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 literaturkritik.de » Nr. 3, März 2009 » Politik und Geschichte
 
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Missglückte Erinnerung

Terry Parssinens Buch über "Hans Oster und der militärische Widerstand gegen Hitler" handelt von keiner "vergessenen Verschwörung"

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Die vergessene Verschwörung" nennt der amerikanische Historiker Terry Parssinen sein Buch über "Hans Oster und der militärische Widerstand gegen Hitler". Das stimmt nicht so ganz. In den den Standardwerken über den deutschen Widerstand ist der Name des noch am 9. April 1945 gemeinsam mit Wilhelm Canaris und Dietrich Bonhoeffer (der Mitgefangene Hans von Dohnanyi wurde einen Tag zuvor ermordet) in Flossenbürg hingerichteten Oster keineswegs ein vergessener Name.

Ebenso wenig ist die oftmals so genannte "Septemberverschwörung" des Jahres 1938, als deren treibende Kraft Parssinen Oster zu beschreiben versucht, vergessen. Indes bewertet man die verschiedenen Gesprächs- und Kontaktgruppen, die im Verlauf des Jahres 1938 eine zunehmend kritischere Haltung zum Regime einnahmen, anders, als Parssinen sie darstellt. Niemand, auch Oster nicht, bündelte die sich äußernde Kritik am Regime zu einer tatsächlichen Verschwörung mit einem klaren Ziel. Der Unmut der Beteiligten, unter ihnen auch viele, die im Verlauf der kommenden Jahre aktiven Widerstand gegen das Naziregime leisten sollten, blieb ziellos.

Als schließlich die Septemberkrise des Jahres 1938 vorbei war, war auch der sich um Oster gruppierende militärische Widerstand zunächst einmal kalt gestellt. "Sie", [die Verschwörer, die Red.] "sahen keine Alternative, als an die Arbeit zurückzukehren, aufmerksam zu bleiben und die nächste Gelegenheit zum Handeln abzuwarten."

Der 1887 geborene Hans Oster war Berufssoldat seit 1907. 1935 holte ihn Wilhelm Canaris in die Abwehrabteilung im Reichskriegsministerium. Hier, wo sich viele der der späteren Verschwörer des 20. Juli sammelten, begleitete man die Entwicklung des Naziregimes mit sorgenvoller Anteilnahme. Man missbilligte die Vereinnahmung der Wehrmacht durch Hitler, die 1938 während der Fritsch-Blomberg-Intrige ihre 'Vollendung' erreichte. Im inszenierten ,Skandal' um die nicht standesgemäße Heirat des Oberbefehlshabersrmacht Werner von Blomberg sollte vor allem auch der Distanz zu Hitlers Kriegsplänen wahrende Chef der Heeresleitung Werner Freiherr von Fritsch getroffen werden. Beide verloren denn auch ihre Posten und im Verlauf des Jahres wurde die Kriegsgefahr zunehmend akut.

Anlass war die "Sudetenkrise". Hitler drohte offen mit einem Einmarsch in die Tschechoslowakei, um den "Wunsch" der deutschen Bevölkerung nach Eingliederung ins Reich Nachdruck zu verleihen. Gegen solche Pläne wandten sich die Kreise um Oster und des späteren Mitverschwörers Generaloberst Ludwig Beck. Den Militärs ging es dabei weniger um eine grundsätzliche Ablehnung der politischen Pläne Hitlers, vielmehr hielten sie die Wehrmacht zu diesem Zeitpunkt schlichtweg nicht für kriegsfähig. Es galt, ein militärisches Vabanquespiel zu verhindern.

Die Kriegsgefahr des Jahres 1938 spiegelte sich auch auf der diplomatische Bühne. Doch die so genannte Appeasement-Politik der Engländer spielte Hitler in die Hände. Zudem schätzten diese, nach Ansicht Parssinens, die deutsche Lage falsch ein. Im Außenministerium glaubte man noch, Hitler sei eine "passive Figur" zwischen "gemäßigten" und "extremen" Fraktionen. "Diese Fehleinschätzung war letztlich ebenso tragisch wie Chamberlains Abtun der Verschwörer als Verräterbande."

Das Ende ist bekannt. Überraschend traf sich der britische Premier Chamberlain mit Hitler, kurze Zeit später stimmten Großbritannien, Frankreich und Italien im "Münchner Abkommen" der Zerschlagung der Tschechoslowakei zu. Hitlers diplomatischer Erfolg, nur ein kurzer Aufschub des Krieges, bedeutete zugleich das Ende der Verschwörungspläne. Oder, um es griffig mit Parssinen zu sagen: "Chamberlain rettete Hitler!"

Solche anschaulich plakativen Aussagen sind noch mit das Anregendste an diesem Buch, das den Verlauf der Krisenwochen chronologisch nacherzählt. Parssinen ist sichtlich bemüht, seinen Protagonisten Bedeutung zukommen zu lassen. Doch das Bemühen ist kontraproduktiv: Zum einen ist es unnötig, da die Bedeutung des Widerstands um Oster längst anerkannt ist, zum anderen aber neigt Parssinen in seiner Chronik des Geschehens zuweilen zum Kolportagehaften. Man spürt die Absicht - und möchte zuweilen die Zeitgeschichte und die sie prägenden Figuren vor dieser Art umarmender Würdigung schützen.


Titelbild

Terry Parssinen: Die vergessene Verschwörung. Hans Oster und der militärische Widerstand gegen Hitler.
Übersetzt aus dem Englischen von Martin Richter.
Siedler Verlag, München 2008.
285 Seiten, 22,95 EUR.
ISBN-13: 9783886809103

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Letzte Änderung: 09.04.2009 - 13:58:16
Erschienen am:02.03.2009
Lesungen: 967
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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