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 literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 2009 » Fremdsprachige Literatur
 
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Pubertät unzensiert

Alicia Erian schildert in „Unverblümt“ den Blick einer Heranwachsenden auf ihre Umgebung

Von Susan MahmodyRSS-Newsfeed neuer Artikel von Susan Mahmody

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als Barry sich bereit erklärt, Jasira eine Intimrasur zu verpassen, schrillen bei deren Mutter die Alarmglocken. Denn Barry ist eigentlich der Mann in ihrem Leben und Jasira ihre 13jährige Tochter. So wird die als frühreife Lolita betrachtete Tochter aus New York kurzerhand zum Vater in die texanische Provinz geschickt, wo dieser, ein aus dem Libanon stammender Christ (und nicht – wie so oft! – ein Moslem) und Mann von Prinzipien, sich seiner Tochter mit strenger Hand annehmen soll. Jasira ist alles andere als begeistert, denn erstens versteht sie nicht, wieso ihre Mutter so überreagiert und zweitens verbindet sie mit dem Vater, von dem die Mutter bereits so lange geschieden ist, so gut wie nichts. Ihre Befürchtungen bestätigen sich: der Vater weiß mit der Tochter nichts anzufangen und deren erste Schritte in die Weiblichkeit – die erste Periode und der BH-Kauf beispielsweise – meistert er eher schlecht als recht. Doch es kommt noch schlimmer: Dann nämlich, als Jasira sich ihrer Sexualität bewusst wird und beginnt, diese mit Hilfe von Playboy-Heften und ihrem Schulkollegen Thomas zu erkunden. Und dann wäre da noch der Nachbar Mr. Vuoso, der Jasiras Vater gegenüber rassistisch agiert, an dessen Tochter aber mehr als nur ein freundschaftliches Interesse zu hegen beginnt.

Alicia Erian schildert in ihrem Debütroman „Unverblümt“ das ganze Spektrum an Irrungen und Wirrungen, die auf dem Weg zum Erwachsenwerden dazugehören – und auch einige Aspekte, die niemand erleben müssen sollte wie Missbrauch, Gewalt und Rassismus. Der Titel des Buches ist dabei Programm, denn völlig unverblümt, direkt und offen nähert sie sich Themen, die auch heute noch oft mit Tabus behaftet sind. Mit ungeheurer Stärke lässt sie uns am Leben der heranwachsenden Jasira, die als autodiegetische Erzählerin fungiert, und ihrer ganz persönlichen Probleme teilhaben. Wir erhalten einen Einblick in Jasiras Gedanken und Gefühle, begleiten ein Mädchen, das sowohl naiv, schüchtern und unsicher als auch provokant, vorlaut und rebellisch ist. Vielleicht sorgt die Stimme der jugendlichen Protagonistin, die jeder noch so schlimm erscheinenden Situation noch etwas Positives oder Lustiges abgewinnen kann, für den lockeren Erzählstil. Erst gegen Ende des Romans wird der Ton ernster und Jasira erkennt, welch schreckliches Verbrechen an ihr verübt worden ist.

Über weite Strecken ist der Roman sehr amüsant, teils ironisch, teils einfach nur komisch, jedoch schleichen sich auch kritische Untertöne ein. Dann etwa, wenn debattiert wird, wieso Jasira keinen farbigen Jungen als Freund haben darf und wieso sie in der Schule als „Kameltreiberin“, „Wüstenkind“ und „Mufti“ bezeichnet wird, wenn ihre Nachbarin Melina sie darüber aufklärt, wie wichtig es ist, seinen eigenen Körper zu kennen und stark genug zu sein, „Nein“ zu sagen, wenn mit einem etwas geschieht, das man nicht möchte oder wenn über die Sinnlosigkeit des Krieges – der Roman spielt Anfang der 1980er-Jahre, zu Beginn des Ersten Golfkriegs – sinniert wird. Provokant, verstörend, erschütternd, traurig, bewegend einerseits und kurzweilig, unterhaltsam, witzig, kurios, unkonventionell andererseits – so lässt sich „Unverblümt“ wohl am besten definieren.

Titelbild

Alicia Erian: Unverblümt. Roman.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Astrid Mania.
Luchterhand Literaturverlag, München 2009.
383 Seiten, 9,00 EUR.
ISBN-13: 9783630621647

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Letzte Änderung: 11.11.2009 - 14:33:51
Erschienen am:11.11.2009
Lesungen: 901
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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