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 literaturkritik.de » Nr. 6, Juni 2009 » Schwerpunkt II: Sexualität » Besprechungen
 
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Geistreiche Andeutungen

„Im Zeichen der köstlichen Vier“ entziffert Eberhard Lippert-Adelberger sexuelle Symbolik im Werk von Johann Wolfgang von Goethe

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die „köstliche Vier“, die im Mittelpunkt der fünf im vorliegenden Band versammelten Aufsätze steht, taucht in Goethes 15. Römischen Elegie auf: In einer Osteria bahnt sich eine Tändelei an, in deren Verlauf die auserwählte Schöne versehentlich ein Glas Wein umstößt. „Wein floß über den Tisch, und sie, mit zierlichem Finger, / Zog auf dem hölzernen Blatt Kreise der Feuchtigkeit hin. / Meinen Namen verschlang sie dem ihrigen; immer begierig / Schaut‘ ich dem Fingerchen nach, und sie bemerkte mich wohl. / Endlich zog sie behende das Zeichen der römischen Fünfe / Und ein Strichlein davor. Schnell, und sobald ich’s gesehn, / Schlang sie Kreise durch Kreise, die Lettern und Ziffern zu löschen; / Aber die köstliche V i e r blieb mir ins Auge geprägt.“ Der Verehrer „biß die glühende Lippe, / Halb aus Schalkheit und Lust, halb aus Begierde“ sich wund. „Erst noch so lange bis Nacht! Dann noch vier Stunden zu warten!“

Kundig und belesen erläutert nun Eberhard Lippert-Adelberger, was wir uns schon gedacht haben, ohne es belegen zu können: die aufreizend feuchte Tischzeichnung bedeutet mehr als nur eine Verabredung zu einer bestimmten Uhrzeit. Es ist purer Sex! Es geht also bei der „köstlichen Vier“ nicht nur um das Wann, sondern auch um das Was. Allerdings, es wäre nicht Goethe, in fein versteckter Form. Der Dichter vermeidet die ,plumpe Anmache‘, sondern pflegt die hohe Kunst der Andeutung. Nimmt dabei wohlweislich in Kauf, dass die erotisch-sexuellen Spuren in seiner Dichtkunst womöglich übersehen werden – zumindest von denjenigen, die nicht über den seit der Antike gepflegten Fundus der versteckten Andeutung verfügen. Und das trifft auf uns heute zu. Wir bedürfen der fachkundigen Anleitung zur Entzifferung der pikant amourösen Zeichen auf dem Tisch.

Lippert-Adelberger fügt im ersten der hier versammelten Aufsätze eine Fülle von Indizien zum Nachweis des „Was“ an. Die „sexuelle Komponente“ bestimmt bereits die Zeichnung mit „zierlichem Finger“, der „Kreise der Feuchtigkeit“ zeichnet. „Seit alters gilt der Finger in der Gebärdensprache als Phallussymbol“. Und auch der Kreis oder der Ring waren seit der Antike als Zeichen der Vagina bekannt. Aber auch das „Zeichen der römischen Fünfe“ und „das Strichlein“ davor bergen symbolhafte Botschaften. Lippert-Adelberger erläutert die sexuellen Potentiale einer seit der Antike gepflegten Buchstabensymbolik, deren Eindeutigkeit verblüffend ist. Seien es die griechischen oder die lateinischen Buchstaben – mit konzentrierter Phantasie entstand eine ebenso komplexe wie feinsinnige sexuelle Symbolik. Auch wenn nicht in jedem Fall nachgewiesen werden kann, dass Goethe alle diese Traditionen kannte, seine „poetische Phantasie“ tat ein Übriges: wie der Buchstabe V (die römische Fünf) zu ,interpretieren‘ war, konnte kaum schwer fallen und das dazugehörige „Strichlein“ war auch flugs passend einzuordnen.

Auch die vier nachfolgenden Aufsätze des kleinen Bändchens widmen sich verborgenen sexuellen Anspielungen und Symbolen in Goethes Werken. In dem Aufsatz „Die Figur des Tabulettkrämers in den Wanderjahren“ erkundet der Autor des „Boten geheimnisvolle Figur“, welche im 10. Kapitel des zweiten Buchs von „Wilhelm Meisters Wanderjahre oder die Entsagenden“ in einem Brief Hersilies an Wilhelm auftaucht. Das „launig-wunderliche“ Mädchen berichtet von einem „Abenteuer“, ausgelöst durch einen Tabulettkrämer, der ihr eine Botschaft auszurichten vorgibt. Es zeigt sich nun, dass der verwirrend abenteuerlich-geheimnisvolle Reiz des Jünglings entscheidend damit zu tun hat, dass er als Götterbote Merkur „in der Rolle des Gehilfen in eroticis“ unterwegs ist. Durch Lippert-Adelsbergers Hinweise schauen wir nun etwas wissender auf diese kunstvoll gestaltete Figur.

Ein konkretes Problem untersucht der Aufsatz “,Mentula käme von Mens‘ oder Goethe als geistreicher Etymologe in einem nachgelassenen Venezianischen Epigramm„: „Gib mir statt: der Schwanz ein ander Wort / o Priapus.“ Denn: „[…] der Schwanz ist etwas von hinten / Und nach hinten war mir niemals ein froher Genuß“. Wie vom „Was“ reden, wenn es an passenden Wörtern mangelt? In Goethes Bekanntenkreis befand sich kein Experte auf diesem Gebiet, wie ihn „das Fräulein“ in Jean Claude Carrières erotischem Sprachführer „Mit anderen Worten“ fand. Goethe aber fand andere Wege: Man verfolgt amüsiert und interessiert Lippert-Adelbergers kenntnisreicher Darlegung der wieder auf einen entsprechenden antiken Fundus zurückgreifenden ,geistreichen‘ Bemühungen Goethes, „dem Sindtenglied die gebührende Ehre“ zu geben.

Amüsant ist auch der Aufsatz „Warum aus Mücken Flöhe wurden. Hintergründiges zum Anfang der fünzehnten Römischen Elegie“. Wieder skizziert Lippert-Adelsberger die literarischen Traditionen, die hilfreich sind, um Goethes Andeutungen zu ,verstehen‘. Zum Beispiel die Geschichte „Der Floh“ von Jean Baptiste Grécourt. Um eine widerspenstige Schöne zu erobern, verwandelt Amor sich selbst in einen Floh. Als solcher begibt er sich auf die „Reise“ über den Körper der Schönen. Die Gepeinigte wirft sich die Kleider vom Leib, um den Floh zu fassen. Umsonst, der ist längst angekommen, wo er hin wollte. Mit dem „Fingerchen“ verfolgt sie nun den Floh, treibt „den armen Schelm gewaltig in die Enge“. Wozu das führt? Der Floh entkommt, aber der „rächerische Finger“ verschafft „das schlummernde Gefühl / Der Wollust“. Wohl getan!

Titelbild

Eberhard Lippert-Adelberger: Im Zeichen der köstlichen Vier. Studien zum Liebes- und Sexualitätsdiskurs bei Goethe.
TROLL Band 11.
Wehrhahn Verlag, Laatzen 2008.
95 Seiten, 16,00 EUR.
ISBN-13: 9783865250902

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Letzte Änderung: 16.06.2009 - 00:21:00
Erschienen am:25.05.2009
Lesungen: 1880
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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