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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2010 » Deutschsprachige Literatur
 
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„Truutschke fragt: War’s wer?“

Eine Klassikerausgabe versammelt in zwei Bänden Harry Rowohlts Kolumnen, Texte und Interviews

Von Nadine IhleRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nadine Ihle

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es gibt Momente, da steht man vor dem Bücherregal und seufzt: Nichts zu lesen! Und so greift man zu den Büchern, die schon ganz rundgelesene Rücken haben, vor lauter wieder und wieder gelesen werden. Harry Rowohlts Bücher sind solche Rundrücken – die gesammelten Kolumnen, Briefe und die „vergeigten“ Memoiren funktionieren in schier jeder Lebenslage, ob nun vor Prüfungen oder Hochzeiten, nach Geburten oder Trauerfeiern, ob an zu warmen Herbst- oder zu kalten Sommertagen.

Mit zwei zierlichen Bändchen in schickem Kavaliersgraubraun und natürlich dem echtem Winnie-the-Pooh vorne drauf, legt der Verlag Kein & Aber nun eine Klassikerausgabe von Rowohlts Texten vor. Die Bände enthalten hauptsächlich die gesammelten „Pooh’s Corner“, Rowohlt Zeit-Kolumnen gleichnamigen Titels, sowei Berichte, Texte und verstreute Interviews mit Harry Rowohlt. Der zweite Teil bietet auch die Übersetzer-Kolumne „Lost in Translation“, seit 2008 im Literaturmagazin der ‚Zeit‘ erschienen.

Die versammelten ‚Pooh’s‘ zu lesen ist ein bisschen, wie eine Schachtel Pralinen zu öffnen. Ach, so lecker, ein Stückchen geht noch, und ehe man sich versieht, ist man durch die Hälfte durch, hat das Lesebändchen noch nicht einmal rausgeklappt und beäugt wehmütig und mit schlechtem Gewissen gleichermaßen den schmalen Rest, der fürs zweite Zugreifen reichen muss. Beruhigenderweise kann man das Buch aber gleich wieder von vorne anfangen, im Gegensatz zu den Pralinen, und nochmal und nochmal und nochmal lesen, bis es schon ein bisschen rundrückig zwischen den anderen Platz nehmen kann.

Viele der Anekdoten und Begebenheiten finden sich an unterschiedlichsten Stellen fast identisch wieder – etwas, was insbesondere in Rowohlts Interviews und Briefwechseln augenscheinlich wird. Wie die Herausgeberin der Briefe, Anna Mikula, ganz richtig feststellt, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, die Briefe sind Generalproben für später Gedrucktes; ebenso klingen in den Interviews bereits veröffentlichte Geschichten wieder. Man könnte sich also mit den von Kein & Aber vorgelegten Bänden über Dubletten beklagen. Aber ganz so billig kommt die Kritik nicht davon.

Denn die verschiedenen Textsorten sind nicht deckungsgleich – die Briefe, Kolumnen, Berichte und Interviews haben zwar eine beachtliche Schnittmenge, bieten aber dennoch eine Fülle an großen und kleinen Einzelheiten, so dass sie problemlos nebeneinander wirken. So funktioniert auch gerade die neue, zweite Textsammlung mit ihrer sehr großen Zeitspanne von zwölf Jahren ganz hervorragend – bereits Bekanntes erzeugt das heimelige Gefühl von Vertrautheit, bisher Unentdecktes das wohlige Gefühl des Neuen.

Dabei muss es nicht immer das Schmunzeln und Amüsieren sein, das den Reiz der Rowohlt’schen Texte ausmacht. Über die Jahre hinweg entsteht in den Texten ein ganz eigenes Bezugssystem. So kann man zum Beispiel, auch wenn man Herrn Glockauer nie gekannt hat, doch die Verbundenheit nachvollziehen, mit der Rowohlt ihn immer wieder erwähnt. Weil es ein Glück ist, so einen Lehrer gehabt zu haben, auch wenn der nicht Herr Glockauer, sondern Frau Becker hieß (Hallo, Frau Becker!) – man nimmt als Lesender ein kleines bisschen Teil an Lebensausschnitten wildfremder Menschen. Die Charaktere und Typen wie Rowohlt sie in seinen Anekdoten schildert wirken einfach authentisch. Selbst von Personen des öffentlichen Lebens wie beispielsweise Horst Köhler entsteht auf diese Weise ein Bild, das lebendiger ist, als es jede Schickimicki-Glosse schaffen kann.

Eben genau darin liegt die ungeheuer überzeugende Strahlkraft sämtlicher Texte Rowohlts – sie wirken echt. Da denkt jemand im Fabulieren und poliert nicht ein aufgesetztes Image. Auch wenn man den Inhalten nicht immer folgen mag – ihre Wirkung bleibt davon unberührt; und so selbstverständlich dies für einen Kolumnisten eigentlich sein sollte, so selten ist es doch zu finden. Deshalb funktionieren die Rowohlt’schen Texte eben in jeder Lebenslage: sie verlangen einen offenen Geist und geben ein echtes Stück Literatur zurück.

Vielleicht sollte man auf den schicken Buch-Banderolen und den Plakaten vor den Lesesälen große Warnhinweise anbringen: nach dem Lesen der gesammelten ‚Pooh’s Corner‘ und dem Hören der zweiten Hamburger Nationalhymne ist man für mittelmäßige Kolumnen oder runtergespulte Standardlesungen völlig verloren. Dennoch sei jedem, der den Rowohlt’schen Texten bisher entgangen ist, geraten, diesem Zustand mittels dieser Neuerscheinungen abzuhelfen, es lohnt sich und macht im Gegensatz zu Pralinen auch nicht dick! In diesem Sinne: Rowohlt kann man gar nicht genug im Bücherregal stehen haben!

Titelbild

Harry Rowohlt: Pooh´s Corner. Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand. Kolumnen, Gespräche, Aufsätze und Berichte 1997-2000.
Kein & Aber Verlag, Zürich 2009.
300 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783036955476

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Letzte Änderung: 01.02.2010 - 12:36:08
Erschienen am:01.02.2010
Lesungen: 2299
© bei der Autorin und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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