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 literaturkritik.de » Nr. 4. April 2009 » Politik und Geschichte
 
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Ein Reformprojekt wird beendet

Zwei üppige Bände mit bislang verschlossenen Dokumenten aus den Archiven der sowjetischen Machtelite geben umfangreichen Einblick in die Geschehnisse um den "Prager Frühling" und "das Krisenjahr 1968"

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Jahr 2006 begann das nach dem österreichischen Physiker, Mathematiker und Philosophen Ludwig Boltzmann (18844-1906) benannte Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung ein großangelegtes internationales Forschungsprojekt zum sogenannten "Prager Frühling" 1968. Das Projekt konnte auf ein Forschungsnetzwerk zurückgreifen, das Institutionen aus Europa und den USA umfasste. Besonders wertvoll war die Zusammenarbeit mit den russischen Institutionen, insbesondere mit dem Staatsarchiv für Zeitgeschichte der Russischen Föderation.

So konnte ein umfangreiches Material zusammengetragen werden, das einen sehr präzisen Blick auf die Geschehnisse erlaubt, die schließlich im Sommer 1968 zur Niederschlagung der tschechoslowakischen Reformbewegung um Alexander Dubcek durch die Truppen der Warschauer-Pakt-Staaten Sowjetunion, Polen, Ungarn und Bulgarien führten. Mit dem Einmarsch der Truppen in die damalige CSSR endete - wie schon zuvor in der DDR 1953 und in Ungarn 1956 - der tschechoslowakische Traum einer Emanzipation von der Ostblockführungsmacht Sowjetunion.

Das Ziel der militärischen Intervention hatten die Warschauer-Pakt-Staaten unter Führung der Sowjetunion in vielen Konferenzen vor dem Einmarsch festgelegt: durch die Beendigung des Reformprozesses, der in den Augen der übrigen Ostblockstaaten eine "Konterrevolution" darstellte, sollte die CSSR wieder auf den maßgebenden moskautreuen Kurs gebracht werden. Eben dadurch sollte die Bedrohung eines "Abdriftens" der Tschechoslowakei in das westliche Lager verhindert werden. Im weiteren Verlauf dieser ,Kurskorrektur' sollte dann eine neue Führung mit "gesunden" moskautreuen Kräften installiert werden. So geschah es. Aber die Ideen des Prager Frühlings lebten weiter. In der CSSR überlebten sie in der "Charta 77", langfristig führten sie zum Einsturz des längst morsch gewordenen Systems des sozialistischen Realismus.

Doch endete mit dem Einmarsch der Ostblocktruppen in die CSSR nicht nur der spezielle tschechoslowakische Traum, sondern mit ihm auch der grundsätzliche Versuch, dem Sozialismus eine alternative praxistaugliche Gestaltungsform zu geben. Der sogenannte "Dritte Weg", den die Reformer in der CSSR gehen wollten, hätte zu einer Alternative auch im Westen werden können. Die kurze Blüte des "demokratischen Sozialismus", wie sie in einigen westeuropäischen Ländern zu beobachten war, empfing wesentliche Impulse von dem tschechoslowakischen Experiment. Indes blieb auch der "demokratische Sozialismus" nur eine Episode. Als 1989 das sozialistische Herrschaftssystem zerbrach, gab es die Alternative eines Dritten Wegs nicht mehr. Die Niederlage war vollständig. Das kapitalistische System übernahm die Hinterlassenschaften. Erst jetzt, da dieser dabei ist, sich durch gieriges Profitstreben zu Grunde zu richten, wird die Suche nach einem Dritten Weg wieder aktuell.

Es gehört zu den tragischen Versäumnissen in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, dass auch im Westen die Chance des Prager Frühlings nicht gesehen wurde. Die Hilferufe der tschechoslowakischen Aufständischen während des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Truppen verhallten. Niemand kam den Reformern im "Krisenjahr 1968" zu Hilfe. Die Bipolarität der Welt schien fest gefügt, mehr noch: gerade das Gleichgewicht der Kräfte schien Stabilität zu garantieren. In dieser Situation war das tschechoslowakische Experiment eine Bedrohung des eingespielten Gleichgewichts. Man wog ab und kam zu dem Schluss: Diese Experiment lohnt das weltpolitische Risiko nicht.

Über die Umstände des tschechoslowakischen Reformexperiment, die Reaktionen und Strategien des Kremls und die Haltung der "Bruderländer", aber auch die Reaktionen des westlichen Europas, der NATO und der USA informieren nun zwei umfangreiche Bände, mit denen ein internationales Herausgeberteam die Forschungen zusammenfasst. Der erste Band versammelt eine Fülle von Einzelbeiträgen zu den benannten Themen, ergänzt um interessante Zeitzeugenerinnerungen. Mit diesen Beiträgen lässt sich ein umfangreicher Einblick in das "internationale Krisenjahr 1968", wie es im Untertitel der beiden Bände heißt, gewinnen. De zweite Band versammelt Dokumente. Die Quellenedition legt in deutsch/teilweise englischer und russischer Sprache abgedruckte Quellen eine Fülle erstmals veröffentlichter Dokumente aus dem Archiv des ehemaligen Zentralkomitees der KPDSU vor. Hier fielen die relevanten Entscheidungen zum Vorgehen der "Bruderländer". Vor allem die Gesprächsprotokolle ermöglichen einen interessanten Eindruck in die Entscheidungsprozesse. Es ist ausgesprochen ergiebig, in diesem Dokumentenband zu stöbern. Aber auch wer sich systematisch wissenschaftlich mit den Geschehnissen beschäftigt, wird vor allem an diesem Quellenband nicht mehr vorbei kommen. Beide Bände werden Standardwerke sein.


Titelbild

Stefan Karner / Natalja Tomilina / Alexander Tschubarjan (Hg.): Prager Frühling. Das internationale Krisenjahr 1968. 2 Bände. Band 1 Beiträge, Band 2 Dokumente.
Böhlau Verlag, Köln 2008.
2800 Seiten, 84,90 EUR.
ISBN-13: 9783412202316

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 literaturkritik.de » Nr. 4. April 2009 » Politik und Geschichte
 

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Letzte Änderung: 02.04.2009 - 10:56:25
Erschienen am:15.04.2009
Lesungen: 1145
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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