In den Garten der Erinnerung

Ein Sammelband über Westfalen-Pop und die Hamburger Schule zwischen Literaturwissenschaft und Regionalgeschichte

Von Olaf GrabienskiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Olaf Grabienski

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Für Frank Spilker (Die Sterne), für Bernd Begemann, Bernadette La Hengst und andere Vertreter metropolitanen Diskurs-Pops muss die Idee befremdlich gewesen sein. Im Museum für westfälische Literatur sollte „aus regionaler Perspektive […] ein spannendes Kapitel der Pop-Geschichte“ nachgezeichnet werden: ihre Geschichte. Dabei konnten sie sich noch nicht einmal im sprichwörtlichen Grab herumdrehen, und genau das war ja der Haken: Künstlerisch alles andere als tot, sollten sie bereits im Museum landen. Mitgemacht haben sie dann doch – mit Ausnahme von Jochen Distelmeyer (Blumfeld) –, und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Im Museum ging das zwar nur für begrenzte Zeit, aber für dauerhaftere Zwecke gibt es den Begleitband zur Ausstellung, „Stadt.Land.Pop“.

Worum geht es? „Zahlreiche Bands, die mit ihrer Musik und ihren deutschsprachigen Texten Pop-Geschichte geschrieben haben, stammen aus Westfalen“, schreiben die Herausgeber des Sammelbands. Das klingt nicht sehr spannend, doch in Wirklichkeit geht es darum, dass die halbe Hamburger Schule aus Bad Salzuflen und dem benachbarten Bielefeld-Brake kommt. Auch das ist keine Sensation, aber doch erstaunlich genug.

Mit diesem Kuriosum beschäftigt sich beispielsweise Eckhard Schumacher, der die Bands des Bad Salzufler Kassettenlabels „Fast Weltweit“ als DJ und Besucher des „Forum Enger“ kennengelernt hat. In dem Städtchen Enger traf sich damals der internationale Underground-Pop, und im Vergleich dazu klangen die „Fast Weltweit“-Bands für Schumacher nicht sehr zeitgemäß: „Nicht völlig falsch“, aber der „zu viel wollende“ Gitarrenpop mit deutschen Texten habe es einem auch nicht gerade leicht gemacht. Kurzum: Liebenswert, aber zu Ostwestfalen-Zeiten nicht annähernd so überzeugend wie später in Hamburg mit Bands wie Blumfeld, Die Braut haut ins Auge oder Die Sterne.

Dass mit Schumacher ein Literaturwissenschaftler aus seiner Jugend erzählt, passt insofern zum Konzept von „Stadt.Land.Pop“, als in dessen Rahmen ausdrücklich ein „Link zwischen Lyrik und lyrics“ hergestellt werden soll. Die Aufgabe, diese Verknüpfung mit Leben zu füllen, kommt neben Schumacher in erster Linie dem Hamburger Musiker und Literaturwissenschaftler Till Huber sowie den Mitherausgebern der Publikation, Jochen Grywatsch, Walter Gödden und Moritz Baßler zu.

Baßler hat sich in den letzten Jahren für die literaturwissenschaftliche respektive germanistische Betrachtung deutschsprachiger Popmusik stark gemacht, die – im Gegensatz zu soziologischen und (pop-)journalistischen Zugängen – seit den 1970er-Jahren leider kaum aus den Startlöchern gekommen ist. In seinem Beitrag „Bad Salzuflen, weltweit“ zeigt Baßler an den Songtexten von Bernd Begemann und Jochen Distelmeyer, dass die bereits von Schumacher wahrgenommene Provinzialität der „Fast Weltweit“-Künstler auch in Hamburg noch nachwirkt, ja nachwirken sollte und stilprägend gewesen sei: Pop im Deutschland der Hamburger Schule sei im Grunde nur dann erträglich, wenn die eigene Provinzialität und Lächerlichkeit reflektiert werde. Die These erinnert an ein anderes Diktum des Autors, und zwar das vom angloamerikanischen Paradigma deutschsprachiger Popmusik.

Eine sehr spezifische Bedeutung des angloamerikanischen Einflusses für Ostwestfalen nennt Frank Spilker in seinem Beitrag „Fast Was? Zwischen Elternhaus und Metropole“ in Bezug auf frühen Punk und New Wave: „Das war die Musik, die auch bei John Peel gespielt wurde. Und das war wichtig.“ Gemeint ist die vom British Forces Broadcasting Service ausgestrahlte Radiosendung „John Peel’s Music“, deren „extreme und dabei hochqualitative Musik“ (Wikipedia) noch im letzten Zipfel Ostwestfalens zu empfangen war. Natürlich hatte dieser Vorzug gegenüber anderen Provinzgegenden Deutschlands auch eine Kehrseite: Nirgends sonst als in Bad Salzuflen, Herford, Bielefeld und Detmold – und das folgende kann der Autor dieser Rezension anhand eines gebrochenen Nasenbeins bezeugen – war die Wahrscheinlichkeit so hoch, als Jugendlicher nachts von britischen Soldaten verprügelt zu werden.

