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 literaturkritik.de » Nr. 10, Oktober 2009 » Schwerpunkt: Belletristik zur Frankfurter Buchmesse 2009 » Lyrik
 
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Keine Metaécrits

Tom Schulz präsentiert politische Gedichte in „Alles außer Tiernahrung“

Von Andreas HuttRSS-Newsfeed neuer Artikel von Andreas Hutt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Was ist politisch? Folgt man der Definition des Dudens, dann beschreibt dieses Adjektiv etwas, das mit der Lehre der Staatskunst zusammenhängt, damit, wie das Zusammenleben in einem Staat von allen am Staatswesen beteiligten Institutionen und Personen organisiert wird. Außenpolitische Konflikte sind unbestritten politisch, ebenso Parlamentsdebatten, Diskussionen über Steuererhöhungen oder die Einführung von strengeren Regeln für Banken.

Und was ist politische Lyrik? Das ist Lyrik, wird ein literarisch gebildeter Mensch sagen, die einen Missstand benennt und dabei Position bezieht. Also Lyrik im Dienste der Aufklärung, Bertolt Brecht und seine Nachfolger wie etwa Günter Grass’ Anti-Vietnamkrieg-Gedicht „In Ohnmacht gefallen“, Hans Magnus Enzensbergers „Ins Lesebuch für die Oberstufe“ und Alfred Andersch mit seinem „Paragraph 3(3)“.

Bei einem derart vorgeprägten Begriff wie dem der politischen Lyrik kann und muss ein Band wie „Alles außer Tiernahrung“ irritieren, der dem Leser „Neue politische Gedichte“ vorstellen will, denn die in dieser Anthologie veröffentlichten Autoren – größtenteils Lyriker, die zwischen 25 und 40 Jahre alt sind – spielen den Ball an, ohne ihn ins Tor zu schießen, wenn ihr Sujet überhaupt erkennbar ist. Politische Sachverhalte wie die Migration in die ‚Festung Europa‘ in Björn Kuhligks Gedicht „Die Liebe in den Zeiten der EU“ oder Arbeitslosigkeit und Entfremdung in der Großstadt in Stan Lafleurs Text „tauben“ werden durch einige gezielt geäußerte Begriffe assoziativ im Leser angesprochen – ungefähr so, als ob ein Musiker wenige Töne einer Melodie erklingen lässt und sich darauf verlässt, dass der Zuhörer dann das gesamte Lied im Ohr hat. Einige wenige Autoren, wie Adrian Kasnitz, der in „am bankomat“ die Auswirkungen der Konsumgesellschaft thematisiert, oder Gerald Fiebig, der sich in „nach der industrie“ mit dem Niedergang Detroits befasst, werden deutlicher in ihrer Darstellung, ohne dass sie dem Leser die Utopie einer besseren Gesellschaft aufzeigen oder ihn konkret zum Handeln auffordern. Dadurch wird diese Anthologie zu einem Dokument der Postmoderne und zu einer Standortbestimmung, was Lyrik heute im politischen Sinne zu leisten vermag.

In einer Zeit, in der die großen Metaerzählungen wie Aufklärung, Marxismus oder Christentum an Glaubwürdigkeit eingebüßt haben, kann auch ein Autor dem Leser keine Orientierung im Sinne von so-sollst-du-handeln geben. Politisch wird hier als gesellschaftskritisch und als auf der Höhe der Diskurse der Zeit aufgefasst – eine sehr weit gefasste Definition, die jedem Altachtundsechziger zumindest gewöhnungsbedürftig erscheinen muss und die dort angreifbar wird, wo sie bis zum Ende gedacht wird. Ist es zum Beispiel politisch, wenn uns Daniel Falb in seinen Gedichten, deren Gegenstand in erster Linie die Sprache ist, vorführt, mit welchem Wortmüll unser Leben kontaminiert ist?

wir gaben einige der gebäude wieder frei. die empfangsräume
entsprachen jetzt internationalen standards.
gewisse fassadenelemente der historischen altstadt

waren neu verklebt worden.
wer das aufzeichnete, brachte bloß neue portraits
der königlichen familie hervor, die rannte. […]

Oder ist etwa das folgende Gedicht von Tom Bresemann politisch:

in den kellern neuköllns
entwickeln sie ein neues
geschlechtsorgan

täglich laufen testreihen
unerkannt die hermannstraße
auf und ab

täglich könnte wer
den schleier lüften, im sommerbad
die bombe platzen lassen

die aussicht ist prekär
den brüdern geht
der arsch auf grund

Zugegeben: Die Assoziationsbreite, die dieser Text erzeugt, reicht von der Gender-Problematik, über (islamischen) Terrorismus bis hin zum Klonen, aber repräsentiert dieser Text das, was wir unter politischer Lyrik verstehen?

Wenn man mit herkömmlichen Vorstellungen von politischer Lyrik an das Buch herangeht, wird man bei dem Titel der Anthologie misstrauisch. Ohne Frage ist „Alles außer Tiernahrung“ eines der verbalen Dumm-dumm-Geschosse, die die Werbung auf uns abfeuert, und natürlich wird die Lächerlichkeit dieses sprachlichen Versatzstückes dadurch, dass man es aus seinem Zusammenhang reißt und auf dem Cover eines Buches präsentiert, erst richtig deutlich, aber ein Teil dieser Lächerlichkeit bleibt an der Anthologie haften und könnte die Ernsthaftigkeit des Anliegens beschädigen, nämlich relevante Texte zu publizieren. Dabei ist „Alles außer Tiernahrung“, wenn man den Untertitel nicht auf die Goldwaage legt, ein gelungenes Projekt, das viele im weiteren Sinne gesellschaftskritische Texte enthält. Gut gefällt, dass es dem Herausgeber Tom Schulz geglückt ist, neben etablierten Stimmen, wie Monika Rinck, Adrian Kasnitz oder Ron Winkler, das Potential von Dichtern, die bisher weniger in Erscheinung getreten sind, wie Markus Roloff, Florian Voß oder Simone Hirth, zu verdeutlichen. Wer „Lyrik von Jetzt“ oder ähnliche Anthologien mag, wird auch diesen Band zu schätzen wissen, auch wenn die Gedichte von Autoren wie Marcel Beyer oder Thomas Kunst stilistisch von denen der „LvJ“-Generation abweichen und obwohl die Gedichte des Herausgebers wegen ihres überzogenen Hanges zur Originalität von allen Texten am wenigsten überzeugen. Ein wenig mehr Wille zur Form hätte hier nicht geschadet.

Festzuhalten bleibt, dass diese Anthologie als Positionsbestimmung insofern wichtig ist, inwieweit man sich heute noch in der Poesie kritisch artikulieren kann, politisch etwa im Sinne Brechts ist sie definitiv nicht.

Titelbild

Tom Schulz (Hg.): Alles außer Tiernahrung. Neue politische Gedichte.
Rotbuch Verlag, Berlin 2009.
144 S., 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783867890793

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Letzte Änderung: 01.10.2009 - 20:27:43
Erschienen am:01.10.2009
Lesungen: 1367
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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