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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2010 » Politik und Geschichte
 
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Familie als solidarisches Residuum?

Svenja Goltermann beschäftigt sich in ihrer Studie „Die Gesellschaft der Überlebenden“ mit den Kriegsheimkehrern nach 1945

Von Klaus-Jürgen Bremm

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das „heroische Zeitalter“ der Psychiatrie hatte den Untergang des „Dritten Reiches“ ohne wesentliche Beeinträchtigung überlebt. Sein keineswegs nur auf die deutsche Ärzteschaft beschränktes Paradigma fußte auf der angeblich unbegrenzten Belastbarkeit der menschlichen Psyche. Jedes noch so verstörende Gewalterlebnis im Krieg oder unter vergleichbaren Umständen würde, so der durch die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges scheinbar bestätigte therapeutische Konsens, bei einem seelisch gesunden Menschen ohne dauerhafte Folgen bleiben.

Traten gleichwohl ernsthafte Neurosen oder Psychosen bis hin zu somatischen Beschwerden auf, galt der Patient schlicht als erblich belastet oder in seiner charakterlichen Anlage als labil. Die übrigen Fälle sogenannter Kriegsschütteler glaubte die überwiegende Mehrheit der Psychiater als eine typische Flucht in die Krankheit entlarven zu können. In beiden Weltkriegen hatte sich angeblich gezeigt, dass eine umgehende Behandlung noch im frontnahen Bereich, nicht selten durch Elektroschocks, zu „befriedigenden Ergebnissen“ führte. Die Patienten konnten rasch zu ihren Einheiten entlassen werden und galten fortan als geheilt. Angesichts dieser scheinbar durch die kriegsmedizinische Praxis gefestigten Forschungsmeinung überrascht es nicht, dass die deutsche Ärzteschaft den Tausenden von Kriegsheimkehrern nach 1945, bei denen sich deutlich erkennbare psychische Symptome wie häufige Angstträume oder Verfolgungswahn zeigten, mit Skepsis begegnete, zumal wenn sich damit die Hoffnung auf eine Kriegsopferrente verband.

Die Freiburger Historikern Svenja Goltermann hat im Rahmen ihrer jüngst bei DVA erschienenen Habilitationsschrift einige Hundert erhaltene psychiatrische Krankenakten ausgewertet und auf deren Grundlage versucht, ein Psychogramm der deutschen Nachkriegsgesellschaft zu entwerfen. „Gesellschaft der Überlebenden“ lautet der Titel ihrer Arbeit, in der sie ihre Fragestellung auf drei Ebenen entwickelt. Außer der bereits erwähnten Sicht auf charakteristische Einzelfälle, wie sie sich in den untersuchten Krankenakten wiederfinden, zeichnet die Autorin in einem zweiten Ansatz sehr detailliert die fachliche Diskussion sowie den nur zögerlich vollzogenen Wandel der Ansichten innerhalb der deutschen Psychiatrie nach und rekonstruiert schließlich auf einer dritten Ebene das Koordinatensystem des damals öffentlich Sagbaren. Dabei gelingt es ihr, eine frappierende Übereinstimmung zwischen „Vulgo“, Wissenschaft und Medien zu diagnostizieren.

Mit Erstaunen nimmt der Leser zur Kenntnis, dass der immer noch gepflegte Mythos der solidarischen Wirtschaftswundergesellschaft neue Risse erhält. Kriegsheimkehrer, die nicht den Erwartungen der deutschen Trümmer- und Überlebensgesellschaft entsprachen, sondern sich zum Teil apathisch allen beruflichen Wiedereingliederungsversuchen entzogen, galten als Störfaktoren, Versager und Drückeberger. Ein verständnisvoller und fürsorglicher Umgang mit diesen von Niederlage und oft jahrlanger Gefangenschaft gezeichneten Männern war weder in der Öffentlichkeit noch innerhalb der Familien die Regel. Ganz nebenbei kann Svenja Goltermann damit auch die damals vor allem durch den Soziologen Helmut Schelski geprägte Vorstellung von der Familie als dem solidarischen Residuum nach dem Zusammenbruch aller staatlichen Fürsorge demontieren. Die Realität sah oft genug anders aus.

