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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2010 » Krimi
 
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Geisterseher

Maurizio de Giovanni kupfert charmant bei Donna Leon ab

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Diese Konstellation kommt einem bekannt vor: Ein Commissario mit Hang zu Extratouren, in diesem Fall namens Ricciardi, ein Adlatus, der den Commissario vor allen Unbillen zu schützen sucht, hier Maione genannt, ein Vizepräsident, der zwar trotz aller Unfähigkeit auf seinen Posten gekommen ist, ihn dennoch zu seinen Gunsten zu nutzen gewillt ist und von den Erfolgen seines Commissarios ebenso profitiert wie er ihn wegen seiner Kompetenz abgrundtief hasst.

Zwar hat Ricciardi keine Familie und es gibt auch keine ungemein kompetente und technikaffine Chefsekretärin, dennoch sind die Parallelen zu Donna Leons Grundkonstellation derart offensichtlich, dass man für eine solche Offenheit dankbar genug ist.

Sie lenkt zudem nicht einmal ab, stattdessen bietet Maurizio de Giovanni mit seinem Ricciardi eine ungemein charmante Variante des Leon’schen Modells. Er variiert es und er wärmt es ebenso auf, wie er es an seine Bedürfnisse anpasst. Und es bietet sich an, darin eine hämische Eloge auf die Unfähigkeit der italienischen Obrigkeit, einen freundlichen Verweis zugleich auf die hohen Kompetenzen der Italiener in der Sache und ihre enorme Freundlichkeit und Menschlichkeit im Allgemeinen zu sehen. Auch wenn es sich hier wieder einmal um ein literarisches Imago handelt, es ist ein merkwürdiges und ungemein interessantes Völkchen, da südlich der Alpen.

Aber de Giovanni leistet sich noch drei weitere Operationen, die seinen Krimi mitten ins Herz seines Publikums platzieren sollen. Auf Erfolg gebürstet also, das Ganze.

Da ist zum einen die Fähigkeit des Herrn Commissario, die Toten selbst noch mit ihrem Leid leibhaftig vor sich zu sehen und zu hören. Ein Geisterseher also, der die überall platzierten Toten nicht nur symbolisch wahrnimmt. Immerhin verschwinden sie mit der Zeit, ansonsten müsste man wohl um das seelische Gleichgewicht Ricciardis fürchten, angesichts der jenseitigen Übervölkerung der Szenerie. Nun mag man das als symbolische Operation ansehen, die die Skeptiker noch bei Laune, die Esoteriker jedoch bei der Stange hält. Aber gewagt ist diese Ausstattung doch.

Für die historisch Interessierten und politische Bewussten hat de Giovanni das Geschehen in das Neapel Anfang der 1930er-Jahre platziert. Das faschistische Regime hat sich konsolidiert. Man hat sich arrangiert. Der Widerstand beschränkt sich auf bittere Kommentare, das Regime hat zwar das Verbrechen verboten, aber es findet nun einmal trotzdem statt. Weshalb jemand wie Ricciardi Polizist geworden ist.

Und schließlich beginnt de Giovanni die Karriere seines Commissario in einer Oper, und es ist der Star der Veranstaltung, der das Opfer ist. Ein sogar im Opernverrückten Italien sterbendes Genre verliert seinen größten Star – ein denkwürdiger Zusammenhang.

Nun ließen sich diese offensichtlichen Erfolgszutaten gut gegen das Buch ins Feld führen. Auch de Giovannis geduldige, beinahe schon behäbige Einführung seiner Hauptfiguren ist nicht gerade Kennzeichen eines rasanten Kriminalromans.

Und dennoch ist dieser kleine Band eine ungemein angenehme Lektüre. Man nimmt de Giovanni weder seine Kopien noch sein Schielen auf den Erfolg übel. Ganz im Gegenteil, alles das kommt als routinierte und intelligente Variation von Genremotiven daher. Der Roman unterhält unaufgeregt, und das ist ein hohes Gut.

Der Fall selber ist angemessen verwickelt und wird auch mit dem notwendigen Aufwand zur Lösung geführt. Dabei ist es ebenfalls nicht unerwartet, dass die erste Lösung nicht die Wahrheit abdeckt, auch wenn sie dem Vizepräsident wie dem Regime sehr angenehm wären. Ricciardi ist renitent genug, um sich darüber hinweg zu setzen.

De Giovannis Krimierstling ist also von beeindruckender Ausgewogenheit, seine Originalität wird ebenso wenig über- wie untertrieben, die Anleihen wirken immer noch sympathisch, so dass niemand wirklich etwas dagegen haben kann.

Auch die Schlusssequenz, bei der ein löbliches Ende der kriminalen Hauptsache gefunden wird – das Opfer war zwar ein Star, aber von allgemein anerkannter charakterlicher Scheußlichkeit –, ist hinreichend ausbalanciert, dass eben nicht nur dem Recht Geltung verschafft wird, sondern auch noch der Gerechtigkeit. Ein Menschenfreund, der Herr de Giovanni, wie es scheint. Und das ist ja auch mal angenehm.

Allerdings bleibt zu fragen, ob es auf diese Weise weitergehen kann. Nochmals eine Variation auf das Grundmuster wäre am Ende vielleicht des Guten zu viel. Nur ist zugleich zu erwarten, dass de Giovanni intelligent genug ist, dieser Falle zu entgehen. Zu hoffen ist es jedenfalls.

Titelbild

Maurizio de Giovanni: Der Winter des Commissario Ricciardi. Kriminalroman.
Übersetzt aus dem Italienischen von Carla Juergens.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
246 Seiten, 7,95 EUR.
ISBN-13: 9783518461020

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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2010 » Krimi
 

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Letzte Änderung: 26.01.2010 - 13:28:41
Erschienen am:27.01.2010
Lesungen: 2491
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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