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 literaturkritik.de » Nr. 9, September 2009 » Politik und Geschichte » Weitere Besprechungen
 
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Weder Idealist noch engagierter Arzt

Am Beispiel von „Hitlers Arzt Karl Brandt“ veranschaulicht Ulf Schmidt, wie die Medizin sich in die Verbrechen des „Dritten Reichs“ verwickeln ließ

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Medizin und Macht im Dritten Reich“ nennt Ulf Schmidt seine umfangreiche Abhandlung über „Hitlers Arzt Karl Brandt“ im Untertitel. Die Studie will über das Biografische hinaus am Beispiel Karl Brandts die Verstrickung der Medizin im verbrecherischen Nazi-Regime betrachten und erläutern. Die Art und Weise wie Brandt, „eine der mächtigsten Figuren im Gesundheitswesen des Dritten Reichs“, seinen Einfluss auf das gesamte Gesundheitswesen in Nazideutschland zu nutzen wusste, soll zudem markante Hinweise auf das Funktionieren des nationalsozialistischen Herrschaftssystems geben.

Der 1904 geborene Karl Brandt gehörte, so bemerkt der Autor, einer entwurzelten Generation an. Gemeint sind hier die durch wirtschaftlichen Krisen der Nachkriegszeit bedingten Unbeständigkeiten, denen auch die Brandt-Familie nach 1918 ausgesetzt war. Die Umstände verstärken auch bei dem jungen Brandt ein überhöhtes Nationalbewusstsein, das während seiner Studienjahre Anfang der 1920er-Jahre weitere Nahrung erhält. Der „Idealist“ und „engagierte Arzt“, als welcher Brandt sich selbst immer wieder stilisierte, fand ein frühes Vorbild in Albert Schweitzer. „Aus einem fast naiven Gefühl der Barmherzigkeit heraus wollte Brandt zum ‚Helfer‘ eines Mannes werden, der eine Mission hatte.“ Schmidt kann nicht mit Gewissheit sagen, dass Brandt zwischen 1927 und 1932 tatsächlich Kontakt zu dem charismatischen Arzt aufnahm, plausibel erscheint aber das Motiv, des nach einer „starken Persönlichkeit, der er mit äußerster Gehorsamkeit und Loyalität folgen wollte“, suchenden jungen Mannes.

Wie für so viele andere seiner Generation fand auch Brandt schließlich in der „quasi-religiösen politischen Bewegung“ des Nationalsozialismus seine ‚Mission‘. Und seit 1934, als er Hitlers Begleitarzt wurde, hatte er auch seine charismatische Vaterfigur gefunden. Karl Brandt gehörte von nun an zu Hitlers engster Umgebung. Ein beträchtlicher ‚Vorteil‘ für den ehrgeizigen Arzt, wie Schmidt anlässlich des Systems konkurrierenden Instanzen und Personen im nationalsozialistischen Machtgefüge darlegt. Brandt hatte jederzeit Zugang zu Hitler. Das verschaffte ihm Einfluss, den er gegen ‚Konkurrenten‘ wie den „Reichsgesundheitsführer“ im Reichsministerium des Inneren und „Hauptdienstleiter“ der NSDAP für den Bereich Volksgesundheit Leonardo Conti zum eigenen Vorteil zu nutzen wusste.

Anschaulich beschreibt Schmidt, wie Brandt im Umfeld Hitlers das „Prinzip der ‚distanzierten Führung‘“, ein „Konglomerat“ des von Max Weber beschriebenen Konzeptes der „charismatischen Führung“ von oben und dem von unten drängenden Phänomen, „dem Führer entgegenzuarbeiten“, für sich selbst abwandelte. Sich auf die unmittelbaren Ermächtigungen Hitlers zum Generalkommissar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen verlassend, vermied Brandt selbst klare schriftliche Anweisungen. In der „Kommunikationskultur auf der höchsten Führungsebene des Regimes“ konnte er indes immer davon ausgehen, dass „seine Botschaften“ verstanden und umgesetzt wurden. So „schufen sich Brandt und die anderen eine imaginäre Welt, in der ihre Weisungen und Direktiven scheinbar nicht existierten, während ihr Gewissen von moralischer Korrumpierung unberührt blieb.“

Dies ist ein plausibler Erklärungsansatz zum Verständnis der verbrecherischen Handlungen, derer sich Karl Brandt vor allem im Zusammenhang mit der „Aktion T4“ schuldig machte. Unter dem beschönigenden Begriff der Euthanasie wurden in der „Aktion T4“ Psychiatriepatienten und behinderte Menschen ermordet. Gemeinsam mit dem Leiter der Kanzlei des Führers Philipp Bouhler leitete Karl Brandt die Aktion. Die entsprechende Ermächtigung Hitlers ist im Übrigen „einer der seltenen Fälle, in denen er einen Befehl schwarz auf weiß festlegte, der ihn persönlich mit einem der größten Verbrechen des Regimes in Zusammenhang bringt.“

Brandt aber sah sich auch im Kontext dieser Mordaktion als „ambitionierter Idealist“. In der pervertierten Humanitätsvorstellung des Arztes ‚erlöse‘ er die ‚Schwachen, Gebrechlichen und unheilbar Kranken‘. Wichtiger aber noch als dieser ‚Dienst‘ am Kranken war der ‚Dienst‘ an der Gemeinschaft. Nicht nur sollte so der „Volkskörper“ von kranken Bestandteilen gesäubert werden, sondern darüber hinaus nahm man „den Ärzten und der Gesellschaft eine finanzielle, emotionale, ja sogar ästhetische Bürde ab“.

Als Karl Brandt nach dem Krieg im Nürnberger Ärzteprozess sich seiner Verantwortung stellen musste, berief er sich auf seine idealistischen Motive. Schmidt analysiert erhellend die in der Haft verfassten Tagebucheintragungen des Angeklagten. Brandt folgte einem Konzept „des „plausiblen Dementis“. Das basierte zunächst auf der Hoffnung, die Anklage würde wenig Beweise für direkte Verantwortlichkeiten finden. Zudem eröffnete das Konzept „Brandt die Möglichkeit, ehrlich an seine Unschuld zu glauben“. Vor dem Tribunal half ihm das nicht. Brandt wurde zum Tode verurteilt und am 2. Juni 1948 hingerichtet.

Schmidt zeigt aber auf, dass das Selbstbild Brandts auf die Zeitgenossen durchaus Eindruck machte. Brandt galt als „anständiger Nazi“, als „Idealist“ und „engagierter Arzt“. In diesen Typologien ließ sich in der Nachkriegsrepublik so manche Schuld verdrängen. Es ist auch ein Verdienst der detailreichen, dabei immer gut lesbaren Studie Schmidts über derartige falsche Idealisierungen aufzuklären und Karl Brandt als das darzustellen, was er war: ein Hauptverantwortlicher für die Verbrechen des Naziregimes.

Titelbild

Ulf Schmidt: Hitlers Arzt Karl Brandt. Medizin und Macht im Dritten Reich.
Übersetzt aus dem Englischen von Helmut Ettinger.
Aufbau Verlag, Berlin 2008.
750 Seiten, 29,95 EUR.
ISBN-13: 9783351026714

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Letzte Änderung: 24.09.2009 - 13:38:48
Erschienen am:24.08.2009
Lesungen: 1263
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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