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Begeisterung für Frauen und Wein

Gedichte des Klassikers Li Tai-bo, leider nicht neu übersetzt

Von Georg PatzerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Georg Patzer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Einsames Zechen: Ich trinke dem Schattenbild zu, / Während der Hain meine müßigen Lieder vernimmt. / Was wisst ihr langen Kiefern schon von mir? / Für wen ist eure rauschende Klage bestimmt?“ Ein Weinliebhaber war er, genauer gesagt: ein Säufer, ein Rauschanbeter. „Am neunten Tag: auf dem Drachenberg saß ich beim Wein. / Die gelben Blumen verlachten mich, der ich vertrieben. / Dem Trunkenen blies der Wind die Mütze vom Kopf; / Schmeichelnd umtanzt er den Mond, der allein ihm geblieben.“ Und elegisch gestimmt scheint Li Tai-bo gewesen zu sein, besingt gern und oft den Herbst, auch den Herbst des Lebens mit dem weißen Haar, das er trägt. Die Abschiede, auch die eigenen, wenn er den „Fünf-Greise-Gipfel im Lu-Schan“ betrachtet: „Hier will ich bleiben und nisten, / den Wolken, den Kiefern inmitten.“

Aber Li Tai-bo war nicht nur ein Privatmensch, sondern auch ein politischer Beobachter. Das „Fünf-Greise“-Gedicht bezieht sich nämlich auch auf seinen Rückzug ins unzugängliche Gebirge, nachdem An Lu-Schans Rebellion, in die Li verwickelt gewesen ist, gescheitert war. Und einige seiner Elegien schrieb Li in der tiefsten Provinz während der Verbannung: Es sind Abschiedsgedichte von der Zivilisation, von Freunden und Familie.

In China ist er längst ein Klassiker: Sein spontaner Individualismus, seine Gefühlsbetontheit, seine Begeisterung für Frauen und Wein werden ebenso gerühmt wie getadelt, sein Genie, das sich vor allem in Vierzeilern mit wenigen Zeichen äußerte, ist aber unbestritten. Und da erwartet man doch, dass es mehrere Ausgaben auch auf Deutsch gibt. Weit gefehlt: Eine einzige über 300 Euro teure uralte Übertragung ist lieferbar – und jetzt eine neue. Schön wäre es aber gewesen, man hätte Li Tai-bos Gedichte auch gleich neu übersetzt, denn die vorliegende, ausführlich kommentierte Ausgabe ist von 1962, und in diesen 47 Jahren hat sich die Sprache erheblich geändert. Auch der Reim, den der Übersetzer in Anlehnung an das Original beibehält, hat heute einen anderen Stellenwert als damals und klingt veraltet.

Aber nicht nur daran merkt man das Alter der Übertragung. Worte wie „selbander“, Formulierungen wie „Wem des Hofes Eunuchen gewogen, hat Goldes die Fülle“ oder „des Ruhm die Welt wie Windeswehn durchhallt“ sind nun wirklich hoffnungslos verstaubt. Die „holden Mädchen“ wurden seit Hermann Hesse glücklicherweise nicht mehr gesehen, einen „Zelter“ kennt der ältere Leser vielleicht noch, aber bei „tausend Ewen alt“ und „in grüner Schratte“ muss man dann schon im Lexikon nachsehen. Schade über die vertane Chance.

Titelbild

Li Tai-bo: Gedichte.
Herausgegeben von Günther Debon.
Übersetzt aus dem Chinesischen von Günther Debon.
Reclam Verlag, Stuttgart 2009.
144 Seiten, 4,40 EUR.
ISBN-13: 9783150186756

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Letzte Änderung: 23.09.2009 - 15:39:57
Erschienen am:30.09.2009
Lesungen: 1500
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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