Anlässlich dieser Äußerung des „Fast Weltweit“-Gründers Frank Werner sei auf die dem „Stadt.Land.Pop“-Band beiliegende DVD hingewiesen, die von einem Popliteratur-Seminar der Universität Paderborn beigesteuert wurde. Der interessanteste Video-Beitrag besteht aus einem Gespräch mit dem in der Provinz gebliebenen Werner sowie dem dorthin zurückgekehrten Autor Michael Girke. Wesentlich deutlicher als etwa Frank Spilker betonen Werner und Girke die Punk-Wurzeln der frühen Ostwestfalen-Szene. Ein Höhepunkt ist die Rezitation des Abwärts-Stücks „Maschinenland“ durch Michael Girke.

Doch zurück zum Begleitband selbst (in dem Girke übrigens mit einem erstaunlich undokumentarischen Erinnerungsversuch an das 1980er-Popjahrzehnt ebenfalls vertreten ist) und zu dessen literaturwissenschaftlichem Schwerpunkt: Auf Grundlage eines weiten Textbegriffs arbeitet Till Huber eine als „kapitalistischer Realismus“ bezeichnete Ästhetik der Sterne heraus. Begrifflich rekurriert Huber nicht auf die von Gerhard Richter und anderen geprägte Kunstrichtung, er entwickelt vielmehr die These, Die Sterne durchbrächen die (Künstlichkeit betonende) Popästhetik durch „realistische Darstellungsmodi“, die als Mittel der Auseinandersetzung mit einer als kapitalistisch beschriebenen Wirklichkeit benutzt werden. Dabei erweist sich Hubers in den Literaturwissenschaften noch zu etablierender Primärtextbegriff, der (frei nach Baßler) nicht von den lyrics, sondern von der auf Tonträger vorliegenden Aufnahme eines Stücks ausgeht, als durchaus produktiv. So charakterisiert Huber einen Musikstil wie den Funk überzeugenderweise als bedeutungstragendes Zeichen, wenn er ihm als Gegenpol zu den abstrakten lyrics des Sängers Frank Spilker die Funktion eines popkompatiblen „Simplizitäts-Faktors“ zuweist.

Nicht in allen Beiträgen des Begleitbands gelingt die Anwendung wissenschaftlicher Ansätze auf den Pop-Gegenstand gleichermaßen. So bleibt Jochen Grywatschs topografische Spurensuche des „Pop out of Westphalia“ hinter seinen bemerkenswerten Überlegungen zur kulturwissenschaftlichen Raum-Diskussion zurück, in denen es heißt, dass die grenzübergreifende, allgegenwärtige Popkultur von heute „eine spezifische Raumorientierung nicht ausgeprägt“ hat. Wenn vor diesem Hintergrund eine aktuelle Landkarte des Westfalen-Pops entworfen werden soll, ist das Scheitern des Vorhabens bereits angelegt, und zwar erst recht, wenn außer dem Ostwestfalen-Pop mit den Erdmöbeln noch eine aus dem Münsterland stammende Formation ‚verortet‘ werden soll.

Hier zeigt sich, dass das regionalistische Auswahlkriterium ‚westfälische Provinz‘ ein recht prekäres ist: Was die Kohärenz angeht, hätte es sowohl der topografischen Spurensuche als auch der gesamten Publikation gut getan, wenn die Erdmöbel draußen geblieben wären. Pragmatisch betrachtet hat der regionalgeschichtliche Ansatz jedoch eine interessante Pop-Ausstellung auf dem platten Land ermöglicht, aus der mit „Stadt.Land.Pop“ eine auch für kultur- und literaturwissenschaftliche Interessierte lohnende Publikation hervorgegangen ist, die gemessen an der Ausstattung zudem erfreulich kostengünstig erworben werden kann.

Titelbild

Moritz Baßler / Walter Gödden / Jochen Grywatsch / Christina Riesenweber (Hg.): Stadt.Land.Pop. Popmusik zwischen westfälischer Provinz und Hamburger Schule.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2008.
255 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-13: 9783895287084

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