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Lebendig tot?

Matthias Politycki bildet in „Jenseitsnovelle“ die Sprachlosigkeit einer Liebe ab

Von Susan MahmodyRSS-Newsfeed neuer Artikel von Susan Mahmody

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Hinrich Schepp, Professor für Sinologie, traut seinen Augen nicht, als er eines Morgens seine Frau Doro über eines seiner Manuskripte gebeugt tot am Schreibtisch vorfindet. Beinahe drei Jahrzehnte war das ungleiche Paar – er ein stark kurzsichtiger und erfolgloser Akademiker und sie eine geborene Gräfin und ihren Mann innerhalb der Universitätshierarchie schnell überholende Professorin – verheiratet gewesen. Nach einer Augenoperation entwickelt sich Schepp zum leichtsinnigen Lebemann, wodurch sich beider Leben ändert.

Dieses Szenario präsentiert uns Matthias Politycki in seiner „Jenseitsnovelle“ – so zumindest erfahren wir es aus Schepps Perspektive. Diese wird durch ein altes Manuskript zu „Marek, der Säufer“ und die hierin eingefügten Kommentare seiner Frau Doro sowie durch langsam aufkommende Erinnerungen an die Vergangenheit durchbrochen. Die teils sarkastischen Kommentare, die als eine Art ‚Abschiedsbrief‘ konzipiert sind, scheinen gar nicht mit dem unvollendeten Roman in Zusammenhang zu stehen. Der Protagonist Marek verliebt sich hier in die verführerische Kellnerin seiner Stammkneipe, seine Liebe bleibt aber unerwidert. Bei weiterer Lektüre erweist sich das Romanmanuskript jedoch als womöglich autobiografische Erzählung und scheint Doro von den Geheimnissen ihres Mannes mehr zu wissen, als dieser erahnen kann. Oder ist doch alles nur Einbildung? Fakt und Fiktion laufen hier durcheinander, kein Erlebnis wird bestätigt oder entkräftet, keine Gefühlsregung wird wertend kommentiert. Schepp bleibt nichts anderes übrig, als sich mit seiner Vergangenheit auseinander zu setzen und sich seinen Lebenslügen zu stellen.

Im Folgenden laufen Schepps und Doros Fiktion durcheinander und werden in der Gegenwart vereint. Die Fortführung des Romans durch seine Frau und ihre vielen Kommentare geben ein mehr als unvollständiges Bild ihrer Person, aber auch von Schepp erhalten wir nur ein schemenhaftes Bild. Der eine scheint das Wesen des anderen zu schildern – Schepp in seinen Erinnerungen an Doro und Doro in ihren Anmerkungen –, aber vollkommen fassbar wird keine der beiden Figuren. Ebenso verhält es sich mit der Handlung: alles wird nur suggeriert und vieles bleibt unausgesprochen, wodurch es dem Leser überlassen ist, seine Konklusionen zu ziehen. Zusammengehalten wird das Geschehen durch ein altes chinesisches, aus dem I Ging stammendes Zeichen, das die beiden Sinologen Doro und Schepp einst zusammenführte, jedoch auch die große Faszination der Kellnerin Dana ausmacht, die dieses Zeichen als Tattoo an ihrem Hals trägt und damit Schepp wie Doro gleichermaßen zu betören scheint.

Diese Tragödie um die Sprachlosigkeit einer Liebe schildert Politycki mit einer gehörigen Portion an Sarkasmus und Ironie, ohne jedoch nicht auf die nötige Tiefgründigkeit und Sensibilität zu verzichten. Mitunter ist die Erzählung auch etwas makaber, beispielsweise als der Zerfall von Doros totem Körper inklusive Totenflecken, Leichenstarre und Verwesungsgerüchen beschrieben wird, oder als Schepp so weit geht, seine verstorbene und einst geliebte Frau in einem Wutanfall zu beschimpfen und ihr gegenüber beinahe handgreiflich zu werden. Die Schilderungen aus „Marek, der Säufer“ unterbrechen das Geschehen, sowohl inhaltlich als auch durch den Stilwechsel (das Manuskript ist nämlich in Umgangssprache geschrieben, während die restliche Erzählung sprachlich recht hoch gehalten ist). Die Novelle endet genauso, wie sie begonnen hat: mit Schepp im Wohnzimmer und Doro am Schreibtisch sitzend, umgeben von einem süßlich-sauren Geruch, als hätte man vergessen, das Blumenwasser zu wechseln – einziger Unterschied: Doro lebt und ist gerade dabei, letzte Korrekturen an Schepps Manuskript vorzunehmen. Sollte alles am Ende bloße Einbildung sein und wurde Schepp von seinem schlechten Gewissen eingeholt – oder sollten diese Romankommentare, in denen Doro ihren Tod vorhersagt, doch eine Art finale Abrechnung mit ihrem Gatten darstellen?

Titelbild

Matthias Politycki: Jenseitsnovelle.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2009.
128 Seiten, 15,95 EUR.
ISBN-13: 9783455401943

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Letzte Änderung: 27.01.2010 - 16:32:25
Erschienen am:27.01.2010
Lesungen: 3233
© bei der Autorin und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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