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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2010 » Politik und Geschichte
 
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Der Papst und die postsäkulare Gesellschaft

Über Alan Poseners Band „Benedikts Kreuzzug. Der Angriff des Vatikans und die moderne Gesellschaft“

Von Norbert KugeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Norbert Kuge

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nimmt man den etwas reißerischen Titel hinzu, so müsste man eigentlich davon ausgehen, dass das Buch von Alan Posener die skandalträchtigen Ingredienzien besitzt, aus denen normalerweise Bestseller gemacht werden. In Deutschland als Sohn eines Engländers geboren und aufgewachsen, Ex-Mitglied einer kommunistischen Splitterpartei, Verfasser eines Buches über die Jungfrau Maria, Redakteur der „Welt“ und geschasstes Mitglied von Henrik M. Broders Bloggerseite „Achse des Guten“.

Solch ein exemplarischer Lebenslauf und ein derartig prägnanter Buchtitel machen neugierig. Posener bekennt gleich zu Beginn: „Dieses Buch ist erklärtermaßen eine Streitschrift. […] Ich halte Benedikts Denken für irregeleitet, gefährlich und in letzter Instanz für menschenverachtend, und versuche das zu begründen.“ Wenn das kein starker Tobak ist, was dann?

Um es gleich vorweg zu sagen, es geht weder um eine theologische Auseinandersetzung noch um eine religionskritische Streitschrift im Sinne von Dawkins, Hitchens und anderen. Vielmehr setzt sich Posener mit der machtpolitischen Rolle und der theologischen Ausrichtung Benedikts in und außerhalb der Kirche auseinander. Dem Charakter der Streitschrift gemäß, zeichnet er ein einseitiges Bild Benedikts, allerdings verfährt er nach seiner Auffassung weniger einseitig als Benedikt und seine Nachbeter in ihrem Kampf gegen die moderne Gesellschaft.

In neun Kapiteln belegt Posener seine massiven Vorwürfe anhand vieler Beispiele und untermauert sie mit Zitaten von Benedikt oder seinen Mitstreitern. Es geht insbesondere um „Demokratie und Kapitalismus, Vernunft und Aufklärung, Naturwissenschaft und Evolution, Nationalsozialismus und Holocaust“, aber auch um das Verhältnis zum Islam, zur Rolle der Frau, zur Homosexualität und zur Sexualität insgesamt. Da diese Themen nicht nur Katholiken angehen, sondern jeden Menschen, deshalb schrieb er das Buch.

Man kann die Hauptkritikpunkte Poseners auf wenige Stränge reduzieren. Einmal als einen Angriff auf Benedikts Geschichtsauffassung zur Rolle der katholischen Kirche. Hier besonders seine Ignoranz bezüglich der Verbrechen der Kirche in Südamerika im Zuge der der Missionierung, die Rolle der Kirche im „Dritten Reich“ und die heutige Haltung der Kirche zum Holocaust, dem Nationalsozialismus und dem Judentum. Die meisten Fakten sind bekannt und für den interessierten Leser kaum neu und überraschend. Lediglich die Haltung zum Nationalsozialismus und zum Holocaust, hier seine Rede in Auschwitz und seine Ausführungen zu den eigentlichen Opfern und Tätern, sind teilweise neu oder doch zumindest in dieser Zusammenschau bedrückend und gleichzeitig erhellend.

Ein zweiter Strang befasst sich mit den Aussagen und Meinungen Bendikts und Vertretern der Kirche zur Demokratie allgemein und zur Moral in der Gesellschaft: Auch hier überrascht nur die Anzahl der vielen Zitate zum Demokratie- und Moralverständnis, nicht aber die Substanz. Posener belegt anhand dieser Zitate, dass Demokratie für Benedikt und die katholische Kirche keineswegs die Staatsform ist, die für die Menschen am besten Freiheit, Gerechtigkeit und ein gutes Leben gewährleisten. Irritierend auch die seltsame Übereinstimmung in vielen Punkten mit Würdenträgern des Islam, wenn es um Probleme wie Religionskritik, Homosexualität, Sexualität und die Rolle der Frau geht.

Ansonsten ist die Nähe der Kirche in der Geschichte zu faschistischen oder anderen Diktaturen wie Franco, Salazar, Mussolini oder der Ustascha bekannt und längst dokumentiert, hier rennt Posener offene Türen ein. Wichtiger, weil grundsätzlicher, sind seine die Ausführungen zu Vernunft und Aufklärung sowie Naturwissenschaft und Evolution. Hier erfährt der Leser doch einiges Neue und Grundsätzliche über das Denken Benedikts und des Vatikans. Weil der Adressat der Kritik Poseners die Person Benedikts ist, berücksichtigt er zu wenig gegensätzliche Strömungen in der Kirche, wie es sie durchaus gibt. Posener will explizit nur dort kritisieren und anklagen, wo es ihn als politischen Bürger angeht, nicht aber in genuin theologischen oder religiösen Fragen.

Die Einwände gegen Posener liegen auf der Hand; man kann zwar seine Zitate nicht bestreiten, sie sind auch nicht aus dem Sinnzusammenhang gerissen, gleichwohl ist es ein Manko, dass Posener weder den theologischen Kontext noch den philosophischen Diskurs berücksichtigt, dadurch lässt sich der Vorwurf nicht von der Hand weisen, dass viele seiner Thesen und grundsätzlichen Feststellungen unterkomplex sind. Posener beachtet nicht die Warnung etwa von Jürgen Habermas, dass man „die Säkularisierung nicht als Nullsummenspiel zwischen den entfesselten Kräften von Wissenschaft und Technik auf der einen und den haltenden Mächten von Kirche und Religion auf der anderen Seite betrachten solle.“

Habermas warnt auch die säkulare Gesellschaft davor, sich von den wichtigen Ressourcen der Sinnstiftung abzuschneiden, vielmehr sollte die fließende und umstrittene Grenze zwischen säkularen und religiösen Gründen „als eine kooperative Aufgabe verstanden werden, die von beiden Seiten fordert, auch die Perspektive der jeweils anderen einzunehmen“. Genau dies tut Posener aber nicht, wenn er die Zitate Benedikts nur im Hinblick auf politische Korrektheit oder im Sinne eines aufgeklärten, säkularen Standpunktes diskutiert.

Trotz dieser grundsätzlichen Einwände kommt man nicht umhin, dieses Buch als einen gewichtigen Beitrag zur aktuellen Debatte über die Person Benedikt XVI. sowie über die Rückkehr und die aktuelle Rolle der Religionen zu sehen. Darüber hinaus bietet es einen wichtigen Kontrast und Vergleich zu der in der westlichen Welt herrschenden Debatte über den Islam. Poseners Buch zeigt deutlich auf, dass auch in der katholischen Kirche Tendenzen gegen die moderne Gesellschaft und Demokratie Raum greifen, die niemanden gleichgültig sein lassen können. Schade nur, dass Posener keine Diskussion über eine mögliche und sinnvolle Funktion und Rolle der Religion in der modernen Gesellschaft angesichts der Dialektik der Aufklärung eingelassen hat. Dies hätte den Leser nachdenklicher und interessierter zurückgelassen, als diese zweifellos richtige und wichtige Zusammenstellung von Anwürfen gegen Benedikt XVI. und die katholische Kirche.

Titelbild

Alan Posener: Benedikts Kreuzzug. Der Angriff des Vatikans auf die moderne Gesellschaft.
Ullstein Verlag, Berlin 2009.
268 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783550087936

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Letzte Änderung: 27.01.2010 - 15:53:25
Erschienen am:27.01.2010
Lesungen: 3181
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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