Der Chef ist da, oder er ist nicht da

Georges Perec erklärt, wie man seinen Chef anspricht und ihn um eine Gehaltserhöhung bittet

Von Georg PatzerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Georg Patzer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es ist Krise. Immer noch. Da ist es nicht ganz einfach, seinen Arbeitsplatz zu behalten. Und einfach ist es schon gar nicht, „seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten“. Das hat auch Georges Perec verstanden und einen Ratgeber „Über die Kunst, seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten“ geschrieben. So dass sich man nach dem Studium des kleinen Büchleins getrost auf den Weg machen kann. Wird schon klappen, think positive.

Das ist natürlich alles nicht wahr. Denn Perec ist ein experimenteller Schriftsteller gewesen, und nichts lag ihm ferner, als einen Ratgeber zu verfassen. Als Mitglied der Oulipo-Gruppe lag ihm eher daran, mit den Formen und der Sprache zu spielen – mit den Wiederholungen, den Spiegelungen, den Verzerrungen. Was dabei entstanden ist, ist nichts weniger als eine schöne Abbildung des Angestelltenhamsterrads.

Wie geht es also? „Sie haben reiflich nachgedacht haben ihren ganzen mut zusammengenommen und entschließen sich ihren abteilungsleiter aufzusuchen um ihn um eine gehaltserhöhung zu bitten sie suchen ihn sagen wir um die sache zu vereinfachen denn man muss immer vereinfachen er heißt monsieur xavier das heißt monsieur x sie suchen also monsieur x auf da gibt es nur entweder oder entweder ist monsieur x in seinem büro oder aber er ist nicht in seinem büro wenn monsieur x in seinem büro wäre gäbe es kein problem aber natürlich ist monsieur x nicht in seinem büro“.

Was jetzt? „es bleibt ihnen folglich nur eins nämlich im flur auf seine rückkehr oder seine ankunft zu warten aber nehmen wir nicht an er würde nicht kommen denn in diesem fall gäbe es am ende nur noch eine einzige lösung nämlich in ihr eigenes büro zurückzukehren und den nachmittag oder den nächsten tag abzuwarten um einen neuen versuch zu unternehmen sondern etwas ganz alltägliches er hätte sich mit seiner rückkehr verspätet in diesem fall wäre das beste was sie tun können anstatt wieter im flur auf und ab zu gehen ihrer kollegin mademoiselle y die wir um unserer spröden beweisführung etwas mehr menschlichkeit zu verleihen von nun an mademoiselle yolande nennen werden einen besuch abzustatten“.

Wenn es nur so einfach wäre. Denn: „da gibt es nur entweder oder entweder ist mademoiselle yolande in ihrem büro oder mademoiselle yolande ist nicht in ihrem büro wenn mademoiselle yolande in ihrem büro ist gibt es allem anschein nach kein problem aber nehmen wir an mademosiselle yolande ist nicht in ihrem büro in diesem fall bietet sich ihnen angesichts des umstands dass sie keine lust haben weiter im flur auf und ab zu gehen während sie auf die hypothetische rückkehr oder die mögliche ankunft von monsieur x warten eine einzige lösung nämlich eine runde durch die verschiedenen abteilungen zu drehen“. Und so geht es weiter.

Die Machart dieser Schrift, die aus dem Nachlass des 1982 gestorbenen Perec stammt, ist schnell erkannt: Der Angestellte, der sich auf den Weg gemacht hat, mäandert hin und her. Immer wieder gibt es mehrere Möglichkeiten: Der Chef ist da, oder er ist nicht da. Von da aus verzweigt sich die Handlung. Mademoiselle Yolande ist da oder nicht. Hat sie gute Laune? Dann kann man mit ihr plaudern. Hat sie schlechte Laune, dreht man eine Runde durchs Labor. Und so weiter.

Dem Buch ist ein Organigramm beigegeben, der den verästelten Weg des armen Angestellten in einer Grafik darstellt. Dieses Organigramm, so erklärt das Nachwort, hat er von einem Freund, Jacques Perriaud, Forscher im Rechenzentrum der Maison des sciences de l’homme. Es versucht allen Ernstes, die Wege eines Angestellten nachzuziehen.

Und genau hier wird der absurde Witz deutlich, die Absurdität der Wissenschaft, die sich um so etwas mit Grafik und Beschreibung kümmert und wahrscheinlich noch ein paar Planstellen bezahlt. Beziehungsweise bezahlte, denn dieses Schaubild ist aus dem Jahr 1968. Bei Perec wird diese so pseudowissenschaftliche, pseudooptimistische Ratgeberangelegenheit zu einer vergeblichen Farce, einer Sinnlosigkeitsparabel und einer präzisen Beschreibung der Angestelltenwelt. Denn bei Perec ist der Chef erst mal nie da, immer wieder dreht der Angestellte „eine runde durch die verschiedenen abteilungen deren gesamtheit ganz oder teilweise die organisation bildet, die sie beschäftigt“. Dann ist er doch da, „als sie klopfen und sie sogar mit einem reizenden lächeln auffordert platz zu nehmen das ist so selten dass es sie sicher drängt misstrauisch zu werden“. Aber dann gibt es immer noch ein paar Möglichkeiten, so dass eine Rettung nicht in Sicht ist. Das Leben ist und bleibt unübersichtlich labyrinthisch und ohne jeden Sinn.

Titelbild

Georges Perec: Über die Kunst seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten.
Nachwort von Bernard Magné.
Übersetzt aus dem Französischen von Tobias Scheffel.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2009.
112 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-13: 9783608937060

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