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 literaturkritik.de » Nr. 11, November 2009 » Literarisches über die DDR
 
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Wunder als Überlebensstrategie

Zu Michael Klonovskys „Land der Wunder“

Von Thomas NeumannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Neumann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es ist weder die DDR noch die BRD und auch nicht das wiedervereinigte Deutschland, welche in dem fabelhaften Roman von Michael Klonovsky im Zentrum des Erkenntnisinteresses stehen. Protagonist ist der Lebenskünstler und niemals verzagende Johannes Schönbach, dessen Lebensweg der Leser über längere Zeit begleiten darf. Die Handlung setzt ein, nachdem der mit Anpassungsschwierigkeiten in der DDR zu kämpfende Student von der Universität relegiert wird und sich „in der Produktion bewähren“ muss. Klonovsky schlägt gleich zu Beginn einen ironisch-humorigen Erzählton an. Mit welcher Art von Humor man es bei Klonovsky zu tun hat, offenbart sich schon bei der einleitenden Bemerkung, dass Schönbach mehrere Jahre in einem Lager in der DDR zugebracht habe. Dass es sich um ein Lager der besonderen Art handelt, nämlich um das „Zentrallager Spirituosen“ in Berlin, löst diesen Teil der Biografie des Protagonisten schnell aus dem Fluidum eines vermeintlichen politischen Gefangenen heraus. Hat der Leser sich von dieser ersten Humorattacke erholt, beginnt man schnell, diesen zu schätzen, zumal es nur ein Element des virtuosen Sprachvermögens des Autors ist. Sollte man vermuten, das hohe sprachliche Niveau des ironisch-humorigen Schreibens hält sich nicht konstant, wird man schnell eines besseren belehrt. Klonovskys sprachliche Stärke begleitet den Leser bis zum Ende des Buches.

Der liebenswerte Protagonist mogelt sich durch die „Produktion“ in der DDR, arbeitet als besserer Hausmeister und bekommt mit einer „gereinigten“, politisch bedenkenlosen Führungsakte einen Posten als Adlatus in einer Ostberliner SED-Zeitung, wo er als Korrektor seine Zeit verbringt – streng überwacht, damit er auch keinerlei journalistische Ambitionen an den Tag legt. Wie schon zuvor wird sich auch hier seine Situation nahezu ohne sein Zutun verändern. Das Jahr 1989 wirkt als „Beschleuniger“, die Ereignisse sind fast ein „Wunder“. Die Veränderungen in seinem Leben kommen immer überraschend und Klonovsky macht auf einen Aspekt aufmerksam, der jeden Lebensweg maßgeblich mitbestimmt, auf den Zufall. Dass er diesen als ein „Wunder“ bezeichnet, ironisiert die religiösen Sinnstrategien auf subtilste Weise, zumal es sich bei unserem Protagonisten Schönbach immer zum Besseren wendet. Dabei stehen Klonovsky als auch Schönbach den angeblichen „Fortschritten“ im Leben des Protagonisten durchaus kritisch und skeptisch gegenüber. Schönbach macht Karriere in der „Nachfolgezeitung“ des SED-Organs, bleibt sich dabei aber auf naive Art selbst treu – nur verwandelt jetzt die neue Lebenssituation sein journalistisches Können in klingende Münze. Selbstkritisch bleibt er trotzdem, immer seine ehemalige „Ossiexistenz“ im Blick: „Mein Gott, die Flausen in meiner Jugend, Professor, Theaterregisseur, Literat wollte ich werden. Was ist daraus geworden? Redakteur bei einem abgefeimten Deppenblatt! Man kann sich entweder vor Lachen auf die Schenkel schlagen oder sich umbringen.“

Auch die großen Gedanken bleiben nicht aus. Schönbach rekapituliert die Grundlagen der Kultur, ohne dass diese der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Neben einem Augenzwinkern bleibt immer das „Bild des Wunders“ dem Leser vor Augen. Alles ist ein Phänomen: „wie kurios und letztlich jeden Geistesmenschendünkel ad absurdum führend es doch sei, auf welchen beiden Fundamenten die ihm in gewissem Sinne heilige abendländische Kultur ruhte: zum einen eben auf den künstlerischen Hinterlassenschaften eines Modeschwulen- beziehungsweise Päderastenvolkes, das seine Götter bunt anmalte und Athleten höher schätzte als Philosophen, zum anderen auf den gesammelten Ressentiments eines hilflos zwischen die Großmächte geratenen und darüber rachsüchtig gewordenen Hirtenstammes, der sich kurioser- und kompensatorischerweise für auserwählt hielt. War das nicht verrückt?“

So wie die von feinem Humor durchzogene Sprache, der unterhaltende Fortgang des Romans und die Beziehung, die der Leser zu „seinen“ Protagonisten aufbaut, sich der Beschreibung entzieht, so auch das Erlebnis einer 542 Seiten andauernden erfreulichen Lektüre. Klonovsky ist ein großartiger Roman gelungen, der grandios den Übergang, die Brüche und die Kontinuitäten des Jahres 1989 beschreibt, ohne dies explizit zu wollen. Kein historischer Zeigefinger, keine ideologischen Positionen, nur ein ausgesprochen gutes Buch. Der Leser würde Schönbach gerne begleiten, wenn sein Autor ihn am Ende des Buches weiter ziehen lässt, neuen Wundern entgegen: „zumindest die Sonne würde einstweilen noch dabei sein, wenn Johannes Schönbach, seine beiden Schutzbefohlenen fest an den Händen haltend, auf das unausbleiblich nächste Wunder zuging.“

Titelbild

Michael Klonovsky: Land der Wunder.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2009.
542 Seiten, 11,00 EUR.
ISBN-13: 9783499247965

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 literaturkritik.de » Nr. 11, November 2009 » Literarisches über die DDR
 

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Letzte Änderung: 02.11.2009 - 19:32:22
Erschienen am:02.11.2009
Lesungen: 715
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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