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 literaturkritik.de » Nr. 8, August 2009 » Fremdsprachige Literatur
 
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Eigeninitiative gefragt

Neue isländische Literatur über die Widrigkeiten der Welt und das Recht des Einzelnen auf etwas Glück: Bragi Ólafssons Roman „Der Botschafter“

Von Barbara Tumfart

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der isländische Autor Bragi Ólafsson, 1962 in Reykjavik geboren, ist Verfasser zahlreicher Romane, Theaterstücke und Gedichte. Auf Deutsch liegt bislang allerdings nur „Haustiere“ (2005) vor. Der S. Fischer Verlag veröffentlicht nun in einer ausgesprochen ansprechenden und stimmigen deutschen Übersetzung von Tina Flecken seinen aktuellen Roman „Der Botschafter“, in dem Ólafsson sich mit der magischen Welt des Dichtens, den Zwängen der Gesellschaft und dem Hang zum Kriminellen in jedem Menschen auf höchst unterhaltsame Weise beschäftigt.

Der Protagonist des Buches, der isländische Dichter Sturla Jón, geschieden und Vater von fünf Kindern, wird als einziger Vertreter seines Landes zu einem Lyrikfestival nach Litauen eingeladen. So reist er denn als „Botschafter“ Islands nach Vilnius, um in der Fremde zahlreiche, mitunter haarsträubende Erfahrungen zu machen. Fern der Heimat wird er in Island durch den Journalisten einer populären Zeitung des Plagiats bezichtigt. Er soll die vor Jahren von seinem Cousin verfassten Gedichte, die ihm nach dessen Freitod zufielen, in nur unmerklich veränderter neuer Form publiziert haben. Auf seinen Streifzügen durch Vilnius wird ihm zudem sein neuer, sehr teurer Mantel aus der Garderobe eines Restaurants entwendet. Sturla, irritiert durch den Plagiatsvorwurf und den Diebstahl entdeckt eigene kriminelle Energien und stiehlt seinerseits den vergleichbaren Mantel eines reichen Amerikaners, der, wie sich später herausstellt, dummerweise ein wichtiger potenter Sponsor des Lyrikfestivals ist. Schließlich wird Sturla des Diebstahls durch den Veranstaltungsleiter bezichtigt, bestreitet aber standhaft alle Vorwürfe und flieht letztendlich aus der Gesellschaft der Lyriker. Alles in allem eine höchst skurrile Geschichte rund um einen ziemlich komplizierten introvertierten Zeitgenossen und Dichter. Rettung naht in der Person der weißrussischen Lyrikerin Liliya, die es durch ihre liebevolle Hartnäckigkeit schafft, den Isländer aus seiner Lethargie herauszureißen und ihn zu neuen Aktivitäten anzuregen.

„Der Botschafter“ ist kein Roman mit großartigen Handlungselementen oder spannenden Knalleffekten, aber ein vielschichtiges interessantes Buch in leisen Tönen und verhaltener Sprache über die Kraft der Phantasie und die ständigen Überraschungen im menschlichen Leben, denen der Einzelne mit einer guten Portion Humor und Gelassenheit begegnen sollte. Letztendlich bekräftigt Ólafsson mit Hilfe der überaus liebenswerten schrulligen Figur des isländischen Dichters Sturla die Möglichkeit des Einzelnen auf sein ganz privates Glück, wenn er nur genügend Eigeninitiative zeigt und den Widrigkeiten der Außenwelt erfolgreich und standhaft trotzt.

Titelbild

Bragi Olafsson: Der Botschafter. Roman.
Übersetzt aus dem Isländischen von Tina Flecken.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
365 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783100552143

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Letzte Änderung: 09.07.2009 - 16:15:15
Erschienen am:13.07.2009
Lesungen: 2285
© bei der Autorin und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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