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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2010 » Literaturwissenschaft
 
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Reflektierte Naivität

Stefan Scherer gibt einen „text + kritik“-Band zu Irmgard Keun heraus

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

 

Die Rezeptionsgeschichte der Schriftstellerin Irmgard Keun bewegt sich „zwischen fulminantem Erfolg und völliger Vergessenheit“. Dies behauptet Sebastian Marx und es dürften ihm nur wenige widersprechen. Seit einiger Zeit, genauer gesagt seit der Wiederentdeckung Keuns durch die Neue Frauenbewegung, neigt sich die Waagschale wieder einmal dem Erfolg zu. 2005 wurde das Interesse der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zusätzlich durch den 100. Geburtstag der Literatin befeuert, zu dessen Anlass unter anderem ein von Stefanie Arend und Ariane Martin herausgegebener Sammelband erschien. Und nun ist endlich auch ein Keun gewidmeter Band in die Reihe „text + kritik“ aufgenommen worden. Man kann ohne weiteres behaupten, dass dies längst überfällig war. Diesem Band ist das eingangs zitierte Wort Sebastian Marx’ entnommen, dessen Abriss der Rezeptionsgeschichte des Werkes Keuns das Heft beschließt.

Eröffnet wird es von Claudia Stockinger, die darlegt, dass und warum die Protagonistinnen Gilgi und Doris in Keuns frühen Romanen sowohl von ihren Mitfiguren wie auch von zahlreichen RezipientInnen „permanent unterschätzt“ werden. Die „hochgradige Reflektiertheit“ der beiden jungen Frauen werde durch ihre Redeweise „überformt“, die „eine Art fortlaufendes Geplapper“ erzeuge. Stockinger findet für dieses Verfahren den treffenden Begriff der „reflektierten Naivität“.

Etwas anders sieht das Burkhard Müller, der weniger überzeugend meint, Doris stolpere „ahnungslos in die Welt der Großstadt“. Auch mag man seine konservative Vorstellung von „Liebesglück“ nicht unbedingt teilen, die er umstandslos an ein „erfüllte[s] Familienleben“ bindet. Dafür aber nähert er sich in seinem Beitrag mit klugem Feingefühl Keuns Roman „Nach Mitternacht“.

Auch Stockinger geht auf das antifaschistische Werk ein. Könne die Literatin in ihm das „erprobte Verfahren der reflektierten Naivität konsequent fort[setzen]“, so ließen die „veränderten Lebensverhältnisse“ unter dem Naziterror ihre „liebevoll-komisierende Erzählhaltung“ jedoch nicht mehr zu.

Den Geschlechterkonstruktionen in Keuns Romanen wendet sich Gustav Frank mit seinem Beitrag „Populärkultur, Girlkultur und neues Wissen in der Zwischenkriegszeit“ zu. Zwar zitiere Keun gerne die damals „geläufigen“ Weiblichkeitsklischees und Frauentypen, doch bewege sie sich „jenseits der traditionellen Grenzmarkierungen von Geschlechterrollen“, indem sie deren Bedeutung aufbreche und durch eine „differenziertere Wahrnehmung“ ablöse. Statt „Typisierung[en]“ biete sie somit „eine neue Ausdifferenzierung, neuartige Varianten weiblicher Biographiemuster“ an.

Einem weithin unbekannten Vorhaben, das Keun gemeinsam mit Heinrich Böll in Angriff nahm, widmet sich J. H. Reid. Es handelte sich um die Publikation eines fingierten Briefwechsels, dessen Veröffentlichung allerdings an der ablehnenden Haltung sowohl von Zeitschriften wie auch von Rundfunkanstalten scheiterte, so dass sein Torso erst 2006 im Rahmen einer Werkausgabe Bölls publiziert wurde.

Wie von der Reihe „text + kritik“ nicht anders zu erwarten, bieten auch die Beiträge des Keun gewidmeten Bandes neue Erkenntnisse, innovative Interpretationen und originelle Sichtweisen auf das Werk der Autorin.

Titelbild

Heinz Ludwig Arnold (Hg.): Irmgard Keun.
edition text & kritik, München 2009.
110 Seiten, 17,00 EUR.
ISBN-13: 9783869160207

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Letzte Änderung: 07.01.2010 - 12:32:24
Erschienen am:11.01.2010
Lesungen: 957
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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