Buch-Suche
Online-Abo Newsletter RSS HauptportalBuchhandlungVerlagHilfe  
Erweiterte Suche Suche starten ?
Startseite
Inhalt 08-2010
Archiv
Abo-Service
Druckfassung
Leserbriefe
Kulturjournal
Mitarbeit/AGB
Impressum
Anmelden
Partner
Germanisten-
verzeichnis

des DAAD und DGV
 
Online-Abonnement
Infos und Bestellung
Abonnentenliste
Suche & Download
von ca. 10 000 Rezensionen
Kulturjournal
 
Portale
Hauptportal
Verlag
Hier erscheinen die gedruckten Ausgaben von literaturkritik.de, Bücher und Online-Publikationen.
Buchhandlung
Tipps, Informationen und Angebote.
Forschung & Lehre
Literaturkritik in Deutschland
Online-Lexika
zur Literaturkritik und Literaturwissenschaft
 
Neues

Neues seit 7 Tagen

Neues von uns bei:
Twitter
Facebook

Eingegangene Bücher
Kritiker-Bestenliste
Tipps der Redaktion
Veranstaltungen
Links
Newsletter bestellen
Das Kanon-Spiel

Themen

2008

Das Jahr 1968
Raum
Bilder und Metaphern
Religion
Israel
Postkolonialismus
Kafka
1968 - neue Folge
Thomas Pynchon
Erster Weltkrieg / Revolution

2009

Moderne

Charles Darwin
Robert Minder
Jürgen Habermas
Sexualität
Karl May
Die Wende 1989
Sigmund Freuds 70. Todestag
Karl May
Friedrich Schiller
Interkulturalität

2010

Gefühle I
Gefühle II
Thomas Mann und die Emotionen
Spannung
Literaturkritik - Reich-Ranicki zum 90.

Aktueller Anlass
Helene Hegemann und die Literaturkritik


Für Online-Abonnenten

Online-Bibliothek kanonischer Texte

Rezensionen finden im Internet

Online-Lexikon Literaturwissenschaft

Oliver Pfohlmanns Kleines Lexikon der Literaturkritik


Infos

Unsere Rezensenten

Recherchier- und Redigierdienst

Werbung

Wir über uns

Pressestimmen über uns

 
 literaturkritik.de » Nr. 5, Mai 2009 » Fremdsprachige Literatur
 
 ZURÜCKBLÄTTERN   VORBLÄTTERN 

"Der Westen ist jetzt im Osten."

Michal Hvoreckys Roman "Eskorta" ist ein grotesker Kommentar zu den osteuropäischen Transformationsprozessen der letzten 20 Jahre

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Michal Hvoreckys dritter Roman - sein zweiter ins Deutsche übersetzter nach "City. Der unwahrscheinlichste aller Orte" (Tropen Verlag 2006) - fängt als Familiengeschichte an und endet mit einem prophetischen Blick in die nahe Zukunft Ostmitteleuropas. Dazwischen erzählt er - temporeich, witzig und offen - die Geschichte seines seltsamen Helden Michal Kirchner, der nach dem Zusammenbruch des Kommunismus einen ganz eigenen Transformationsprozess durchmacht.

Um die Story historisch und genealogisch zu verorten, wird am Anfang weit in die Vergangenheit zurückgeblendet. Kirchners Großeltern und Eltern sind alles andere als angepasste Bürger. Die Männer schwul, die Frauen lesbisch, ist die Ehe für beide Paare nur eine Möglichkeit, dem Druck ihrer jeweiligen Umstände zu entrinnen - beim Großvater, einem bekannten Rechtsanwalt, sind es die Nazis, beim Vater, einem Soziologen, die tschechischen Kommunisten, denen Homosexualität als abartig gilt. Aus beiden Zweckverbindungen geht je ein Sohn hervor. Michals Vater wird im Konzentrationslager Theresienstadt geboren, seine beiden Eltern überleben das "Dritte Reich" trotz allem Anpassungseifer nicht. Hvoreckys Held selbst kommt 1973 in Prag zur Welt und verdankt seine Existenz der zugespitzten politischen Situation nach dem Prager Frühling, die es für seine ansonsten wenig aneinander interessierten Eltern opportun erscheinen lässt, familiäre Normalität nach außen zu kommunizieren.

Früh lernt Hvoreckys Protagonist, mit seiner Außenseiterrolle umzugehen. Da sich die Eltern aufgrund ihrer sexuellen Orientierung zur Opposition im Lande zählen - es wird sich freilich nach dem Umbruch herausstellen, dass beide lange Zeit im Sold des Geheimdienstes standen -, hat er nur wenige Schulfreunde und wird geschurigelt von Lehrern und anderen Vertretern der Obrigkeit. Allerdings fallen ihm, dem Stillen, der seine Zuflucht in der deutschen Sprache findet, die die Sprache seiner Großeltern war, bald die Widersprüche in einer Gesellschaft auf, die den Sozialismus aufbauen will mit Menschen, welche unablässig von den materiellen Segnungen des kapitalistischen Systems träumen. Wien ist nicht weit weg von Bratislava, wo die Familie lebt, bevor man in den letzten Jahren vor der Wende nach Westberlin übersiedelt. Hier freilich versteht Michal es sich einzurichten, taucht unter in der drogengesättigten Szene orientierungsloser Jugendlicher und gibt sich Endzeitfantasien hin, bis im November 1989 "etwas viel Schlimmeres" passiert.

