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 literaturkritik.de » Nr. 11, November 2009 » Deutschsprachige Literatur
 
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Aus eins mach null mach drei

Alban Nikolai Herbsts 2003 verbotener Skandal-Roman „Meere“ ist nun als bibliophiler Dreifachdruck erschienen

Von Bernd BlaschkeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Bernd Blaschke

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Alban Nikolai Herbsts Roman „Meere“ erschien 2003 im Mare-Buchverlag. Dann klagte eine ehemalige Lebensgefährtin des Autors gegen die Veröffentlichung dieses fulminanten Künstler- und Liebesromans und bewirkte ein Verbot der Publikation; denn sie sah ihre Persönlichkeitsrechte verletzt in dem als autobiografischen Schlüsselroman angesehenen Text, der freizügige Schilderungen obsessiver Sexualität und gewaltsamer Zweisamkeit enthält. Diese machen freilich – wie hier als Warnung oder Anreiz nicht verheimlicht werden soll – auch noch in der seit 2007 durch einen Vergleich zwischen Klägerin und Autor freigegebenen Fassung einen Gutteil des Textes aus. Der Prozess um dieses Buch, der nahezu zeitgleich mit einem ganz ähnlichen Rechtsstreit um Maxim Billers Roman „Esra“ stattfand, wurde in Presse und Internet immer wieder diskutiert. Denn es ging um die fraglos heikle Konkurrenz der gleichermaßen fundamentalen Rechte auf Kunstfreiheit und auf eine unverletzte Persönlichkeit. Eine breitere Leserschaft las – den Gesetzen der skandalfixierten Aufmerksamkeitsökonomie folgend – also lange öfters über den Autor Alban Nikolai Herbst als in den beachtlichen Texten dieses in und zwischen verschiedenen Gattungen überaus produktiven Schriftstellers.

Die durch Textretouchen und einen Vergleich zwischen dem Autor und der Exfreundin bewirkte Verbotsaufhebung des Romans führte zur mediengeschichtlich bemerkenswerten Publikation des gesamten (immerhin in Buchform gut 250seitigen) Textes in einer Ausgabe der Literaturzeitschrift „Volltext“ im Jahr 2007. Seit Rowohlts Rotationsromanen, die 1946-1949 in ähnlicher Form zur billigen Nachversorgung der auch literarisch ausgehungerten Nachkriegsbevölkerung erschienen, dürfte kaum mehr ein anspruchsvoller Roman in dieser großformatigen Aufmachung auf Zeitungspapier erschienen sein. 2008 erschien „Meere“ zudem in einer Buchausgabe im Axel Dielmann Verlag. Und nun gibt es neben diesen beiden (nach Aussage des Mare-Verlags) textidentischen Ausgaben auch noch die vom Autor als „Persische Fassung“ bezeichnete Version auf Basis des Mare-Originaldrucks von 2003, in dem freilich aufgrund von Verbot und Vergleich etwa ein viertel der ursprünglichen Seiten mit neuen, (hauptsächlich wohl im Bereich persönlicher Attribute) bereinigten Ausdrucken überklebt ist. Auch diese Fassung ist textidentisch mit den beiden anderen erschienenen Drucken.

Es gilt hier folglich eine bibliophile Kostbarkeit anzuzeigen, nämlich eine in limitierter Auflage von 100 Exemplaren (zum Preis von 100 Euro) erschienene Kassette, die alle drei medialen Erscheinungsformen des semantisch gleichen Textes versammelt. Für den geist- und inhaltsorientierten Leser stellt dies fraglos eine Tautologie dar. Für den medien- und buchgeschichtlichen Connaisseur oder Sammler bietet sich hingegen ein wertvolles Sammelobjekt und ein ästhetisches Dokument zu einem vielbeachteten Fall, bei dem die kollidierenden Rechte der Kunstfreiheit und des Persönlichkeitsrechts heftig umstritten waren.

Christoph Jürgensen hat über den Rechtstreit, seine Situierung in der Literaturgeschichte und über den Roman selbst schon 2004 in Literaturkritik.de gründlich berichtet, so dass wir den Roman und den Rechtsstreit hier nicht mehr ausführlich referieren müssen. Medial und lesephänomenologisch interessant ist freilich keineswegs nur die „Volltext“- Ausgabe auf Zeitungspapier. Ein irritierendes Gefühl vermittelt vor allem die Lektüre der „Persischen Fassungen“, bei der ja die „verbotenen“ Seiten unter der Überklebung mit den genehmigten Sätzen durchaus noch „da“ – wenn auch kaum lesbar – sind. Das durch die Überklebungen etwas aufgequollene (und auch dadurch materiell besondere) Buch insinuiert eine Art Pflasterstrandgefühl: theoretisch könnte man versucht sein, die aufgeklebten Seiten abzulösen und solcherart an das verbotene Material zu gelangen. Natürlich würde man dadurch das Buch in seiner speziellen persischen Fassung zerstören. Wir halten hier mithin eines der raren echten Palimpseste der Gegenwartsliteratur in der Hand, bei dem unter der Oberfläche der durch juristischen Vergleich ermöglichten Neufassung das ursprüngliche, anstößige und (Persönlichkeitsrechte) verletzende Buch schlummert.

