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Zur Abwechslung mal interessant reisen

Christoph D. Brumme über eine Fahrradtour von Berlin an die Wolga und zurück

Von Thomas NeumannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Neumann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das dem Buch zugrunde liegende „Projekt“ ist mit wenigen Worten skizziert: In Berlin setzt sich der Autor auf ein Fahrrad, fährt damit bis an die Wolga, dreht um und fährt wieder nach Berlin zurück. So weit so gut. Was kann daran so interessant sein, dass es auf zweihundertfünfzig Seiten ausgebreitet werden müsste?

Zuerst sind da einmal die Informationen, die Christoph D. Brumme auf seiner Fahrt in ein für den Westeuropäer unbekanntes Land vermittelt. Es beginnt bei alltäglichen Kleinigkeiten und führt bis zu welterklärenden Weisheiten: „Uljanowsk, Lenins Geburtsstadt? Heißes Pflaster. Die Mordrate dürfte hoch sein. Vor Fahrten mit den Schwarztaxis wird gewarnt. Über das Plateau, mit dem eigentlich bezaubernden Blick auf die Wolga, zieht der Wind so heftig, dass man sich dort meistens gar nicht aufhalten kann, sonst wird man weggeweht. Aber in den Straßen hinter der Medizinischen Universität gibt es freundliche Plätze. Die passende Stadt für einen Kriminalroman. / Saratov ist gewöhnliches Russland und deshalb so schön.“

Dabei wird in den kleinen literarischen Bildern, die Brumme zeichnet, der Unterschied zur bundesrepublikanischen Gegenwart deutlich: „Ich verstehe die Russen immer besser, welche sagen: Wir leben im freieren Land, wir können überall ein Feuer machen und Schaschlik braten. Die Natur gehört uns, das ist Haltung. In Berlin-Wandlitz hat ein ‚pfiffiger Typ‘ den See gekauft, nun müssen die Anwohner dafür zahlen, dass sie ins Wasser springen dürfen.“

Brumme hört auf die Menschen. Sie sind es denn auch, die er seine Befürchtungen artikulieren lässt. Es sind die Bedenken der Anderen, die ihn vom Beginn seiner Reise begleiten: es sei gefährlich, diese weite Strecke zu fahren. Dabei werden ihn diese Befürchtungen die ganze Zeit begleiten: Denn gefährlich ist es immer dort, wo man sich nicht auskennt, wo das Fremde wohnt – also weit entfernt. Wenn man allerdings dort ankommt, ist es nicht mehr gefährlich. Fast wie der Scheinriese Herr Tur Tur, dem Jim Knopf und Lukas auf ihrer Reise in der Wüste begegnen: Die Angst wird immer größer, je weiter das Objekt der Furcht entfernt ist. Weniger überraschend ist es dann auch, dass die Reisebeschreibung zu einer der friedlichsten ihres Genres gehört. Dabei sollte man dies aber keinesfalls mit „weniger unterhaltsam“ verwechseln. Ganz im Gegenteil: Brummes Reisebericht ist sprachlich brillant und man merkt ihm nicht die Mühe an, die der Autor auf die Feinheiten seines Stils verwendet hat. Die treffenden, kurzen Formulierungen, die Vermischung von Reiseerlebnis, kommentierendem Metatext und literaturhistorischen Exkursen lassen den Fahrradfahrer Brumme eine ganz eigene Sicht auf die Menschen finden, die ihm auf seiner Reise begegnen. Dabei kann man kaum eines der Treffen explizit herausheben, reihen sie sich doch in eine kurzweilig zu lesende Reihe von Erlebnissen ein, die dem Leser einen Vorschein eines sinnerfüllten und glücklichen Lebens zeigen – oder auch auf das glückliche Ereignis, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein – wie immer dies der Autor auf einem einfach Ausflug auf dem Fahrrad geschafft haben mag. Dieses Erlebnis mit dem Autor zu teilen, darauf sollte kein Leser verzichten.

Titelbild

Christoph D. Brumme: Auf einem blauen Elefanten. 8353 Kilometer mit dem Fahrrad von Berlin an die Wolga und zurück.
Dittrich Verlag, Berlin 2009.
250 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-13: 9783937717326

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Letzte Änderung: 26.08.2009 - 11:29:48
Erschienen am:24.08.2009
Lesungen: 1004
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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