"Eskorta" beschreibt in seinem Hauptteil, wie der Westen über den Osten kommt. Plötzlich existiert alles nebeneinander: nachholender Konsum und freie Meinungsäußerung, politische Euphorie und gnadenloser Grundstücksschacher, heruntergekommene Plattenbausiedlungen und schnell gen Himmel strebende Stahlbetonpaläste. Doch hinter der betriebsamen Oberfläche des schnell fließenden Lebens, das alle umtreibt, kristallisieren sich die neuen Besitzverhältnisse bereits heraus, entscheidet es sich von heute auf morgen, wer die zukünftigen Gewinner und die zukünftigen Verlierer sein werden. Viel Geld ist unterwegs, aber es kommt nicht bei allen an. Wo und wie sich also seinen Claim abstecken, sein Stück vom Kuchen sichern? Das ist die Frage, vor der Hvoreckys Held - wie alle seine Landsleute - steht. Er lebt inzwischen wieder allein in Bratislava, die Mutter ist tot, die Beziehung zum Vater lässt er schleifen. Aber die Stadt, ein beschauliches Nest bis 1989, in der Provinz weitab von Prag, prosperiert plötzlich, da sich die Slowakei von Tschechien löst und Bratislava Metropole wird.

Gut beobachtet ist das und fulminant nimmt Hvoreckys Text das Tempo des Umbruchs auf, wo mit etwas Glück und vielen Bekannten in der neuen Nomenklatura, die fast identisch mit der alten ist, beinahe täglich große Vermögen entstehen. Firmengründungen, Millionärsmessen, Managergattinnen, denen nichts zu teuer ist - überall werden Zeichen gesetzt, hält der Lebensstil einer Gründergeneration Einzug, die im Osten mit dem Geld spekuliert, das sie einst im Westen gemacht hat. Nun soll hier das nächste Wirtschaftswunder auf die Beine gestellt werden, doch irgendwie ahnt man bereits, dass es nicht von großer Nachhaltigkeit sein wird. Deshalb das Genießen des Moments, all die Übertreibungen des Augenblicks, der verschwenderische Luxus von Parvenüs, die nicht aufs Kleingedruckte schauen, weil sie dessen Sprache nicht verstehen.

Und Michal Kirchner ist dabei. Einem Escortservice hat er sich schließlich verschrieben. Er, der keine große Lust auf eine gutbürgerliche Karriere hatte und ein begonnenes Schauspielstudium abbrach, findet seine Bestimmung in der Begleitung von Geschäftsfrauen, die sich fern der Heimat die Abende und Nächte von gebildeten und eloquenten jungen Männern verzaubern lassen. Frauen werden zu seinem Lebensinhalt, die nicht aufs Geld schauen, wenn sie denn bekommen, was sie begehren, und die in den Jahren des Neuaufbaus im Osten in wahren Scharen ihre geschäftstüchtigen Männer begleiten. Viel Arbeit für einen Mann, der dabei tiefe Einblicke nehmen darf in eine Gesellschaft, die nicht zurück und nicht nach vorn schaut, allein dem Augenblick und der Gier lebt und all jene, die nicht schnell genug sind, um auf den anfahrenden Zug aufzuspringen, überrollt.

"Eskorta" erzählt - letztendlich ins Groteske schwenkend - von einem kurzen, trügerischen Glück. All die Scheinbeziehungen und falschen Liebesbekundungen, all das vorgespielte Interesse an täglich wechselnden Partnern können nicht verhindern, dass Michal mit der Zeit die Lust an den Damen verliert und die Damen die Lust an ihm. Ausgelaugt und ausgesaugt wie sein Land von ihren agilen Männern, wird der einst umschwärmte Star der Agentur von den Frauen schließlich links liegen gelassen. Das aber eröffnet ihm die Chance, in einem fantastischen Akt der Befreiung am Ende selbst zur Frau zu werden, um staunend zu entdecken, was wirklich wichtig ist im Leben.


Titelbild

Michal Hvorecky: Eskorta. Roman.
Übersetzt aus dem Slowakischen von Mirko Kraetsch.
Tropen Verlag, Stuttgart 2009.
250 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783608501025

Weitere Informationen zum Buch

Bestellen bei buecher.de





LESERBRIEF SCHREIBEN
DIESEN BEITRAG WEITEREMPFEHLEN
DRUCKVERSION
NEWSLETTER BESTELLEN

 ZURÜCKBLÄTTERN   VORBLÄTTERN 
 literaturkritik.de » Nr. 5, Mai 2009 » Fremdsprachige Literatur
 

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=12990

Anzeige

Letzte Änderung: 23.04.2009 - 14:37:24
Erschienen am:14.04.2009
Lesungen: 1321
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

 Seitenanfang 
+++ literaturkritik.de +++ Rezensionsforum für Literatur und Kulturwissenschaften +++
+++ Startseite | Inhalt 08-2010 | Archiv | Buch-Suche | Abo-Service | Druckfassung | Leserbriefe | RSS-Newsfeeds | Kulturjournal | Ankündigungen | Links | Mitarbeit/AGB | Werbung | Impressum +++