Freilich erklärt der Autor – in der Rubrik „Buchverbot“ seines umfangreichen Weblogs „Die Dschungel Anderswelt“ – die durch den Vergleich erzielte Fassung für die gültige und erachtet sie sogar als beste Fassung des umstrittenen Roman. Unter der Überschrift „MEERE ist wieder frei“ bloggte er 2007: „In der heutigen Verhandlung vor dem Landgericht Berlin haben sich die gegen mich bestehenden Einstweiligen Verfügungen – die mir unter Strafandrohung von bis zu 250.000 Euro untersagten, meinen Roman MEERE von 2003 zu verbreiten, aus ihm zu lesen oder aus dem Kopf zu rezitieren, bzw. ihn zu bewerben usw. – erledigt. Ich meinerseits habe freiwillig und aus eigener Entscheidung, also nicht länger strafbeschwert, zu Protokoll erklärt, nurmehr eine einstweilen ,Persische‘ genannte Fassung des Romans öffentlich zu vertreten, die in Einzelheiten bezüglich einiger Personen der Handlung differiert, aber weder in der poetischen Form und Valenz, noch in den laut manchen Presseberichten vorgeblich inkriminierten ,Stellen‘. Das Buch hat nun sogar noch eine Ebene hinzugewonnen und ist die letztgültige Gestalt des Romanes MEERE. Das Ergebnis dieser Verhandlung sehe ich dementsprechend für endgültig an und erkläre das hiermit öffentlich. ANH“

Nun ist dieses kostbare, informationstheoretisch betrachtet freilich tautologische Roman-Druck-Triptychon von ‚Meere‘ neben seinem Status als papiernes Dokument eines der wichtigsten Literaturprozesses der jüngeren deutschen Literaturgeschichte wohl zugleich auch als Geldbeschaffungsmaßnahem des klammen Autors zu begreifen. Denn der als Großneffe des NS-Kriegsministers Ribbentrop unter dem bürgerlichen Namen Alexander Michael von Ribbentrop firmierende Autor des Künstlernamens Alban Nikolai Herbst hat, wie er in seinem überaus material- und geistreichen Blog offen bekennt, trotz seiner Anerkennung als innovativer Gegenwartsautor, drängende finanzielle Schwierigkeiten. Diese führten ihn zum kuriosen Angebot, bei ebay die Figurennamen für einen künftigen Großroman meistbietend zu verkaufen – doch auch zum Offenbarungseid eines Privatkonkurses. Zur ökonomisch mehr als prekären Lage dieses so vielseitigen wie streitbaren Autors lese man die Rubrik „Gläubiger“ seines Blogs. Doch vor allem könnte ein breiteres Publikum nun die großen Romane dieses schillernden Schriftstellers lesen. Willkommene Handreichung zur Entschlüsselung der virtuos Fiktion und Fakten, Biografisches und Erdichtetes verschlingenden Texte bietet im übrigen eine umfangreiche Ausgabe der Zeitschrift „die horen“ (Nr. 231, 2008), die dem Werk Alban Nikolai Herbsts gewidmet ist und neben zahlreichen exegetischen Beiträgen von Literaturwissenschaftlern auch eine Bibliografie sowie literarische Texte Herbsts und Materialien zum „Meere“-Roman bietet.

Gewiss ist dieser rückhaltslos freizügige Roman über einen manisch-machistischen Künstler und Liebhaber, der sich verzweifelt und gewaltsam an der gewalttätigen deutschen Geschichte abarbeitet, keine leichte Lese-Kost. Doch dürfte sich in der deutschen Literatur kaum ein Werk finden, dass sich ungeschützter und ehrlicher den emotionalen und biografischen Verstrickungen eines Nazi-Nachkommens stellt und zudem durch sprachliche wie erzähltechnische Raffinesse besticht. Auch die Liebesgeschichte als Geschichte einer traurig scheiternden amour fou zwischen einem älteren Künstler und einer suchenden jungen Frau ist größer und schrecklicher (und mithin lesenswerter) als der amouröse Standard aus Narzissmus, Geplänkel und Berührungsangst, der weite Teile der jüngeren Literatur kennzeichnet. Zeit also, Herbsts Meere-Roman in einer seiner Druckfassungen zu lesen. Oder gleich noch via Blog oder Romanen in seine themen- und gedankenreichen „Anderswelten“ lesend und reflektierend einzusteigen. Denn der gelernte Rechtsanwaltsgehilfe, studierte Philosoph, geübte Börsenbroker, unfreiwillige Namenserbe und leidenschaftliche Musikkritiker verfügt über Erfahrungen, Wissen und sprachliche Mittel, die in der deutschen Gegenwartsliteratur ihresgleichen kaum finden.

Titelbild

Alban Nikolai Herbst: Meere. Roman. 3 Ausgaben im Schmuckschuber.
Marebuchverlag, Hamburg 2009.
600 Seiten, 100,00 EUR.
ISBN-13: 9783866481084

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 literaturkritik.de » Nr. 11, November 2009 » Deutschsprachige Literatur
 

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Letzte Änderung: 28.10.2009 - 16:05:35
Erschienen am:29.10.2009
Lesungen: 1446
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