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 literaturkritik.de » Nr. 6, Juni 2009 » Biografisches
 
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Vom bürgerlichen Aufbruch

In seinem "Portrait einer Epoche" versucht Lothar Gall Walter Rathenau als Repräsentant und Symbolfigur zu erklären

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In seinen beeindruckenden Erinnerungen "Geschichte eines Deutschen" widmet Sebastian Haffner auch dem Politiker Walter Rathenau eine Passage. Haffner schildert, wie mit dem Auftreten Rathenaus 1921 zunächst als Wiederaufbauminister, dann als Außenminister auf einmal "Politik wieder stattfand". Rathenau, so erinnert sich Haffner, hatte eine ungeheure Wirkung auf die Zeitgenossen. Der "Persönlickeitszauber" gründete in einer komplexen Persönlichkeit, die scheinbar Unvereinbares in sich vereinte. Rathenau "war ein aristokratischer Revolutionär, ein idealistischer Wirtschaftsorganisator, als Jude deutscher Patriot, als deutscher Patriot liberaler Weltbürger, und als liberaler Weltbürger wiederum ein Chiliast und strenger Diener des Gesetzes. (also, in dem einzigen ernsthaften Sinn: Jude). Er war gebildet genug, um über Bildung, reich genug, um über Reichtum, Weltmann genug, um über die Welt erhaben zu sein."

Nun widmet sich auch der einer breiten Öffentlichkeit als Bismarck-Biograf bekannt gewordene Historiker Lothar Gall Walter Rathenau. Im Untertitel nennt Gall sein Buch "Portrait einer Epoche". Die "große Biographie", die Sebastian Haffner noch vermisste, ist dieses Buch nicht. Will es auch nicht sein. Aber was dann?

Gall möchte Rathenau "nicht nur als individuelle Persönlichkeit", sondern auch als eine "Symbolfigur und als Repräsentant der Ambivalenzen einer ganzen Auf- und Umbruchsepoche" darstellen. Gemeint sind die "rund zwanzig Jahre vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs". Gall widmet die ersten beiden seiner insgesamt vier Buchkapitel dem Bemühen, die Epoche zu beschreiben. Von Rathenau ist in diesen Passagen nur beiläufig die Rede. Im Zentrum des Aufbruchs sieht Gall ein "neues Bürgertum", das sich seit den 1860er- und 1870er-Jahren infolge der industriellen und sozialen Wandlungen zwischen dem ,altem' auf Privilegien beharrenden Bürgertum und der mit revolutionärem Potential ausgestatteten Arbeiterschaft herausgebildet hatte. In diesem etwas diffus anmutenden Dazwischen fehlt es dem "neuen Bürgertum" indes an einer eindeutigen politischen Botschaft. Weder konnte man den restaurativen Ambitionen der einen etwas abgewinnen, noch wollte man sich mit den umstürzlerischen Anliegen der anderen gemein machen.

Die politische Unbestimmtheit fand, einmal mehr, Auswege ins überhöhte Geistige. Gall erläutert dies am Beispiel der Arbeitsmoral: Obwohl auch die Angehörigen des "neuen Bürgertums", zum Beispiel die Angestellten, fremdbestimmte Arbeit zu erfüllen hatten, sahen sie doch darin keinen Grund für Aufbegehren. Im Gegenteil: über die "äußere Fremdbestimmung" stellte man "die Idee der Pflichterfüllung, den Gedanken des Einsatzes zugunsten einer übergreifenden Aufgabe". Veredelt wurde diese Variante des affirmativen Arbeitsethos durch "das Ideal des innengeleiteten Menschen, der eine ihm von außen gestellte Aufgabe mit Fleiß, unter Einsatz aller seiner Fähigkeiten und mit Hingabe an die Sache bewältigt."