Zum Glück wahrt die Autorin zu den ausgesuchten psychiatrischen Fällen die notwendige Distanz und gerät nicht in das Fahrwasser eines die Opferrolle auf den Kopf stellenden Revisionismus. Denn in vielen der referierten Befunde spiegelt sich nicht nur die Opferperspektive, sondern es scheint auch allzu deutlich eine leider oft nur angedeutete Täterschaft durch. Das ,Unaussprechliche‘, wie es in dem bekannten Film von Wolfgang Staudte (Die Mörder sind unter uns) gleichsam archetypisch thematisiert wurde, gelangte leider nicht in die Akten.

Entgegen den heute dominierenden pauschalen Befunden einer PTSD (Post Traumatic Stress Disorder) bei vielen Kriegsheimkehrern verwirft Svenja Goltermann auch nicht generell die in den damaligen Krankenakten dokumentierten kritischen Bewertungen der Mediziner. Stattdessen greift sie die darin erkennbaren individuellen psychischen Belastungsfaktoren wie etwa die handfeste Angst, von den Militärbehörden der Siegermächte entlarvt oder zur Verantwortung gezogen zu werden sowie die gravierende Demütigung eines Statusverlustes in einer nach dem Sturz des Nationalsozialismus völlig neuen Welt auf. Verstörende Kriegs- und Gewalterlebnisse waren somit auch oft verquickt mit der als persönliches Scheitern empfundenen Niederlage oder dem damit verbundenen Verlust eines glorifizierten Weltbildes. Der damals schnell aufkommende Verdacht einer Funktionalisierung der eigenen Beschwerden lässt sich eben auch aus heutiger Sicht nicht so ohne weiteres vom Tisch wischen.

Diese differenzierte Sicht der Autorin kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass einige Hundert Krankenakten aus nur drei psychiatrischen Kliniken kaum genügen dürften, um das im Buchtitel angekündigte Porträt einer Gesellschaft der Überlebenden zu erstellen. Gewiss haben sich traumatisierende Kriegserfahrungen damals auch in zahlreichen anderen, nicht klinisch erfassten Verhaltensänderungen niedergeschlagen. Ein Beispiel hierfür wäre ein statistisch nachweisbarer Anstieg von Kriminalität und Gewaltdelikten, wie er inzwischen bei amerikanischen Veteranen, die aus dem Irak oder Afghanistan zurückkehren, zu verzeichnen ist.

Ein möglicher Anstieg der Suizidrate müsste ebenso in Betracht gezogen werden, während indes andere Auswirkungen von Gewalterfahrungen, wie zum Beispiel ein allgemeiner Anstieg somatischer Beschwerden kaum noch aus dem Quellenmaterial nachvollzogen werden dürfte. Erst weiterführende Betrachtungen in die skizzierten Richtungen würden die Ahnung einer möglicherweise tiefgreifend traumatisierten Nachkriegsgesellschaft, die Svenja Goltermanns Titel dem Leser vermittelt, endgültig verifizieren. So bliebt ihr immerhin das beachtliche Verdienst, mit ihrer Studie eine Bresche für weitere Forschungen geschlagen zu haben.

Titelbild

Svenja Goltermann: Die Gesellschaft der Überlebenden. Deutsche Kriegsheimkehrer und ihre Gewalterfahrungen im Zweiten Weltkrieg.
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2009.
590 Seiten, 29,95 EUR.
ISBN-13: 9783421043757

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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2010 » Politik und Geschichte
 

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Letzte Änderung: 20.01.2010 - 14:55:56
Erschienen am:21.01.2010
Lesungen: 3456
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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