, aber in diesem Bereich existiert ein Potential an Wissen, Informationen und intellektueller Neugier, das es verdient hat, stärker als bisher einer auch außeruniversitären Öffentlichkeit vermittelt zu werden.

Beispiele für solche Kooperationen, die über die Zusammenarbeit mit einzelnen Personen hinausgehen, gibt es in literaturkritik.de bereits. In der September-Ausgabe 2006 hat unsere Redaktion in Verbindung mit etlichen Mitarbeitern des Berliner "Zentrums für Literatur- und Kulturforschung" einen Themenschwerpunkt zu Walter Benjamin konzipiert. Und eben erst haben wir mit Angehörigen der Universität Mannheim eine Vereinbarung getroffen, die für alle Beteiligten ein Experiment ist. Der Kreis junger Thomas-Mann-Forscher veranstaltet am 13. und 14. März 2009 eine Tagung zum Thema "Thomas Mann und die Ökonomie". Literaturkritik.de wird alle Tagungsbeiträge kurz nach dem Ende der Veranstaltung veröffentlichen. Sie stehen dann etwas später im Rahmen einer Ausgabe mit dem Themenschwerpunkt "Literatur und Ökonomie", den die Redaktion schon länger geplant hat.

Und noch ein letztes Beispiel: Ende 2008 habe wir eine neue Seite mit Informationen über die in unserer Datenbank erfassten Bücher eingerichtet. Man findet diese Seite über unsere ebenfalls neue und für alle Leser zugängliche Buch-Suche. In Zusammenarbeit mit dem Zeitungsarchiv an der Universität Innsbruck, das von Stefan Neuhaus, einem unserer Mitarbeiter seit der ersten Ausgabe vor zehn Jahren, geleitet wird, werden dort von dem Marburger Informatikstudent Erik Weigand die in diesem Archiv zusammengestellten Angaben zu Rezensionen präsentiert, die zu einem Buch in den deutschsprachigen Zeitungen erschienen sind, beispielsweise zu Daniel Kehlmanns "Ruhm". In Zusammenarbeit mit dem literaturwissenschaftlichen Rezensionsorgan IASLonline und dem von Historikern eingerichteten Rezensionsarchiv von Clio-online werden wir auf dieser Seite bald auch Angaben zu Rezensionen über literatur- und kulturwissenschaftliche Bücher sammeln können. Die Zusammenarbeit mit weiteren Rezensionsorganen ist geplant.

Literaturkritik.de will auf diese Weise in den nächsten Jahren mit eigenen Artikeln und mit Hinweisen zu Rezensionen anderer weiter dazu beitragen, das neue Medium des World Wide Web in den Dienst eines gut fünfhundert Jahre alten, nach wie vor unverzichtbaren Mediums zu stellen: zugunsten des gedruckten Buches.

Leserbriefe

Walter Hempe: Hallo liebe Literaturkritik, wer zu sorglos Links verteilt, bekommt von Google auf die Finger und wer vor dem Frühstück schon Pagerank schaut, ist ein Fall für die Suchtklinik. Links sind der wirtschaftliche Motor des ...





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