Wo bleibt dann aber das Auf- und Umbruchpotential dieses Milieus? Gall ortet es im kulturellen Bereich. Mit spürbarer Lust beschreibt er all die ,neuen' Tendenzen in der Kunst, der Literatur, der Malerei, der Architektur, der Pädagogik, der Lebensreformbewegung, welche ein neues Zeitalter einzuleiten trachteten. Dabei differenziert er wenig die tatsächliche Bedeutung der reformerischen Ansätze in Kunst und Kultur. Indem er beispielsweise die elitär-esoterische Lichtmythologie des Malers "Fidus" wie selbstverständlich neben die architektonischen Reformanstrengungen eines Peter Behrens oder Heinrich Tessenows stellt, oder die Volksbildungsidee im Zuge der Lebensreform- und der Jugendbewegung vereinnahmt, entsteht der Eindruck einer Ganzheitlichkeit, in der Ursprung und Wirkung all dieser Teilbereiche der Kultur sich angleichen.

In einer Hinsicht trifft diese ansonsten kritisch zu betrachtende, alles vereinnahmende Darstellung des reformermischen Aufbruchs doch einen wichtigen Aspekt, wenn es nun endlich wieder um Walter Rathenau geht. Denn der 1867 geborene Sohn des AEG-Gründers Emil Rathenau war eng verbunden mit diesem Aufbruch. Nicht nur kannte er viele der Protagonisten aus Kunst und Kultur, er selbst engagierte sich als Industrieller, Bankier und kulturpolitischer Publizist im Sinne der reformerischen Anliegen. Mit dem Fundus einer umfangreichen Bildung vermochte Rathenau auf hohem Niveau dem "bürgerlichen Aufbruch" Impulse zu geben. Rathenau ,repräsentierte' den Gestus dieser Aufbruchbewegung: ließ auf der einen Seite schon die Vielfalt seiner Interessen und Aktivitäten das bürgerliche Ideal eines ,Gesamtkunstwerks' erkennen, erwies sich auf der anderen Seite ganz im Sinne des neubürgerlichen Ethos in der Praxis, vor allem in der politischen Praxis, Rathenau als kompetenter Aufgabenerfüller. Er machte effektive Politik, wie Haffner anerkannte.

Doch hier ließ ihn das neue Bürgertum, als dessen Repräsentant ihn Gall verstehen will, im Stich. Denn die praktische Politik Rathenaus fand keinen Halt im politikfernen verinnerlichten Idealismus der Unverbindlichkeit des neuen Bürgertums. Ihm fehlte eine politische Haltung, und so verfiel es schließlich denjenigen, die ihm diese aufzwangen. Die Ermordung Walter Rathenaus dokumentiert so besonders drastisch das Scheitern des neuen Bürgertums als politische Kraft. Kein Wunder war es dann auch - wovon in Galls Buch indes keine Rede mehr ist - dass viele der kulturellen Reformansätze sowie ihrer Vertreter sich schließlich auch widerstandslos vom Nationalsozialismus vereinnahmen ließen.

Galls Ansatz führt an diesem Punkt zu keinem befriedigendem Ergebnis. Zwar erläutert er Rathenaus Eingebundenheit in den spezifischen bürgerlichen Kosmos des ausgehenden 19. Jahrhunderts, findet aber in der Konstruktion der Repräsentanz und Symbolfigur keine hinreichende Erklärung für die Einzigartigkeit Rathenaus, so wie sie beispielsweise Haffner andeutete. Dazu wäre dann doch die "große Biographie" vonnöten, die zu klären hätte, was Gall nur andeutet, dass Rathenau in seiner beeindruckenden Persönlichkeit immer auch ein Außenseiter war. War er, wie Zeitgenossen boshaft anmerkten, der auf vielen Gebieten engagierte Amateur und Dilettant? Oder schöpfte er Kraft aus diesem Außenseitertum? Auch ein wenig Psychologie wird wohl vonnöten sein zum Verständnis der Persönlichkeit Rathenaus. Wie etwa ist sein Verhältnis zum Vater einzuordnen, an dessen Nachfolge er scheiterte? Kurzum, der "Persönlichkleitszauber" Walter Rathenaus bleibt noch zu erkunden.


Titelbild

Lothar Gall: Walther Rathenau. Portrait einer Epoche.
Verlag C. H. Beck, München 2009.
300 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-13: 9783406576287

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Letzte Änderung: 18.05.2009 - 13:08:29
Erschienen am:29.04.2009
Lesungen: 1371
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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