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 literaturkritik.de » Nr. 11, November 2009 » Schwerpunkt 2: Zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus und seiner Folgen » Weitere Rezensionen
 
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Aus der Geschichte lernen

Ein von Andreas Wirsching herausgegebenerer Band zum „Jahr 1933“ beleuchtet Voraussetzungen zur Machteroberung der Nazis, während Andrea Röpkes und Andreas Speits Sammelband vor heutigen „Neonazis in Nadelstreifen“ warnt

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Geschichte der nationalsozialistischen ,Machtergreifung‘ ist heute sehr gut erforscht. Mehr als 70 Jahre nach dem 30. Januar 1933, dem Tag, an dem Adolf Hitler zum Reichspräsidenten ernannt wurde, weiß man auch die Bedeutung dieses Datums einzuschätzen. Die symbolhafte Überfrachtung des Datums als Tag von Hitlers zupackender ,Machtergreifung‘ oder als der Tag der Vollendung einer revolutionären nationalsozialistischen Ablösung ,des Systems‘ ist einer nüchternen Analyse gewichen. Der 30. Januar 1933 ist eine weitere Station im Prozess des Verfalls der Weimarer Republik. Hitlers Ernennung zum Reichskanzler markiert das endgültige Versagen einer politischen Elite, die der Republik längst den Rücken gekehrt hatte.

Die Kenntnisse über den gesamten Prozess des Verfalls der demokratischen Republik bis zur totalen Machtübernahme durch die Nazis bedeuten freilich nicht das Ende der Forschung. Es gibt, so erläutert der Herausgeber des Bandes „Das Jahr 1933“, Andreas Wirsching, nach wie vor „weiße Flecken“. Wo die zu finden sind, darauf verweist der Untertitel des Bandes: „Die nationalsozialistische Machteroberung und die deutsche Gesellschaft“. Gemeint ist eine „Gesellschaftsgeschichte des Jahres 1933“. Wie wurde die Machteroberung in der Gesellschaft wahrgenommen? Wie gestaltete sich die Interaktion zwischen „dem sich etablierenden System“ und der sich neu formierenden Gesellschaft? Auf welche „gesellschaftlich-kulturelle Verankerung“ konnte der Nationalsozialismus aufbauen?

Die auf eine Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Dachauer Symposien zur Zeitgeschichte“ zurückgehenden dreizehn Beiträge des Bandes konzentrieren sich in ihren jeweiligen Schwerpunkten auf fünf zentrale Faktoren der Machteroberung: die insbesondere durch Hitler verkörperte „charismatische Dimension“ der neuen Herrschaft; die auf „Terror und Einschüchterung“ zielende Dimension der Gewalt; die „funktionale Dimension“ eines „zweckrationalen Handelns zum eigenen Vorteil“; die „bürokratische Dimension“ einer gut funktionierenden und nahezu reibungslos sich unterordnenden Staatsverwaltung sowie die Dimension der „Indifferenz“, eine Form der „Hinnahme der Monstrosität“ im alltäglichen Lebensalltag der meisten Deutschen.

So leisten die Buchbeiträge einen Beitrag zum Verständnis, wie durch einzelne dieser Faktoren, mehr aber noch durch das in einer bestimmten historischen Situation ermöglichte Zusammenwirken dieser Faktoren eine Gesellschaft sich der totalitären Diktatur ausliefert. Darin liegt ein wichtiger Erkenntniswert: Sieht man einmal vom geplanten Einsatz der Gewalt zur Erreichung politischer Ziele ab, verfügte die nationalsozialistische Bewegung kaum über strategisch-konzeptionelle Überlegungen zur ,Machtergreifung‘. Hitlers angebliches Charisma etwa war eher ein zufälliger Vorteil denn ein eingeplantes Element einer Machteroberungsstrategie. Wie vage der Erfolg eines solchen Strategieelements hätte sein können, zeigen die Äußerungen solcher Zeitgenossen über Hitler, die kritische Distanz zu halten in der Lage waren: sie berichten von einer langweiligen, in ihrer kleinbürgerlich-verkniffenen Haltung eher abstoßenden Ausstrahlung des „Führers“. Kurzum: die ,Machtergreifung‘ der Nazis war nur möglich, weil die Zivilgesellschaft versagte. Das durch dieses Versagen entstandene Machtvakuum konnten die Nazis bequem füllen.

Genau darin liegt die entscheidende Lehre aus der Geschichte. Es hängt vom Zustand der Zivilgesellschaft ab, ob und wie sich ein neuer Rechtsextremismus entwickeln kann. In der Geschichte der Bundesrepublik gelang es bislang, rechtsextreme Erscheinungen wirkungsvoll eindämmen. Dennoch behauptet sich schon seit einigen Jahren eine rechte Szene, deren legale Vertretung die neumodern auftretende alte NPD ist. Mit Erfolg agiert sie in einigen Regionen Deutschlands und verschafft sich dort mit Wahlerfolgen auf kommunaler und Landesebene eine zunehmend solider werdende Basis für ihre Agitation. Dabei ist sie besonders dort erfolgreich, wo sie einen Platz einnehmen kann, den die ,etablierten Parteien‘ vielfach bereits aufgegeben haben. Nur einer aufmerksamen und aktiven Szene außerhalb der Parteien ist es dort zu verdanken, dass es überhaupt noch zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen die Rechten gibt. Zum Handwerkszeug gehört Wissen über die Strategien der Rechten. Hierzu trägt der von Andrea Röpke und Andreas Speit herausgegebene Band „Neonazis in Nadelstreifen“ über die NPD „auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft“ bei. Die Beiträge in diesem Band informieren über eine Doppelstrategie der Partei. Zum einen will sie mit einer Professionalisierungs- und Modernisierungstrategie mehr Akzeptanz in der Mitte der Gesellschaft erlangen. Besonders auf kommunaler Ebene verschafft sie sich einen ,harmlosen‘ bürgerlichen Anschein, mit dem sie das Entrée in die bestehenden bürgerliche Strukturen sucht. Mit dem Gestus des „Man-wird-doch-wohl-noch-seine-Meinung-sagen-dürfen!“ verschleiern die vermeintlich biederen Herrschaften ihr extremes Weltbild und bieten statt dessen scheinbar naheliegende Anknüpfungspunkte an eine bestehende Unzufriedenheit an den Verhältnissen an. Doch während so die Nadelstreifen eine geeignete Form der Anbiederung darstellen, achten die Parteikader zugleich sorgfältig darauf, den Kontakt zur extremen Szene nicht zu verlieren. Mit „kalkulierten Tabubrüchen“, mit aufhetzenden Reden in Hinterzimmern wird diese Gefolgschaft bei Laune gehalten. Ein Doppelspiel, das es immer wieder aufzudecken gilt. Der vorliegende Band bietet dazu Wissen an.

Titelbild

Andrea Röpke / Andreas Speit (Hg.): Neonazis in Nadelstreifen. Die NPD auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft.
Ch. Links Verlag, Berlin 2008.
208 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783861534679

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Titelbild

Andreas Wirsching (Hg.): Das Jahr 1933. Die nationalsozialistische Machteroberung und die deutsche Gesellschaft.
Wallstein Verlag, Göttingen 2009.
288 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783835305120

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Letzte Änderung: 02.11.2009 - 19:04:26
Erschienen am:02.11.2009
Lesungen: 892
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