Ästhetik des Hasses

In Sibylle Lewitscharoffs Roman "Apostoloff" kommt Bulgarien eher schlecht weg

Von Peter MohrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Peter Mohr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dass Sibylle Lewitscharoff eine interessante und höchst begabte Autorin ist, wissen wir spätestens seit 1998, als sie für einen Auszug aus "Pong" mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde. In ihrem Roman "Montgomery" (2003) hatte sie die danach die krause Familiengeschichte eines toten Regisseurs rekonstruiert, in "Consummatus" (2006) dominierte ein ellenlanger Monolog eines dem Alkohol verfallenen Lehrers. Mit ihrem neuen Roman "Apostoloff" legt die Autorin nun eine formale Essenz aus den beiden Vorgängerwerken vor: einen wortgewaltigen Monolog über einen Vater, der Selbstmord begangen hat.

Zwei Schwestern aus dem Stuttgarter Vorort Degerloch begeben sich nach Bulgarien, um dort ihre familiären Wurzeln zu erforschen. "Der Vater war Bulgare, er war Arzt, er war in Stuttgart, er hat sich umgebracht, er ist in eine kleine Emigrantenkolonie von ungefähr 20 Männer geraten - diese Faktoren stimmen", räumte die 55-jährige Sibylle Lewitscharoff Parallelen zwischen Romanhandlung und eigenen biografischen Hintergründen ein.

Das Gros der Handlung berichtet von einer Autofahrt durch Bulgarien. Die Schwestern lassen sich von dem überzeugten Patrioten Rumen Apostoloff in dessen maroden Kleinwagen durchs Land chauffieren. Der bulgarische "Reiseführer" gerät damit zwischen die Fronten und übernimmt eine Art Moderatorenfunktion. Die beiden Schwestern verhalten sich nämlich höchst unterschiedlich: die im Fond sitzende Ich-Erzählerin wirkt aggressiv, absolut bulgarien-feindlich und neigt zur verbalen Polemik. Die ältere ist besonnen, zurückhaltend und nimmt zumeist nur die Rolle der passiven Zuhörerin ein.

Sibylle Lewitscharoffs Roman "Apostoloff" ist kein geradlinig erzähltes Familienepos. Er präsentiert eine Mischung aus Vatersuche, soziologischem Roadmovie und historischem Essay. Nicht etwa die überprüfbaren Fakten stehen im Zentrum, sondern spöttisch-zynisch zugespitztes Denken und assoziativ-spontanes Sprechen. Eine gehörige Portion Zorn lässt Sibylle Lewitscharoff ihre Protagonistin auftischen, deren Hasstiraden an Thomas Bernhards Tonfall erinnern, und die geografische Erkundung Bulgariens offenbart auch unübersehbare Parallelen zu Peter Handkes "morawischer Nacht".

Das Bulgarien-Bild der Ich-Erzählerin ist nicht vorurteilsfrei. Sie scheint lediglich Dinge wahrzunehmen, die sich in ihr vorgefasstes Negativbild fügen. Einem ermordeten Mafiosi wurde ein pompöses Denkmal errichtet, das den Mann mit einem Mobiltelefon in der Hand zeigt, und der Salat schmeckte bei einem Mittagessen angeblich nach dem Parfüm der Kellnerin: "Wir haben Bulgarien schon satt, bevor wir es richtig kennen gelernt haben."

Dass sich die Schwestern in Bulgarien aufhalten, hat einen ziemlich eigennützigen Hintergrund. Alexander Tabakoff, ein ebenfalls in Stuttgart lebender Freund des Vaters, hat ihnen 70.000 Euro dafür geboten, wenn sie mithelfen, die sterblichen Überreste ihres Vaters zusammen mit den Leichnamen 18 weiterer Exil-Bulgaren nach Sofia zu überführen.

"Vaterhass und Landhass sind verquickt", erklärte die Ich-Erzählerin. Und das aus durchaus plausiblem Grund. Die Schwestern waren 11 und 13 Jahre alt, als sich der Vater, ein in Stuttgart angesehener Gynäkologe, in der Garage erhängte. Zuvor waren schon zwei Suizidversuche gescheitert. "Der Strick schleifte noch lange in unserem Gedächtnis", bekannte die Protagonistin. Ihre Familie hat den Freitod nie wirklich hinterfragt, sondern bastelte sich eine Verschwörungstheorie zusammen, nach der der bulgarische Geheimdienst den Vater in den Tod getrieben haben soll.

Das Loch, das dieser frühe Tod im familiären System aufgerissen hat, lässt sich auch im Nachhinein durch die Reise nicht wieder auffüllen. Zu zwiespältig sind die Gefühle der beiden charakterlich so unterschiedlichen Schwestern, die zwischen Hass und Gleichgültigkeit pendeln. "Nicht die Liebe vermag die Toten in Schach zu halten, denke ich, nur ein gutmütig gepflegter Haß." Das ist der finale Satz eines hybriden literarischen Konstrukts, das sich wie eine "Ästhetik des Hasses" liest.


Titelbild

Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff. Roman.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
247 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-13: 9783518420614

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